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INTERVIEW „Er trug den Frieden,
den er im Herzen hatte, zu anderen“ ÜBER FRANZ VON
ASSISI
Pater Pius Kirchgessner über
einen Mann, der in einer Person Aussteiger war und
Einsteiger: Der Friedensheilige Franz von Assisi
begeistert auch 800 Jahre nach seinem Tod noch viele
Menschen. Das Interview führte Alexander Schwabe.
Pater Pius, warum begeistert der
heilige Franziskus 800 Jahre nach seinem Tod noch so
viele Menschen?
Pater Pius Kirchgessner: Er
fasziniert, weil er ein Mensch war, der nicht nur eine
Theorie gelebt hat, sondern auch getan hat, was er
gesagt hat: Ich lebe nach dem Evangelium. Er spricht
deshalb weltweit nicht nur Katholiken an, sondern auch
Christen anderer Konfessionen und auch Menschen anderer
Religionen.
Was genau strahlt er aus?
Menschen erkennen bei ihm eine
gewisse Leichtigkeit. Er strahlt eine Freude aus trotz
Armut, trotz Krankheiten, trotz aller Sorgen, die er
hatte. Er verstand sich als ein Kind Gottes und fühlte
sich als solches innerlich frei.
Diese innere Freiheit kam aus der
Lektüre der Bibel?
Er las das Evangelium und lebte,
was er las. Sein Leben war existenziell praktiziertes
Evangelium.
Wie hat er Menschen gefunden, die
so dachten wie er?
Er hat sie nicht gesucht, sondern
glaubwürdig gelebt. Das hat andere angezogen aus allen
Gesellschaftsschichten: ein Rechtsanwalt, ein Priester,
ein Bauer aus der Umgebung von Assisi et cetera.
Um ihn waren erfolgreiche Leute
aus der gehobenen Schicht. Auch ihm hätte als Sohn eines
Kaufmanns eine große Karriere bevorgestanden. Er träumte
zeitweise davon, in den Ritterstand erhoben zu werden.
Warum haben er und seine Gefährten sich dennoch den
Außenseitern und Benachteiligten zugewandt?
Bei Franziskus waren es
verschiedene Widerfahrnisse, die ihn dazu gebracht
haben.
Welche waren das?
Als junger Mann hat er zum
Beispiel den Bürgerkrieg in Assisi erlebt zwischen
Adligen und normalen Bürgern. Kurze Zeit später nahm er
am Krieg mit Perugia teil, der rivalisierenden
Nachbarstadt. Assisi unterlag, Franziskus wurde gefangen
genommen und verbrachte ein Jahr im Gefängnis. Daraufhin
war er ein weiteres Jahr lang schwer krank und kam erst
langsam wieder auf die Beine.
Es gab demnach nicht den einen
großen Moment, der bei ihm alles änderte?
Es gab keinen Blitzschlag. Seiner
Umkehr ging einiges voraus. Es war ein Prozess, ein
Reifen über Jahre.
Ein weiteres verheerendes
Kriegserlebnis prägte ihn.
Er hatte sich für einen Kriegszug
in Apulien gerüstet, sein Vater ihn ausstaffiert. Der
hat ihn ja alles machen lassen: Feste feiern, Geld
ausgeben, Runden schmeißen bei fröhlichen Eskapaden.
Giovanni Bernardone, so Franziskus‘ bürgerlicher Name,
war der König der Jugend in Assisi. Er wollte etwas
Großes werden, eine Art Karriereritter. Doch er kam nur
einen Tagesritt weit bis Spoleto.
Was stoppte ihn dort?
Er hatte einen Traum, ein
Gesicht, wie es heißt. Jemand spricht zu ihm: „Wer kann
dir mehr geben? Der Knecht oder der Herr?“ Er antwortet:
„Der Herr.“ „Warum folgst du dann dem Knecht statt dem
Herrn?“ Dann stellt Franziskus die entscheidende Frage:
„Was willst du, Herr, dass ich tun soll?“ Die Antwort:
„Geh zurück in deine Heimatstadt. Alles weitere wird dir
gezeigt und geoffenbart.“
Was geschah danach, wie ging es
weiter?
Er geht zurück, innerlich froh,
dass er etwas Klarheit hat. Aber auch „so klein mit
Hut“, weil er sich vorher gebrüstet hatte, als was für
ein großer Held er zurückkommen werde.
Wie ist der Empfang?
Wenig spektakulär. Er sucht
fortan ruhige Orte auf, Kapellen. Er geht in den
Olivenhain. Er geht in die Weinberge. Er sucht die
Einsamkeit, die Stille. Und hört und ist sensibel und
bittet Gott weiter um Auftrag und Sinn für sein Leben.
Wird der Bitte um Sinn
entsprochen?
In gewisser Weise schon. Langsam
wächst in ihm das Gespür dafür, welchen Weg er gehen
muss. Sein erstes Gebet entsteht: „Höchster, glorreicher
Gott erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke
mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete
Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag
erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben hast. Amen.“
Die Bitte um Erleuchtung bedeutet
ja, dass er immer noch im Dunkel tappt.
