Exerzitien mit P. Pius

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Der barmherzige Vater - der verlorene Sohn

(24. Sonntag - Lesejahr C, Lk 15, 1 - 32)

 

Ich möchte Sie einladen, heute einmal das Augenmerk auf den älteren Sohn zu richten. Er ist die eigentlich tragische Figur in diesem Hohelied auf die barmherzige Liebe Gottes. Ob wir uns nicht gerade in ihm wieder finden? Ist seine Verärgerung, seine Empörung nicht sehr verständlich? Hätten wir an seiner Stelle nicht genauso reagiert?

 

Man kann ja vieles ertragen und geduldig hinnehmen. Man kann vieles einstecken und hinunterschlucken. Man kann manches lange mit ansehen und gute Mine zum bösen Spiel machen. Aber einmal reicht`s einem. Dann ist das Maß voll. Das Fass läuft über. Dann bricht alles aus der Seele heraus.

 

Der ältere Sohn: Er hat nie Ärger gemacht, nie widersprochen. Er hat sich immer angepasst und gefügt. Nie hat er sich etwas herausgenommen, nie sich etwas zu Schulden kommen lassen, noch jemals über die Stränge geschlagen. - Pflichtbewusst ist er, gewissenhaft, ordentlich, anständig, arbeitsam. Wortlos und treu verrichtet er tagein tagaus seinen Dienst. Er weiß: Es wird einem nichts geschenkt. Alles hat seinen Preis. Von nichts kommt nichts.

Und jetzt bekommt der andere ein Fest. Alles wird ihm zurückgegeben, was er verspielt, verprasst und vergeudet hat. Empfangen wird er wie ein Weltmeister! Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Der ältere Sohn versteht die Welt nicht mehr. Er reagiert sauer, stocksauer. Eifersucht und Zorn steigen in ihm auf. So sehr fühlt er sich zu kurz gekommen, übergangen, benachteiligt, gekränkt, so tief sitzt Neid und Missgunst, so sehr empfindet er das Verhalten des Vaters als Provokation, dass er wie gelähmt ist. Er bringt es nicht fertig, „mein Bruder“ zu sagen: „der da, dein Sohn“.

 

Und nun will der Vater auch noch, dass er am Freudenfest teilnimmt. Da sträubt sich alles in ihm dagegen. Voll Trotz ist er. Er denkt nicht dran. Alles, nur das nicht! - Wer will’s ihm verdenken? Kann ihm das jemand verübeln?

Wenn schon der Vater dem da, diesem Taugenichts, diesem Tagedieb, diesem elenden Sünder nicht die Tür weist - verdient hätte er es ja! Strafe muss sein! - aber einige Jahre wie einen Tagelöhner hätte er ihn wenigstens halten können, eine gehörige Standpauke verabreichen, ihm ordentlich die Leviten lesen. Erst mal beweisen hätte der müssen, dass er es wirklich ernst meint. Alles, was recht ist! Wer nicht hören will, muss fühlen!

 

Statt dessen: Umarmung, Kuss, Mastkalb, Festkleid, Freudenmahl! Ohne Vorbedingungen, einfach so! Ist das zu verstehen? Ist das nicht des Guten zuviel? Gehört dem nicht viel mehr ein Denkzettel, und zwar ein saftiger? Sollte der nicht erst mal auslöffeln, was er sich eingebrockt hat? Sollte der sich nicht erst mal bewähren, bevor er so mir nichts dir nichts wieder aufgenommen wird und die Sohnschaft zurückerhält?

Statt dessen wird er mit Samthandschuhen angefasst und ihm zu lieb und ihm zu Ehren ein Fest veranstaltet. Er selbst, der immer da war, auf den stets Verlass war, der total solid gelebt hat, er hat nie auch nur annähernd etwas derartiges bekommen.

Und nun wird der Ausreißer ihm, der immer zur Verfügung stand gleich-, ja sogar besser gestellt, der Versager dem Leistungsträger, dieser liederliche Kerl ihm dem Guten, dem Rechtschaffenen. Ist das gerecht? Wer wäre da nicht erbost und empört? Wer würde nicht verbittert, hart und trotzig?

 

Fragen wir an dieser Stelle, wem erzählt Jesus dieses Gleichnis? Er erzählt es den 99 Gerechten, dass sie Verständnis hätten für das 100 te Schaf. Er erzählt es denen, die erbost, empört sind darüber, dass er sich der Zöllner und Sünder annimmt, ja sogar mit ihnen isst, also mit Leuten zusammenlebt, auf die andere mit dem Finger zeigen, um die anständige Menschen einen Bogen machen, in deren Nähe man ausspuckt, innerlich zumindest.

 

Dass er mit diesen Wertlosen, Gemiedenen, Verachteten Gemeinschaft pflegt, dass er die Güte Gottes verkündet ohne Schranken und Grenzen, dass er allen voll Erbarmen begegnet ohne Wenn und Aber, dass er seine verzeihende Liebe nicht von Voraussetzungen abhängig macht und die Vergebung des Vaters an keine Bedingungen knüpft, das eben ist der Skandal in den Augen derer, die keinen Sabbat auslassen, die tagein tagaus viele Gebete aufsagen, große Opfer bringen, haargenau die Paragraphen des Gesetzes achten, große Spenden machen und fasten, dass es staunenswert ist, ihnen, den „Richtigen“, die sich für rechtschaffen und fromm halten, die aber doch so hart, so verbissen, so verbittert und unbarmherzig sein können, erzählt Jesus dieses Gleichnis als Verteidigung gegen ihre Angriffe, als Rechtfertigung für seine Zuwendung zu den Sündern.

