Exerzitien mit P. Pius

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Wer sich selbst erhöht

(22. Sonntag - Lesejahr C / 1. September 2019 - 80 Jahre nach Beginn des 2. Weltkriegs; Lk 14, 1.7 - 14)

 

Evangelium

 

Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden

 

 

+Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

 

1Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.

7Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:

8Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du,

9und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.

10Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.

11Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

12Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten.

13Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.

14Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

 

 

„Wer sich selbst erhöht…“ – sagt Jesus im heutigen Evangelium.

Sie wissen wie der Satz weitergeht, liebe Schwestern und Brüder:

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.“ Wissen Sie auch, dass daraus ein Sprichwort wurde? Sie kennen es alle: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ – Selbsterhöhung und Hochmut gehen immer mit Herabschauen auf andere Menschen daher, mit Verachtung und sind letztlich ein Mangel an Selbsterkenntnis.

 

Interessant und spannend finde ich, dass das Jesus-Wort von der Selbsterhöhung und der darauf folgende Erniedrigung gerade heute im Evangelium vorkommt. Heute, am 1. September, achtzig Jahre nach einer der schrecklichsten Selbsterhöhungen, dem Beginn des 2. Weltkriegs durch Nazideutschland. Der Hybris, dem Hochmut, folgte wenige Jahre später der Fall, die Erniedrigung, die bedingungslose Kapitulation, nicht der totale Sieg, sondern der totale Ruin.

 

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht seinen Nachbarn: Polen. Der Grund: Großmannssucht! Der Führer, selbst ernannter „größte Feldherr aller Zeiten“, wollte es der Welt beweisen. Und da es keinen Kriegsgrund gab, wurde er erfunden. Ein deutscher Überfall von SS-Männern am Abend des 31.08.1939 auf einen deutschen Sender in Gleiwitz – ganz nahe an der polnischen Grenze – wurde als polnischer Überfall deklariert. Endlich konnte es losgehen. Endlich loslegen und losschlagen.

„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“, sagte Hitler am 1. September in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag, die vom Großdeutschen Rundfunk übertragen wurde. Selbst die Uhrzeit war gelogen. In Wahrheit wurde das Feuer auf die polnische Garnision auf der Westerplatte (Halbinsel bei Danzig) schon eine Stunde früher von einem Linienschiff aus eröffnet. Und sogar noch ein wenig früher begann ein verheerender Luftangriff auf Wielun, eine Kleinstadt bei Lodz.

Wer sich jahrelang großredet und großtut, will seine Macht auch irgendwann zeigen und der Welt beweisen. Und will Ruhm und Ehre, will Herrschaft und Sieg, koste es, was es wolle.

 

Aber: „Wer sich selbst erhöht…“ – Wie recht hat Jesus mit dem zweiten Teil des Satzes: „…wird erniedrigt.“

Am 1. September 1939 mögen viele sich auf dem Höhepunkt der Macht gewähnt haben. 1945 befanden sie sich auf dem Tiefpunkt. Von wegen „tausendjähriges Reich“! Der totale Zusammenbruch! Mehr als 60 Millionen Tote, zerbombte Städte, verwüstete Landschaften, Hunger, Armut und Elend, millionenfacher Schmerz. Es spottet Hohn und aller Beschreibung, wenn ein Politiker der AFD das alles als einen „Fliegenschiss der Geschichte“ bezeichnet.

 

Was am 1. September 1939 geschah, war ein Verbrechen und der Anfang von vielen weiteren Verbrechen, Ungerechtigkeiten, unsäglichen Drangsalen und schrecklichen Grausamkeiten.

 

Achtzig Jahre ist das her, eine lange Zeit.

Ich kann Menschen gut verstehen, die an all das nicht mehr erinnert werden wollen. Vorbei ist vorbei. Stimmt! – Aber erinnern sollten wir uns trotzdem, weil nur Erinnerung Zukunft schafft, weil Erinnerung davor bewahren hilft, das Gleiche oder Ähnliches noch einmal zu erleben.

Wir können aus der Geschichte lernen. Und ich denke, Deutschland hat daraus gelernt. Dem totalen Ende, der Erniedrigung folgte der Wiederaufbau, 1989 die Einheit Deutschlands. Seit 1945 können wir in Frieden leben. Ein großes Geschenk! Ich möchte fast sagen „Gnade“! Denn das ist keinesfalls selbstverständlich!

Es scheint mir wichtig, gerade heute daran zu erinnern, wo aus dem rechten Spektrum wieder Stimmen laut werden, die Hetze und Hass schüren und Anwendung von Gewalt propagieren.

 

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt“, sagt Jesus heute im Evangelium. Und Maria singt in ihrem Magnifikat: „Die Mächtigen stürzt er vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

Das Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Da ist viel Wahres dran. Und das gilt nicht nur für Kriegstreiber und Gewaltverbrecher.

Das gilt auch für unser alltägliches Zusammenleben in der Schule, in der Nachbarschaft, im häuslichen Bereich, am Arbeitsplatz, in der Pfarrgemeinde und in der Politik. Lange geht es gut, manchmal viele Jahre lang: Man ist oben, man ist am Drücker, man hat das Sagen, andere müssen spuren, werden ausgegrenzt, unterdrückt, schikaniert, diffamiert, diskriminiert, deklassiert, terrorisiert, gemobbt usw.

 

Liebe Mitchristen!

Nach Ruhm und Macht, nach Ehre und Herrlichkeit zu streben, groß herauskommen wollen, ist menschlich. Doch eines Tages ist das alles vorbei, spätestens im Tod. „Sic transit gloria mundi“ – „So vergeht der Ruhm der Welt“, hieß es früher bei der Papstkrönung.

 

Darum: Rede und mach dich nicht groß! Blas dich nicht auf! Bleib auf dem Teppich! Und auch wenn Du von anderen groß gemacht wirst, bilde Dir nichts darauf ein! Nimm dich nicht so wichtig! Lass alles Imponiergehabe! Setz dich nicht selbst in Szene! – „Was hast du, das du nicht empfangen hättest, hast du es aber empfangen, was rühmst du dich als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4, 7)

 

Am Schluss Deines Lebens wirst Du nicht gefragt: „Wie hast du geglänzt? Was hast du alles besessen? Was hast du Großes gegolten?“ Auch nicht: „ Wen hast du beherrscht, wen dir unterworfen…?“ Jesu Frage wird lauten: „Wem hast du gedient? Wen hast du beschenkt? Wen hast du geschätzt, wen geliebt und umarmt – um meinetwillen?“ (nach einem neuen geistlichen Lied)

 

Beim heiligen Augustinus, dessen Gedenktag wir vor kurzem gefeiert haben, findet sich folgendes Wort: „Die Ströme Gottes fließen nicht auf die Berge des Stolzes, sondern in die Täler der Demut“.

 

Ein Schüler kommt zum Rabbi und fragt: „Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es das heute nicht mehr?“ Der Rabbi gab zur Antwort: „Weil sich niemand mehr so tief bücken will.“

 

 

(Die Idee zu dieser Predigt sowie einige Gedanken und Formulierungen verdanke ich Michael Becker in: „Die Botschaft heute“ 7/2019)

 

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