Exerzitien mit P. Pius

Sie sind hier: Startseite Predigten Jahreskreis B "Ich wünschte mir, ihr wäret ohne Sorgen!"

             Was ist neu powered by crawl-it
Startseite
Jahresprogramm
Vorschau
Predigten
   Advent
   Weihnachten
   Fastenzeit
   Karwoche
   Ostern
   Pfingsten
   Sonntage im Jahreskreis A
   Sonntage im Jahreskreis B
   Sonntage im Jahreskreis C
   Werktage im Kirchenjahr
   Besondere Anlässe
   Festtage von Heiligen
   Herrenfeste
   Marienpredigten
Vorträge
Bildmeditationen
Geistliche Impulse
Persönliches
Fotogalerie
Kontakt
Links
 
 
 
 
 

"Ich wünschte mir, ihr wäret ohne Sorgen!"

(4. Sonntag - Lesejahr B; 1 Kor 7, 32 - 35)

 

ZWEITE LESUNG                                                                                                   

Die Jungfrau sorgt sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein

 

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther

 

Brüder!

32Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.

33Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.

34So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.

 

Der hat was gegen die Ehe! Der ist verklemmt und weltfremd!

Den kann man ja nicht ernst nehmen! Das ist doch alles alter Quatsch!

Vielleicht haben Sie so gedacht, als Sie vorhin die Lesung gehört haben, liebe Schwestern und Brüder!

Und tatsächlich: das ist ja keine leichte Kost, die der Apostel seiner Gemeinde in Korinth verabreicht, wenn er verheiratet und unverheiratet einander gegenüberstellt und dem Unverheiratetsein eindeutig mehr abgewinnt, die Ehelosigkeit favorisiert, weil seiner Ansicht nach der Unverheiratete sich um die Sache des Herrn kümmert und dem Herrn gefallen will, während der Verheiratete sich um die Dinge der Welt sorgt und seiner Frau gefallen will, bzw. die verheiratete Frau ihrem Mann.

Macht es sich da der Apostel nicht doch zu einfach.

 

Das mag damals ja für die frühchristliche Gemeinde in Korinth akzeptabel gewesen sein und gegolten haben, aber heute in einer Singlegesellschaft, wo zudem so viele unverheiratet zusammenleben, darf man da doch wohl einige Fragezeichen machen.

Selbst bei zölibatär Lebenden darf man Zweifel haben, ob sie immer, ganz und ausschließlich um die Sache des Herrn besorgt sind und niemand sonst gefallen wollen. Schön wär’s!

 

Andererseits: Gibt es nicht auch heilige Eheleute, heilige Väter und Mütter? Ich glaube sogar viel mehr als wir denken, auch wenn sie nie heiliggesprochen worden sind. Sollen die Verheirateten also Christen zweiter Klasse sein? Sind sie nicht auch getauft und Gott geweiht?

Die heutige Theologie teilt die Sicht und Einschätzung des Paulus nicht mehr, sondern sagt: Wer in Ehe und Familie seiner Verantwortung mit allem Ernst versucht nachzukommen, betreibt auch, eben auf diese, seine Weise die Sache des Herrn.

 

Trotz dieser kritischen Distanz zu Paulus: Die Frage, wie dem Herrn in rechter Weise gedient werden kann, bleibt aktuell. Für jeden Christen, Täglich.

 

Im Abschnitt davor, liebe Schwestern und Brüder – den wir am letzten Sonntag als Lesung gehört haben – da formuliert der Apostel sogar noch schärfer: „Wer eine Frau hat, soll sich zukünftig so verhalten, als habe er keine; wer weint, als weine er nicht; wer sich freut, als freue er sich nicht; wer kauft, als würde er nicht Eigentümer.“

Die Begründung, die Paulus dafür gibt, klingt in unseren Ohren ebenfalls seltsam. Sie lautet: Es lohnt sich nicht. Wörtlich sagt er: „Die Zeit ist kurz.“ Und: „Die Gestalt dieser Welt vergeht.“

 

Paulus ist der Meinung: Es dauert nicht mehr lang. Bald schon kommt der Herr. Dann ist hier sowieso alles zu Ende. Und deshalb lohnt es sich nicht, sich hier auf Dauer zu etablieren und einzurichten. Heiraten, kaufen, besitzen, Haus bauen – alles Dinge mit Verfallsdatum, alles vergänglich, alles keine Dinge für die Ewigkeit. Und die bricht an, wenn Christus kommt. Und in diese Zukunft zu investieren, darauf käme es an, das allein lohne sich wirklich.

 

Wir wissen, liebe Schwestern und Brüder, Paulus hat sich geirrt: Bis heute steht die Wiederkunft des Herrn aus. Ich glaube nicht, dass einer von uns damit rechnet, dass es jetzt gleich oder übermorgen passiert. Abgesehen von ein paar Sekten, die immer wieder einmal das Ende der Welt vorhersagen, erwartet wohl kaum einer unmittelbar heute oder in naher Zukunft den Tag des Herrn.

