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Die Kirche stellt uns heute einen jungen Mann als Vorbild vor Augen,
dessen Leben so ganz anders verlief, als er es sich
erträumt hatte. Wir gedenken des Seligen Karl
Leisner, der im KZ Dachau zum Priester geweiht wurde und
als Märtyrer verehrt wird.
Nun, wenn wir heute an Märtyrer denken, haben wir oft
Bilder von Heiligen aus längst vergangenen Jahrhunderten
vor Augen. Menschen, die den Löwen zum Fraß vorgeworfen
wurden oder auf Scheiterhaufen starben.
Doch Karl Leisner ist ein Märtyrer unserer jüngeren
Geschichte. Er war ein junger
Mann aus Fleisch und Blut, modern, begeisterungsfähig, ein
leidenschaftlicher Jugendleiter, der die Natur liebte,
Tagebuch
schrieb,
Geige spielte und voller Tatendrang für Christus
brannte. Er starb 1945 mit gerade einmal 30
Jahren – entkräftet von den Folgen einer
Tuberkulose-Erkrankung und den unsäglichen Leiden im
Konzentrationslager Dachau.
Sein Leben stellt uns heute eine radikale Frage:
Wie weit geht meine persönliche Nachfolge? Was bin ich bereit zu wagen,
wenn mein Glaube und meine Freiheit herausgefordert
werden?
Doch wer war dieser Karl Leisner?
Geboren 1915 in Rees am Niederrhein und
aufgewachsen in Kleve, wuchs er in eine Zeit hinein, die
von extremen politischen Umbrüchen geprägt war. Schon
früh spürte er eine tiefe Sehnsucht nach Gott. Er
engagierte sich in der katholischen Jugendbewegung.
Für Karl war der Glaube keine
verstaubte Pflicht, sondern ein
Abenteuer. Er verbrachte Wochen mit Jugendlichen auf
Fahrt, sang, betete und redete mit ihnen über das
Evangelium. Sein Leitwort, das er schon mit 13
Jahren in sein Tagebuch schrieb, lautete:
„Christus – du bist meine Leidenschaft!“
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und
versuchten, die Jugend im Sinne ihrer
menschenverachtenden Ideologie gleichzuschalten, hielt
Karl Leisner dagegen. Nicht mit politischer Gewalt,
sondern mit der Kraft des Evangeliums. Er formte
Gruppen, in denen junge Menschen Rückgrat lernten.
Nach dem Abitur im Jahre 1934 ging Karls
Leisner zum Theologiestudium nach Münster. Er spürte
immer deutlicher den Ruf, Priester zu werden.
Der damalige Bischof von Münster, der spätere Kardinal
Clemens August Graf von Galen – selbst ein
unerschrockener Gegner des Regimes –, erkannte den Mut
dieses jungen Mannes und ernannte ihn zum
Diözesan-Jungscharführer. Wegen dieser Tätigkeit
wurde Leisner nun bereits von der Gestapo bespitzelt.
Die katholische Jugendarbeit war den Nazis ein Dorn im
Auge.
Zwei Außensemester verbrachte Leisner in Freiburg.
Im Sommer 1937 musste er sein Studium durch
ein halbes Jahr Reichsarbeitsdienst unterbrechen.
Am 19. März 1939 erhielt er in Münster die
Diakonenweihe. Bald danach begann Karl Leisners
Leidensweg. Er erkrankte an einer schweren
Lungentuberkulose und kam in ein Sanatorium in St.
Blasien im Schwarzwald. Es war das erste große Kreuz in
seinem Leben – das Verharren-Müssen in der Stille,
während draußen die Welt aus den Fugen geriet.
Im November 1939, kurz nach Beginn des Zweiten
Weltkriegs, schlug in München ein Attentat auf Adolf
Hitler fehl. Als Karl Leisner im Sanatorium davon hörte,
entfuhr ihm im Gespräch ein einziger, fataler Satz. Er
sagte: „Schade, dass er nicht dabei gewesen ist.“
Er meinte Hitler. – Ein Mitpatient zeigte ihn an. Noch
am gleichen Tag wurde er von der Gestapo verhaftet.
Aus der erhofften Genesung wurde eine Odyssee durch
Gefängnisse. Zuerst nach Freiburg, dann nach Mannheim.
Von dort kam er ins Konzentrationslager Sachsenhausen
und schließlich im Dezember 1940 Transport in die Hölle
auf Erden: das Konzentrationslager Dachau. Dort
kam er in den berühmt-berüchtigten „Priester- und
Pfarrerblock“, wo tausende Geistliche aus ganz Europa
eingepfercht waren. Zunächst arbeitete Leisner als
Häftling Nr. 22356 in der Gärtnerei.
