EVANGELIUM
Seht, das Lamm
Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt
+ Aus
dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit
29sah
Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt.
30Er
ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist,
weil er vor mir war.
31Auch
ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit
ihm bekannt zu machen.
32Und
Johannes bezeugte: Ich sah. dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube
und auf ihm blieb.
33Auch
ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er
hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt,
der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.
34Das
habe ich gesehen. und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.
Wir haben es
soeben im Evangelium gehört, liebe Schwestern und Brüder: Johannes der Täufer
bezeichnet Jesus als „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“
Die Hörer
und Hörerinnen des Evangeliums damals konnten damit etwas anfangen. Ihnen war
das Bild vom Lamm vertraut. Doch verstehen wir, was gemeint ist, wenn der
Priester im Gottesdienst – unmittelbar vor dem Kommunionempfang – im Blick auf
die erhobene Hostie – dieses Wort von Johannes dem Täufer zitiert? Oder wenn er
nach dem „Herr, ich bin nicht würdig…“ spricht: „Selig die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind!“
Was meint und
bedeutet das Bild vom Lamm? Was kann es uns sagen?
Eine
Geschichte jüdischer Herkunft erzählt:
Gott sah, was er
alles erschaffen hatte, und freute sich seiner geschaffenen Kreatur. Die Tiere
zogen in großen Prozessionen an Gott vorüber: wehrhaft mit Stoßzähnen die einen,
mit Krallen, die sich tief eingraben können, und Panzern die anderen. Es war
eine große Zahl mit vielerlei zuschlagenden, beißenden, vernichtenden
Werkzeugen. – Ganz traurig, in sich geduckt, stand ganz abseits ein Tier und
starrte auf die Büffel und Nashörner, die Schlangen und Tiger, die Löwen und
Krokodile: ein Lamm. – Es war wie verloren und hatte rein gar nichts, womit es
sich hätte wehren können gegen die Angreifer, geschweige denn selber auf andere
los gehen, denn es verfügte über kein einziges verletzendes oder gar
vernichtendes Werkzeug.
„Warum
gabst du ihnen so viele Waffen?“
fragte das Lamm den Schöpfer und fügte vorwurfsvoll hinzu: „Du weißt doch, was sie alles damit Schlimmes anrichten können
und tatsächlich anrichten. Sie morden sich gegenseitig.“
Da reute es Gott,
die Natur der Tiere so wehrhaft ausgestattet zu haben. „Und was soll ich dir
geben zu deinem Schutz?“ fragte der Schöpfer das Lamm. Aber von all dem, was
die anderen Tiere zu ihrem Schutz – wie Gott es wollte – bekommen hatten an
wehrhafter Ausrüstung, wollte das Lämmlein nichts. Es lehnte jedes Angebot, das
der Schöpfer ihm machte, einfach ab. Da gab ihm Gott: Geduld, Demut und Hingabe,
die „Waffen des Friedens“.
Wo immer uns in
der heiligen Schrift das Bild vom Lamm begegnet, überall schimmert durch: das Lamm
ist wehrlos. Es kennt keine Gewalt. Ohne Widerstand zu leisten wird es zum
Opfer. Die Wehrlosigkeit des Lammes finden wir auch bei Jesus Christus von der
Krippe bis zum Kreuz. Und deswegen passt auch das Bild vom Lamm so gut zu ihm.
Jesus
hat allerdings diese Wehrlosigkeit des Lammes freiwillig gewählt. Er hätte sich
wohl verteidigen und seine Jünger zum Widerstand aufstacheln können (die
Bereitschaft dreinzuschlagen war zumindest bei einigen vorhanden!).
Aber die Macht
des Bösen – die „Sünde der Welt“ – lässt sich nicht dadurch besiegen,
dass man mit gleichen Waffen zurückschlägt. Dadurch wird der Kreislauf der
Gewalt nur weiter fortgesetzt.
Jesus
erleidet ungerechte Gewalt, freiwillig und ohne sich zu wehren. So läuft sich
der Hass buchstäblich an ihm tot. Er nimmt die Sünde der Welt auf sich. Und in
seinem Sterben löscht er sie aus. Der Teufelskreis ist beendet.
Liebe
Mitchristen!
Im Mittelpunkt
des christlichen Glaubens steht nicht ein mächtiger Krieger, kein kämpferischer
Held, kein Gewalttätiger, der sich überall durchzusetzen weiß und dabei über
Leichen geht, rücksichtslos, gnadenlos.
