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EVANGELIUM
Seht, das Lamm
Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt
+ Aus
dem heiligen Evangelium nach Johannes
In jener Zeit
29sah
Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt.
30Er
ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist,
weil er vor mir war.
31Auch
ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel
offenbart wird.
32Und
Johannes bezeugte: Ich sah. dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube
und auf ihm blieb.
33Auch
ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er
hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst,
der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.
34Und
ich
habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.
Es
gibt in der Bibel Bilder, die sind für uns Menschen von
heute leicht zugänglich und recht gut verständlich, zum
Beispiel wenn Jesus das „Licht der Welt“ genannt wird.
Es gibt aber auch Bilder, mit denen wir uns eher schwer
tun.
Heute begegnen wir im Evangelium einem Bild, das uns
einerseits ganz geläufig ist, andererseits ist es uns
heute aber auch ziemlich weit entfernt.
Es ist das Bild „Lamm Gottes“ – als Bezeichnung für
Jesus. Einerseits ganz vertraut, weil wir es oft
benutzen, andererseits aber unserer Lebenswelt heute
ziemlich fremd.
Was meint die Bibel, was meint die Kirche, was meinen
wir, wenn wir Jesus als „Lamm Gottes“ bezeichnen?
Ein Zugang erschließt sich uns vom Alten Testament her.
Lämmer spielten dort im Opferkult eine wichtige Rolle.
Sie wurden regelmäßig als Opfergabe im Tempel
dargebracht.
Am jüdischen Pesach-Fest schlachtete jede Familie ein
Lamm. Und am Versöhnungstag praktizierten die gläubigen
Juden ein großes Sühneritual, bei dem ein Bock
stellvertretend für die Sünden des Volkes Israel sein
Leben lassen musste.
Immer war das Opfer des Lammes ein Zeichen und Mittel
für die Befreiung von Schuld. – Sowohl das Alte
Testament als auch andere Religionen waren davon
überzeugt, dass solche Opfer nötig seien, um Gott gnädig
zu stimmen, um seinen Zorn über die Sünden und
Verfehlungen der Menschen zu besänftigen, ja um sich
loszukaufen durch eine besondere Gabe.
Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu gelangten die
ersten Christen zu einer neuen und entscheidenden
Einsicht: Alles dies war nun nicht mehr nötig. Es
brauchte keine Lämmer und keine Opfer mehr, um auf diese
Weise die Vergebung der eigenen Sünden – und damit
Versöhnung mit Gott – zu erwirken. Denn Jesus Christus
nimmt die Sünden hinweg und befreit von aller Schuld.
Nicht der Mensch muss sich die Vergebung seiner Schuld
mühsam schaffen – Gott bietet sie ihm an, Gott schenkt
sie ihm in Jesus Christus. An die Stelle des eigenen
Tuns tritt das Empfangen, an die Stelle der eigenen
Leistung Gottes Gnade, an die Stelle der vielen Lämmer
das eine Lamm Gottes. – Wenn die Urkirche nach Tod und
Auferweckung Jesu dieses Bild prägte, wollte sie auf
diese Weise eine echte Frohbotschaft zum Ausdruck
bringen.
Der Evangelist Johannes stellt die Rede vom Lamm Gottes
– gleichsam als Programm – dem Leben und Wirken Jesu
voran. Schritt für Schritt wird sich erschließen, was
dieses Bild aussagt und bedeutet. Schritt für Schritt
wird sich zeigen, in welcher Weise das Leben Jesu dem
eines Lammes gleicht. Damit ist zugleich jetzt schon ein
gewaltsamer Tod im Blick.
Matthias Grünewald hat dieses Motiv in der
Kreuzigungsszene des Isenheimer Altars aufgegriffen:
Dort hat er den Täufer – der in Wirklichkeit vor Jesus
umgebracht wurde – bewusst neben das Kreuz gestellt. Er
zeigt mit langem Finger auf Jesus, den Gekreuzigten. Zu
seinen Füßen steht das Lamm, dessen Blut in den
Messkelch fließt.
Vielleicht ist uns das Bild vom Lamm Gottes heute fremd
geworden. Die Aussage, die damit verbunden ist, hat nach
wie vor etwas ungeheuer Befreiendes an sich. – Und darum
haben die Worte „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde
der Welt“ in Anlehnung an das heutige Evangelium ihren
festen Ort in jeder Eucharistiefeier.
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