Die Bedingungen im Lager waren grausam. Hunger,
Kälte, Willkür und die schwere körperliche Arbeit ließen
Karls Tuberkulose wieder voll ausbrechen. Er spuckte
Blut, hatte hohes Fieber und lag monatelang auf der
Krankenstation – abgeschnitten von der Welt, geplagt von
Schmerzen.
Karl war Diakon, sein größter
Lebenswunsch – die Priesterweihe – schien in
unerreichbare Ferne gerückt. Er schien am Ende zu sein.
Doch genau in dieser Dunkelheit ereignete sich das
„Wunder von Dachau“.
Ende 1944 wurde ein französischer Bischof, Gabriel
Piguet, nach Dachau deportiert. Den gefangenen Priestern
kam ein kühner, lebensgefährlicher Gedanke: Wenn ein
Bischof im Lager ist und ein Diakon da ist – warum
sollte der dann nicht zum Priester geweiht werden?
Unter den Augen der SS-Wachen, unter ständiger Todesgefahr, begann eine
beispiellose Aktion der ökumenischen und internationalen
Solidarität.
Mitgefangene schmuggelten heimlich die
Erlaubnis des Heimatbischofs von Galen ins Lager.
Kommunistische Häftlinge organisierten im
Lager-Arbeitsdienst Holz, aus dem heimlich ein
Bischofsstab geschnitzt wurde. „Victor in Vinculis“ –
„Sieger in Fesseln“ schnitzte ein Mithäftling auf
den Stab. Ein jüdischer Häftling half, die Gewänder zu
organisieren.
Am 17. Dezember 1944, 3. Advent, Sonntag Lätare, fand
in der Baracke 26 die Priesterweihe statt. Karl
Leisner, gezeichnet von der tödlichen Krankheit, empfing
das Sakrament. – Es ist die einzige Priesterweihe, die
jemals in einem Konzentrationslager vollzogen wurde. Ein
französischer Bischof weihte einen deutschen Diakon
inmitten von Schmutz, Gewalt und Tod.
Es war ein triumphaler Sieg des Geistes über die
Unmenschlichkeit. Karl feierte am zweiten
Weihnachtsfeiertag seine erste und einzige heilige Messe
– seine Primiz. Und man kann sich denken, welche
Seligkeit und welcher Ernst, den gesundheitlich äußerst
angeschlagenen und geschwächten Häftling erfüllte!
Völlig entkräftet erlebte Karl Leisner im April 1945
die Befreiung durch amerikanische Streitkräfte. Er war
nur noch ein Skelett. Freunde brachten ihn in ein
Sanatorium nach Planegg bei München. Er hatte den Terror
überlebt, doch sein Körper war zerstört. Er durfte noch
einmal seine geliebte Mutter in die Arme schließen, doch
sein Erdenweg war zu Ende. Am 12. August 1945 erlag er
seinen Leiden.
Seine letzten Tagebuchworte, die er kurz vor seinem Tod
schrieb, sind kein Klagelied, sondern ein Testament der
Liebe. Sie lauten: „Segne auch, Höchster, meine
Feinde! [...] Führe sie alle zur Umkehr [...], dass alle
Menschen sich als Brüder und Schwestern die Hände
reichen.“ – Nach Jahren der Folter und des Leids
hinterließ er kein Wort des Hasses, sondern ein Gebet um
Versöhnung.
Was fangen wir heute mit diesem Zeugnis an?
Karl Leisner zeigt uns, dass der Glaube keine
Schönwetter-Angelegenheit ist. Er zeigt uns, dass
Christus uns gerade in den Krisen, in den tiefsten
Tälern unseres Lebens nahe ist.
Karl hat nicht auf seine eigenen Kräfte vertraut,
sondern auf die verwandelnde Macht der Liebe Gottes, die
selbst Mauern aus Stacheldraht durchbricht.
Er fordert uns heraus, in unserer heutigen Welt – in
der oft Polarisierung, Egoismus und Gleichgültigkeit
herrschen – Menschen des Friedens, der Versöhnung und
des Mutes zu sein.
1996 hat Papst Johannes Paul II. Karl Leisner im Berliner
Olympiastadion zusammen mit Dompropst Bernhard
Lichtenberg seliggesprochen. Sein viel besuchtes Grab
befindet sich in der Märtyrerkrypta des Domes zu Xanten.
Bitten wir um die Fürsprache des Seligen Karl Leisner.
Bitten wir um den Mut – wie er – ein unerschrockenes
„Ja“ zu Christus zu sprechen – in den hellen Tagen
unseres Lebens ebenso wie in den dunklen Stunden.
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