 

Sehen Sie: im älteren Sohn malt Jesus ein Porträt dieser Selbstgerechten, die sich keiner Schuld bewusst sind, die meinen sie wären recht, ihnen kann niemand etwas vorwerfen und sie selbst haben sich auch nichts vorzuwerfen. Gleichzeitig schauen sie voll Hochmut und Verachtung auf die Gescheiterten, Verlorenen und in ihren Augen verkrachten Existenzen herab.

Für sie hängt Gottes Liebe von Voraussetzungen ab. Sein Erbarmen ist an Bedingungen geknüpft. Sie denken ausschließlich in Kategorien von Strafe und Buße, Wiedergutmachung und Bewährung, Ordnung und Recht. Askese und Moral stehen bei ihnen an oberster Stelle. Gnade und Freiheit, ja sogar Freude sind für sie Fremdwörter. Für sie ist Gott einer, der straft und zurechtweist, bei dem man erst was bringen muss, der erst Leistungen, Verdienste, Bußwerke sehen will, bevor er die Tür öffnet. Grundlose, grenzenlose, bedingungslose Liebe und Vergebung passt nicht in ihr Bild von Gott. Erst Sühne, erst Wiedergutmachung - dann Vergebung. Das ist der pharisäische Standpunkt. Und diesen Standpunkt vertritt auch der ältere Sohn. Jesus erzählt dieses Gleichnis Menschen, die dem älteren Sohn gleichen.

 

Der Vater hört sich die Klagen und Vorwürfe des älteren Sohnes an. Er versucht ihm sein Handeln begreiflich und seine Freude über die Heimkehr des Jüngsten verständlich zu machen: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist dein.“ Warum kannst du dich nicht mitfreuen, warum weigerst du dich, wo du doch die Sohnschaft und damit alles als Geschenk hast? Der Vater war bereit, alles mit ihm zu teilen, nicht nur die äußeren Gaben, die Lebensgüter, sondern auch seine Liebe. Die Liebe des Vaters war immer da. Aber der Ältere hat diese Liebe nie angenommen.

 

Zum zweiten Mal geht an diesem Tag der Vater einem verlorenen Sohn entgegen, diesmal dem Älteren, dem Angepassten, der nie aus der Reihe getanzt ist, nie etwas Verbotenes getan hat, sich nun aber in der Opferrolle fühlt. Und doch: Ist nicht auch er vom Vater abgefallen? Zwar nicht äußerlich. Aber hat er sich nicht innerlich vom Vater entfernt, sich ihm entfremdet. Das Wort „Vater“ findet sich in seinem Mund ebenfalls nicht. Statt dessen redet er vom Knechtsein. Sieht er im Vater nur den Herrscher, in der Kindschaft eine Form der Knechtschaft? Voll Zorn regiert er nicht nur auf den jüngeren Bruder, sondern auch auf den Vater. Ist nicht auch er in gewissem Sinn „tot“ und muss wieder zum Leben, zur Liebe finden?

Von Dankbarkeit für das Leben im Haus des Vaters keine Spur, vielmehr Enge, Selbstgerechtigkeit, heimlicher Neid auf die Freiheit des anderen. Nach außen korrekte Fassade, aber dahinter: Eifersucht, Aggressivität, Groll, Bitterkeit, große Unzufriedenheit.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Dass der verlorene und weggelaufene Sohn zurückfand zu seinem Vater erzählt Jesus als Gewissheit. Ob aber dieser „richtige“ ältere Sohn der Einladung des Vaters folgt, ins Vaterhaus zurückkehrt und teilnimmt am Fest der Freude, das erzählt die Geschichte nicht. - Der verlorene Sohn darf beglückend erfahren, dass er für den Vater trotz allem Kummer, den er ihm gemacht hat und trotz aller Irrungen und Verwirrungen seines Lebens, noch Sohn ist, dass er angenommen ist. Ob auch der Ältere das Geheimnis der Vater-Kind-Beziehung verstehen lernt, ob es dem Vater gelingt die enge Sicht des Sohnes zu weiten, ob auch er sich besinnt und umkehrt und von der Freude des Vaters anstecken lässt, wissen wir nicht. Das Gleichnis hat einen offenen Schluss. Selber müssen wir uns fragen, wo wir stehen und wo wir hingehören.

 

Haben wir die Botschaft von der grenzenlosen Güte und bedingungslosen Liebe Gottes wirklich begriffen? Ist für uns Gott wirklich der liebende Vater des Gleichnisses oder ist er für uns noch immer der strenge Richter und Rächer, der strafende Gott?

 

Später wird der Verfasser des Johannesbriefes schreiben: „Gott ist die Liebe.“ Das ist sein Wesen. Er kann nicht anders als lieben. Und nur die Liebe, die Güte kann ein Herz verwandeln.

In der Bergpredigt aber sagt Jesus: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ – Und an anderer Stelle: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ Petrus fragt einmal: „Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt hat? Sieben mal?“ Und er meint damit sehr hoch zu greifen. Jesus antwortet: „Nicht sieben mal, sondern siebenundsiebzig mal.“ Ohne Ausnahme, immer! „Hättest nicht auch du Erbarmen haben müssen, wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ (Mt. 18,33) Gottes Liebe ruft unsere Liebe!

 

Amen

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