Er sucht noch, ahnt aber schon
seinen Lebenssinn. Er fragt nach den drei göttlichen
Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe). Dann bittet er um
Empfinden, also um Gespür, Sensibilität, Offenheit. Aber
auch vom Kopf her: um das Erkennen dessen, was Gott mit
ihm vorhat: „dein heiliger Auftrag“.
Es gibt mitunter viele Stimmen,
die in einem tönen. Wie erkennt man da Gottes Stimme?
Da braucht es den Geist der
Unterscheidung. Franziskus hat das Geschäfts- und
Partyleben in der Stadt satt. Das hat ihn nicht erfüllt.
Karriereposten, Konsum, Erfolg – all das war hohl
geworden.
Krieg, Gefangenschaft und
Krankheit waren für Franziskus prägend. Muss einem das
Leben erst übel mitspielen, um sich existenziellen
Fragen zu stellen und nach einer höheren Bestimmung zu
suchen?
Niederlagen, Enttäuschungen, das
Scheitern – all das spielte eine Rolle. Seine Krankheit
war wahrscheinlich eine Art Depression, in die er
hineingerutscht ist. Er ist wie in ein Loch gefallen,
als er ein Jahr bettlägerig war und keine Freude mehr am
Leben hatte.
Noch einmal bekam Franziskus die
Krise: als er Aussätzigen begegnete.
Ein Schlüsselerlebnis: Eines
Tages trifft er außerhalb von Assisi auf einen
Aussätzigen. Bisher hatte er einen großen Bogen um die
Kranken gemacht, hatte zur Seite geschaut und sich die
Nase zugehalten. Vor dem Gestank und einer möglichen
Ansteckung hat er sich regelrecht geekelt.
Durchaus nachvollziehbar.
Doch da gibt er sich einen Ruck.
Er tut sich geradezu Gewalt an, steigt vom Pferd, geht
auf den Aussätzigen zu und gibt ihm Geld. Er wird vom
Aussätzigen umarmt. Da küsst er ihn. Später, kurz vor
seinem Lebensende, schreibt er in seinem Testament: „Da
wurde mir Bitteres, was mir widerwärtig war, in
Süßigkeit des Leibes und der Seele verwandelt.“
„Dolcezza“, Süße für etwas Schönes, Erfüllendes. Da hat
er inmitten der Misere Glück empfunden.
Eine harte Prüfung, eine echte
Herausforderung.
Gott habe ihn unter die
Aussätzigen geführt, sagt er. Und dann: „Ich tat ihnen
Barmherzigkeit.“ Das hat ihn verändert. Von da an hat er
die Aussätzigen-Heime aufgesucht. Er hat mit den
Aussätzigen sogar aus einer Schüssel gegessen. Er hat
ihren Eiter weggewischt, hat sie gepflegt. Darin hat er
Sinn gefunden.
Hat sich damit die Finsternis
seines Herzens aufgehellt?
Finsternis im Herzen bedeutet ja,
den Weg nicht zu sehen, nicht weiterzuwissen. Nun kannte
er seinen Weg. Jedenfalls kam bei Franziskus immer mehr
Licht ins Leben.
Etwa auch, als er vor Gericht
seinen Vater düpierte, indem er sich splitternackt
auszog?
Es war ein Akt der Befreiung. Der
Vater will veruntreutes Geld zurück, will ihn enterben,
weil er vom Sohn total enttäuscht ist. Er will ihm den
Kopf waschen, damit er wieder in die Spur kommt.
Stattdessen passiert das
Gegenteil.
Es kommt zum Skandal im
Bischofspalast. Franziskus sagt den entscheidenden Satz:
„Von jetzt an will ich nicht mehr sagen ‚Vater Pietro
Bernardone‘, sondern nur noch ‚Vater unser im Himmel‘.“
Er vertraut auf Gott, und es wird erzählt, dass der
Bischof ihm seinen Mantel umgelegt habe, nachdem
Franziskus seine Kleidung dem Vater vor die Füße
geworfen hatte. Er hat ihn also in den Schutz der Kirche
aufgenommen. Franziskus soll singend den Palast
verlassen haben.
Das Glück, die Leichtigkeit –
drücken sich diese Gefühle auch darin aus, dass es
heißt, Franziskus habe den Vögeln gepredigt?
Menschen reden mit ihrem Hund
oder ihrer Katze. Doch bei Franziskus ist es anders. Er
sieht alle Geschöpfe – Tiere, Pflanzen, auch die
Elemente – als Brüder und Schwestern, als von Gott
geschaffen. In seiner Vogelpredigt ermuntert er die
Vögel in Anlehnung an die Bergpredigt den Schöpfer zu
lieben und zu loben.
Wie real ist das zu nehmen?