Im Mittelpunkt
des christlichen Glaubens steht der Inbegriff des Schwachseins, das Lamm, der
leidende Gottesknecht, der freiwillig auf Gewalt verzichtet, die Schuld der Welt
auf sich nimmt, sie trägt und sie mit seinem eigenen Blut am Holz des Kreuzes
tilgt.
Liebe
Schwestern und Brüder!
Jeder von uns
erfährt, wie in der Welt das Böse mächtig ist. Überall herrscht das Gesetz von
Gewalt und Gegengewalt, der Mechanismus der Rache und Vergeltung im Großen und
im Kleinen. Druck und Gegendruck, Intrigen und Gegenintrigen und oft genug
offene Gewalttätigkeit, Hetze und Hass. – Wer durchbricht den Teufelskreis?
„Selig, die
zu Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind!“
Dieser Ruf, der
vom Priester vor dem Kommunionempfang oft gesprochen wird, lädt uns zur
tiefsten, innersten und innigsten Gemeinschaft mit dem Herrn ein.
Ob aus dieser
Vereinigung mit Jesus nicht auch die Kraft zuwachsen sollte, immer mehr seine
Gesinnung zu unserer Gesinnung, seine Haltung zu unserer Haltung, seine
Einstellung zu unserer Einstellung zu machen? Leben wie er gelebt hat. Lieben,
wie er geliebt hat. Gesinnt sein wie er. Leben aus seinem Geist.
So gesehen
sollten wir versuchen – so gut wie wir können – mit unseren Aggressionen,
Hassgefühlen und Machtgelüsten vernünftig, menschlich umzugehen, auf Hass, Rache
und Vergeltung zu verzichten, vielmehr an die Stelle des Bösen das Gute zu
setzen, zu segnen statt zu fluchen, zu grüßen statt eisig zu schweigen und zu
verzeihen, wo man beleidigt.
Natürlich
bedeutet das immer ein Schwimmen gegen den Strom, ein Leben gegen den Trend. Es
ist alternativ zu vielem, was in der Welt gilt. Dort zählen die Ellenbogen, dort
wird verlangt, sich durchsetzen und durchboxen, da lautet das Motto: „Wie du
mir, so ich dir!“ Und: „Jeder ist sich selbst der
Nächste.“
Liebe
Schwestern und Brüder!
Jesus lädt uns zu
einer anderen, einer neuen Gangart ein.
„Lernt
von mir“, sagt
er einmal, „denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“
Die Seinen sendet
er wie Schafe mitten unter die Wölfe.
Und „selig“
preist er diejenigen, „die keine Gewalt anwenden“, diejenigen, die voll
Sanftmut sind.
Es ist keine
Frage: Leben wie Jesus gelebt hat, Leben nach dem Evangelium, Nachfolge Christi,
Nachfolge des Gotteslammes – bedeutet immer auf die eine oder andere Art
Kreuzesnachfolge!
M.L. King, ein
Lehrmeister der Gewaltfreiheit, hat einmal gesagt: „Unsere Leidensfähigkeit
muss größer sein, als die Fähigkeit unserer Gegner zu hassen.“ Er hat es
riskiert. Er hat sich wehrlos gemacht. Er ist ein Märtyrer unserer Zeit
geworden. Ebenso Mahatma Gandhi, Erzbischof Oskar Romero und andere.
Ein
solches Wagnis erfordert Glauben:
Glauben an jenen Gott, der das Opfer Jesu angenommen hat als Versöhnungsopfer
für die ganze Menschheit. Glauben an den Gott, der das geopferte Lamm vom Tode
auferweckt und zum Herrn der Zukunft gemacht hat. Glauben an Jesus Christus, der
diejenigen, die Frieden stiften, Söhne und Töchter Gottes nennt und denjenigen,
die keine Gewalt anwenden verspricht, dass sie das Land erben.
Liebe
Schwestern und Brüder!
Wenn der
Priester in der Eucharistiefeier vor der heiligen Kommunion die unscheinbare Hostie
erhebt, den Leib Christi, und auf ihn als Lamm verweist, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, dann ist das wirklich frohmachende Botschaft. Und es gilt in der
Tat: „Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen
sind!“
Durch seine
Wunden sind wir geheilt, sind erlöst und befreit.
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