Exerzitien mit P. Pius

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Die Heilung einer kranken Frau

(13. Sonntag - Lesejahr B: Mk 5, 21 - 43, bes. 24 - 34)

 

EVANGELIUM                                                                                                   

Mädchen, ich sage dir, steh auf!

 

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus

In jener Zeit

21fuhr Jesus im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,

22kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen

23und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.

24Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.

25Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.

26Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.

27Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.

28Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.

29Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.

30Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?

31Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?

32Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.

33Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

34Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.

35Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?

36Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!

37Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.

38Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,

39trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.

40Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.

41Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!

42Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.

43Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

 

 

Im Evangelium haben wir heute gleich zwei Wundererzählungen gehört, die Erzählung von der Auferweckung der Tochter des Jairus und darin eingebettet die Heilungserzählung einer Frau, die seit zwölf Jahren an Blutfluss litt.

Zwölf Jahre: eine lange Zeit! Zwölf Jahre immerzu blutend.

Ich stelle mir das schrecklich vor. Was für ein Schicksal! Welch furchtbares Leid!

Viele Ärzte hat die Frau bereits aufgesucht, so berichtet der Evangelist. Ihr ganzes Vermögen hat sie ausgegeben. Es hat nichts genutzt. Im Gegenteil: Es ist immer schlimmer geworden.

 

Wer kann die Qualen und Komplexe dieser Frau ermessen?

Ist eine solch schwere Blutung schon belastend und peinlich an sich, so kommt für diese Frau hinzu, dass sie nach jüdischem Gesetz als unrein galt. Unreinheit hatte nicht nur den Ausschluss vom Gottesdienst zur Folge, sondern bedeutete Unberührbarkeit im buchstäblichen Sinn, eine Isolierung innerhalb von Familie und Gesellschaft. So kommt zur körperlichen Krankheit noch soziale Ächtung und Ausgrenzung hinzu.

 

Aber damit nicht genug. Muss diese Frau nicht auch das Gefühl des Ausfließens, des Sich-selbst-Verlierens gehabt haben?

Ob sie die Angst kannte, zu verbluten, völlig auszubluten?

Ob sie ihr Frausein als ein Ausfließen, als ein Sich-Verausgaben erfuhr? Ob sie von anderen gebraucht und ausgenutzt wurde?

 

Jedenfalls, mit so einer Frau weiß niemand etwas anzufangen.

Aus Angst vor Berührung und Ansteckung hält sich jeder von ihr fern. Und in ihrer Scham zieht sie sich selber immer mehr zurück, ist allein mit ihrer Not, abseits vom Leben, abgeschnitten von Beziehungen. Ein Teufelskreis! Eine ausweglose Situation!

 

Doch die Frau gibt nicht auf. Ihre Heilung beginnt, wo sie sich selbst traut, etwas für sich zu holen bzw. sich etwas zu nehmen. Das hat sie sich bisher nie getraut. Sie war immer nur für die anderen da und hat gegeben, sich eingesetzt und sich hingegeben. Und wurde dabei immer weniger, immer schwächer.

 

Als sie von Jesus hört, mobilisiert sie all ihre Kräfte, macht sich auf und sucht durch das Gedränge der Menschen einen Weg zu Jesus. Sie sagt sich: „Wenn ich auch nur sein Gewandt berühre, werde ich geheilt.“ Zum ersten Mal traut sie sich zu nehmen, was sie braucht.

 

Sie möchte heil sein, gesund, befreit von ihrem furchtbaren Leiden. Sie vertraut darauf, dass Jesus ihr helfen kann.

Allerdings, Jesus direkt und von sich aus anzusprechen, das traut die Frau sich nicht. Aber heimlich, wenigstens von hinten ihn berühren, d.h. nicht ihn selbst, sondern nur sein Gewand.

 

So wagt sie wie verstohlen die Berührung. Sie soll wie ein Zufall aussehen, ganz absichtslos. Und doch liegt in dieser Berührung die Hoffnung, das Vertrauen und die Zuwendung eines gesamten Lebens. Aus den Händen dieser Frau spricht der letzte Funke eines unbändigen Lebenswillens, der auf Jesus überspringt.

Durch den Glauben und das Zutrauen der Frau kommt ein Kraftstrom zwischen ihr und Jesus zustande. Und sie wird gesund. Der Blutfluss versiegt.

 

Jesus – eigentlich unterwegs zur todkranken Tochter des Jairus - bemerkt den heimlichen Annäherungsversuch der Frau. Er spürt: das war keine zufällige Berührung. Es ist eine Kraft von ihm ausgegangen.

Jesus will den Menschen sehen und kennenlernen, der sich ihm genähert hat. Diese Frau ist ihm jetzt wichtig. Er nimmt sich Zeit für sie.

Und sie meldet sich. Sie kommt heraus aus ihrem Versteck. Ganz offen und ehrlich sagt sie, was mit ihr los ist und was geschehen ist. Sie fällt vor Jesus nieder und sagt ihm die ganze Wahrheit.

Sie hat seine heilende und vertrauenerweckende Ausstrahlung gespürt. So bringt sie es fertig, vor ihm alles zu sagen, was sie bewegt. Sie fühlt sich angenommen mit ihrer ganzen Lebensgeschichte und mit ihrem Frausein.

 

Und Jesus? Kein Wort fällt darüber, dass sie nicht hätte tun dürfen, was sie getan hat.

Er sagt einfach nur: „Meine Tochter“ – eine ganz familiäre Anrede – „meine Tochter, dein Glaube, d.h. dein Vertrauen, hat dir geholfen! Geh in Frieden!“

Jesus durchbricht die Schranke des Gesetzes und die Rolle der Geschlechter.

Er nimmt die Frau ernst. Er sagt zu ihr „meine Tochter“.

Jesus heilt nicht nur ihre Blutung. Er gibt ihr darüber hinaus die Ermutigung mit: fühl dich nicht wertlos! Du bist jemand. „Meine Tochter“! Du bist es wert, geheilt zu werden! Du bist es wert, dass jemand auf dich aufmerksam wird. Du bist kein „Mauerblümchen“! Du bist kein Aschenputtel! Versteck dich nicht und schäm dich nicht!

Sehen Sie: das möchte Jesus und das versteht er unter Glauben, die Angst und Scheu zu überwinden, die bis zur Krankheit das Leben verunstalten und zerstören können, und statt dessen zu glauben und zu vertrauen. „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt Jesus, „dein Glaube“, gemeint ist: dein Vertrauen.

 

Liebe Mitchristen!

Die Heilung der blutflüssigen Frau zeigt uns Jesus als Heiland. Sie zeigt uns seinen Willen zu retten und zu heilen, und zwar ganzheitlich, Leib und Seele. Die Heilung der blutflüssigen Frau offenbart uns die helfende Güte Gottes und seine barmherzige Liebe.

 

„Meine Tochter“, redet Jesus die Frau zärtlich an.

Jesus schenkt das, was jeder Mensch am meisten braucht: Liebe.

Er lässt Menschen erfahren, dass sie von ihm als Gottes geliebte Töchter und Söhne angenommen, bejaht und geliebt sind.

Das gilt auch uns. Und das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – frohe Botschaft.

 

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