 

Und darum bauen wir Häuser oder heiraten, schicken die Kinder in die Schule, haben ein Bankkonto, kaufen neue Schuhe oder ein neues Kleid, planen den Urlaub, den runden Geburtstag. Denken nicht nur kurz- und mittelfristig, sondern auch langfristig. Wir rechnen mit einem Morgen und einem Übermorgen.

 

Angesichts der um ein Vielfaches gestiegenen Lebenserwartung rechnen wir sogar noch mehr als frühere Generationen mit Jahren und Jahrzehnten, die wir voraussichtlich zur Verfügung haben. Und sorgen darum vor und sichern uns ab.

 

Und doch, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir genau hinhören, dann merken wir: bei aller Zeitbedingtheit steckt doch eine Weisheit in den Gedanken und Ansichten des Apostels, eine Weisheit, die wir vielleicht erst noch entdecken müssen.

 

Etwas von dieser Weisheit klingt vielleicht in zwei kleinen Bege­benheiten an, die ich erzählen möchte:

Am Tag der Hinrichtung konnten die Eltern von Hans und Sophie Scholl ihren Sohn und ihre Tochter noch einmal im Gefängnis besuchen. Am Schluss der Begegnung mit Sophie sagte die Mutter: „Jetzt werden wir uns nicht mehr sehen“ Da antwortete Sophie: „Ach Mutter, die paar Jährchen!“

Die zweite Geschichte: Ein Mann auf dem Pilgerweg in Spanien bekommt für eine Nacht eine Unterkunft in einem Mönchskloster. Er staunt über den spartanischen Lebensstil der Mönche und die Kargheit im Kloster. Am nächsten Tag fragt er den Gastpater:

„Wo haben sie denn ihre Möbel?“ Der Pater fragte zurück: „Und wo haben Sie ihre?“ „Ja, ich bin auf der Durchreise“, sagte der Mann. „Wir auch“, erwiderte der Mönch.

 

„Wir sind nur Gast auf Erden“, heißt es in einem Lied. Paulus sagt: “Wir haben hier keine bleibende Stätte. Unsere Heimat ist im Himmel. Von dort erwarten wir den Retter, der kommen wird.“

 

Der wichtigste Satz in der Lesung heute lautet meines Erachtens:

„Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen.“

Was für ein Satz, liebe Schwestern und Brüder! Was für ein Wunsch! Es spricht aus ihm die ganz liebevolle, ich möchte sagen, mütterliche Sorge, die Paulus für seine Gemeinde hat.

Eltern wünschen das ihren Kindern, Großeltern erhoffen es für ihre Enkel: „Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen!“

 

Leben ohne Sorge um das fehlende Geld. Leben ohne Angst um den guten Schulabschluss, der einen Studienplatz garantiert. Leben ohne Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes. Leben ohne jahrelange, verzweifelte Suche nach dem richtigen Partner, ohne Angst um die Zukunft, ohne Zweifel am eigenen Wert, Leben ohne Angst um die Gesundheit, ohne Sorge um liebe Angehörige oder Freunde.

 

Wir haben viele Sorgen. Und die halten uns gefangen wie Sklaven. Wir möchten frei sein, sorglos leben, unbeschwert. Und können es oft nicht. Stattdessen leben wir fiebrig und gehetzt. Wir schaffen und raffen. Wir gieren und geizen. Wir sind gefangen im Hamsterrad von immer mehr, immer schneller, immer besser, immer noch effektiver, immer noch erfolgreicher.

„Du Narr“, sagt Gott in einem Gleichnis, das Jesus erzählt, zum reichen Kornbauer. „Heute noch stehst du auf meinem Terminkalender.“

 

„Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen!“ – „Ich wünschte, ihr wäret frei“ – so könnte man den Satz auch übersetzen.

Wie viele Chancen lägen darin, wenn wir nicht mehr ständig überlegen müssten, wie wir dem Chef alles recht machen können. Wenn wir nicht mehr krampfhaft dem Partner dauernd meinen, gefallen zu müssen. Wenn wir nicht mehr den Nachbarn unbedingt schöntun und uns selbst belügen müssten. Wenn wir nicht mehr angestrengt aufpassen müssten, ja nicht zu kurz zu kommen, sondern wenn wir leben könnten, wie Gott uns haben will: großzügig und gelassen, mutig und solidarisch.

 

Paulus nennt das „heilig“ und „untadelig“. Alte, ungewohnte Worte für eine, wie ich meine, ganz moderne und heilsame Sehnsucht.

 

Lassen wir uns diese Sehnsucht von niemandem ausreden, liebe Schwestern und Brüder! Oder gar zuschütten durch vorschnelle Erfüllung unserer Begierden.

Wir Menschen bleiben Suchende und Hungrige. Kein Angebot der Welt erfüllt uns ganz. Keine Mahlzeit sättigt uns für immer. Kein irdisches Glück genügt uns. Unsere Sehnsucht ist größer. Wir dürfen sie wach halten. Einer wird kommen und sie stillen.

 

(Einige Gedanken und Formulierungen verdanke ich Christa Brunner, in:

„Die Botschaft heute“ Heft 1/ 2012, Seite 461)

 

   Druckansicht

 

Seitenanfang