Es zeigt jedenfalls, wie intensiv
und unverkrampft seine Beziehung zur Schöpfung war. Die
Vogelpredigt sagt vor allem etwas über sein
Selbstverständnis aus: Er sieht sich als Teil einer
großen Schöpfungsordnung, in der ihm alles zum Nächsten
wird. Es mag eine Legende sein, doch darin steckt wie im
Märchen eine Wahrheit.
In seinem Sonnengesang redet er
von „Bruder Sonne“ und „Schwester Mond“, von „Bruder
Feuer“ und „Schwester Wasser“, von „Bruder Wind“ und
„Schwester Tod“ und von „Mutter Erde“? Kein Wunder, dass
viele in Franziskus einen naturverbundenen Aussteiger
sehen.
Franziskus war ein Aussteiger: Er
hat das bürgerliche Lebensmodell verlassen. Doch er ist
auch ein Einsteiger. Es war keine Flucht bei ihm. Er hat
Verantwortung übernommen, etwa für eine
Brüdergemeinschaft oder für Aussätzige, Kranke und Arme.
Neben Armut und Schöpfung ist das
Thema Frieden zentral bei Franziskus. Was könnte er
heute beisteuern zur Frage von Krieg und Frieden?
Franziskus kann als großer
Friedensheiliger bezeichnet werden. Er trug den Frieden
zu anderen, den er selbst im Herzen hatte. Ein Mensch,
der Frieden verbreiten will, darf nicht mit sich selbst
im Clinch liegen. Sind in meinem Herzen nur Angst,
Aggression, Neid, Eifersucht oder Streitsucht, kann ich
keinen Frieden bringen.
Der innere Frieden genügt sich
nicht selbst?
Er will sich ausbreiten. Zu
Kreuzzugszeiten hat Franziskus einmal ohne Waffen, ganz
wehrlos, Sultan al-Malik al-Kamil von Ägypten
aufgesucht. Er kam nicht mit dem Vorwand, das sogenannte
Böse eliminieren zu wollen – wie es heute manchmal mit
Raketen und Drohnen weggebombt werden soll. Er wollte
sein Recht nicht mit Gewalt durchsetzen. Vielmehr suchte
er den Dialog. Im Anderen sieht er den Bruder und
spricht mit ihm auf Augenhöhe. Er macht ihn nicht
runter.
Ist dieses Verhalten auf Staaten
übertragbar? Gibt es bei Franziskus Aussagen darüber?
Da ist mir nichts bekannt.
Wenn Sie es auf einen Punkt
bringen wollten, was würden Sie sagen: Was ist der
Wesenskern franziskanischer Spiritualität?
Die Kurzformel lautet: Leben nach
dem Evangelium. Zum Beispiel die Weisungen Jesu in der
Bergpredigt zu befolgen. Und das mit ganzem Herzen. Das
hat er teils wortwörtlich in seinen Alltag
hineinbuchstabiert.
Was noch?
Weitere Kennzeichen
franziskanischer Geistigkeit sind: in der Wanderpredigt
den Frieden zu verkünden und die Brüderlichkeit, also
fraternitas. Wir nennen uns ja Minderbrüder, fratres
minores, also kleine Leute – nicht von der Gestalt,
sondern von innen her – wir wollen nicht großmächtig,
großspurig und triumphalistisch daherkommen, wollen
nicht herrschen, sondern dienen.
Mit dieser Haltung gehören Sie zu
einer Minderheit in der Gesellschaft.
Natürlich ist das nicht
Mainstream.
Viele Menschen können schon mit
dem Wort Gott nichts mehr anfangen.
In Afrika oder auf den
Philippinen mag das anders sein. Doch in der westlichen
Hemisphäre gibt es nicht nur eine Entkirchlichung und
Entchristlichung, sondern eine um sich greifende
Gottlosigkeit.
Was können die Kirchen tun, damit
das Wort Gott oder eine Idee von Gott wieder geläufiger
werden?
Glaubwürdig leben. Vorleben. Das
Evangelium leben, spielt eine ganz große Rolle.
Wie würden Sie die Quintessenz
des Evangeliums beschreiben?
Antwort: Du sollst den Herrn,
deinen Gott, lieben. Aus ganzer Seele, aus all deiner
Kraft. Und umgekehrt: Ich bin von Gott geliebt. Gott ist
gut. Franziskus sieht in Gott das Gute, das höchste Gut,
den Reichtum. Gott ist für ihn die Seligkeit.
Lieben und geliebt werden –
klingt wie ein Spruch aus der Ratgeberliteratur.
Es gibt ein Gebet, in dem
Franziskus das alles aufzählt. In jeder guten Gabe sieht
er tiefer, nämlich den Geber aller Gaben. Im Guten sieht
er den Ursprung von allem Guten. Daraus erwächst ihm
Dankbarkeit: ‚Lobt und preist meinen Herrn und dankt ihm
und dient ihm in großer Demut.‘ Das ist bei ihm das A
und O und vielleicht auch die Quintessenz. Der Schluss
vom Sonnengesang.
Veröffentlich im Sonderheft 2026
„außerORDENtlich“ des Konradsblatts
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