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Evangelium
Kann ein Blinder einen Blinden führen?
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Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
In jener Zeit
39sprach
Jesus in Gleichnissen zu seinen Jüngern: Kann etwa ein
Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine
Grube fallen?
40Ein
Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der
alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein.
41Warum
siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den
Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?
42Wie
kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den
Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du
selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du
Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann
kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines
Bruders herauszuziehen.
Liebe Schwestern!
Am Ende der Exerzitien,
am Ende dieser Tage der Stille, des Gebets und der
intensiven Begegnung mit dem Herrn stehen wir heute
Morgen an einem Übergang.
Und genau
in diesem Moment, an der Schwelle zurück in den Alltag,
schenkt uns die Liturgie ein Evangelium, das uns wie ein
Spiegel vorgehalten wird. – Es ist das Wort Jesu vom
Splitter und vom Balken.
Auf den ersten Blick
mag dieses Evangelium für den Abschluss von Exerzitien
fast ein wenig ungemütlich wirken. –
Jesus
spricht von blinden Blindenführern, von Heuchelei und
von Fehlern, die wir beim Nächsten bereitwillig sehen,
bei uns selbst aber übersehen.
Doch
wenn wir tiefer hinhorchen, blickt uns aus diesen Worten
kein drohender Richter an, sondern ein liebevoller
Meister, der uns heilen will.
Jesus
geht es um die Reinigung unseres Herzens und unseres
Blickes.
„Kann ein Blinder einen Blinden führen?“, fragt Jesus. Wenn wir ehrlich
sind, kennen wir alle diese spirituelle oder menschliche
Blindheit. Wie schnell
meinen wir zu wissen, was für die Mitschwester gut ist.
Wie schnell
ertappen wir uns dabei, dass wir das Verhalten einer
anderen beurteilen oder gar verurteilen.
Jesus
lädt uns heute ein,
innezuhalten. Er sagt nicht, dass wir für das Wohl der
anderen nicht mitverantwortlich sind.
Aber
er setzt eine klare Reihenfolge:
„Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann wirst du
klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines
Bruders – oder deiner Schwester – zu ziehen.“
Erst
wenn wir unseren eigenen
„Balken“ – unsere eigenen Grenzen, unsere Fehler und
unsere Erlösungsbedürftigkeit – von Gott anschauen und
heilen lassen, gewinnen wir den klaren, liebevollen
Blick für die Mitschwester.
Erst
dann sehen wir nicht mehr nur den „Splitter“ im Auge der
anderen, sondern wir sehen einen Menschen, der genau wie
wir auf dem Weg ist.
Liebe Schwestern!
Sie kehren heute wieder in ihre Gemeinschaften zurück.
Vergessen Sie nicht, dass die Menschen, denen Sie heute
oder in den nächsten Tagen begegnen, keine Exerzitien
gemacht haben.
Man
kennt sich natürlich. Man kennt die Stärken der anderen,
aber man kennt auch die Ecken, die Kanten, die
wiederkehrenden Schwächen – die „Splitter“.
Das heutige Evangelium
ist eine Einladung, mit dem Blick Christi in Ihren
Alltag zurückzukehren. Ein Blick, der nicht fixiert ist
auf den Fehler, sondern ein Blick, der tiefen Respekt
vor der Geschichte und dem Weg der Mitschwester oder
Mitarbeiterin hat.
Was nehmen wir also mit aus diesen Exerzitien?
Erstens:
Die Kultur des liebevollen Hinschauens auf uns selbst. –
Haben wir den Mut, täglich vor den Herrn zu treten und
ihn zu bitten: „Herr,
nimm du den Balken aus meinen Augen. Heile meine
Blindheit! Heile mich, wo ich lieblos, ungeduldig oder
voreingenommen bin.“
Zweitens:
Den geschwisterlichen Blick der Barmherzigkeit. Wenn wir
der Mitschwester begegnen, schauen wir zuerst auf das
Wirken Gottes in ihr, bevor wir den Splitter wahrnehmen.
Das ist gelebte franziskanische Geschwisterlichkeit. Das
ist christliche Liebe.
Liebe Schwestern!
Der Herr hat Ihnen in diesen Tagen der Exerzitien
sicherlich das Auge des Herzens neu geöffnet.
Wenn Sie gleich in dieser Eucharistiefeier Brot und Wein
empfangen, dürfen Sie IHM all Ihre Sehnsucht hinhalten.
Bitten wir den Herrn,
dass er ihren Blick füreinander und für die Menschen, zu
denen sie gesandt sind, Tag für Tag verwandelt. – Möge
die Gemeinschaft, der Konvent, zu dem sie gehören und zu
dem sie heute wieder zurückkehren, immer mehr zu einem
Ort werden, an dem man einander hilft, klarer zu sehen –
nicht mit dem erhobenen Zeigefinger der Belehrung und
der Kritik, sondern mit der Hand der helfenden,
franziskanisch-christlichen Liebe.
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