Exerzitien mit P. Pius

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Osterpredigt 2005

"Sie lebten, sie litten, sie starben"

 

Ein altes Märchen erzählt: Ein junger König beauftragte die Gelehrten seines Landes, die Weltgeschichte für ihn zu schreiben. Sie machten sich bald an die Arbeit. Nach vierzig Jahren legten sie das Ergebnis in tausend Bänden vor.
Der König, der inzwischen schon sechzig Jahre alt geworden war, sagte: „Tausend Bände kann ich nicht mehr lesen. Kürzt alles auf das Wesentliche!“ Nach zehn Jahren hatten die Gelehrten den Inhalt der Geschichte der Menschen auf hundert Bände zusammengefasst. Der König sagte: Das ist zuviel. Ich bin schon siebzig. Schreibt nur das Wesentliche!“
Die Gelehrten machten sich erneut an die Arbeit und fassten das Wichtigste in einem einzigen Buch zusammen. Damit kamen sie zum König, als dieser schon im Sterben lag. Der wollte wenigstens noch das Wesentliche aus der Arbeit der Gelehrten wissen. Da fasste der Vorsitzende der Gelehrtenkommission das Wesentliche der Geschichte der Menschheit in einem einzigen Satz zusammen: „Sie lebten, sie litten, sie starben.“


Liebe Mitchristen!

„Sie lebten, sie litten, sie starben!“ – Ist das alles? Ist das alles, was über das eigene Leben und über das Leben der Menschen zu sagen ist? – Fehlt da nicht eine wesentliche Dimension? Hat das Grab das letzte Wort? Ist der Tod die Endstation?

Auch Jesus wurde geboren, er lebte 30 Jahre in Nazareth, er hat gelitten unter Pontius Pilatus, ist gestorben und wurde begraben. Er lebte, er litt, er starb.
Leben, leiden, sterben..., wenn das alles wäre, wenn da nichts mehr käme, wenn es kein Danach und Darüber hinaus gäbe, wäre das nicht trostlos und hoffnungslos?

Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, mit Ostern steht alles auf dem Spiel.
Es geht um Tod und Leben. Ist mit dem Tod alles aus? Endet alles im Nichts? Oder gibt es eine Zukunft über den Tod hinaus?

Ohne Ostern wäre Golgotha die dunkelste der Stunde der Menschheit. Ohne Ostern wären die Sakramente leere Zeichen. Ohne Ostern wären die Märtyrer die bedauernswertesten Menschen. Ohne Ostern wäre unser ganzes christliches Mühen umsonst. Unser Glaube, unser Christsein wäre blanker Unsinn. Dann wäre es egal, ob ich als Mensch oder Hund geboren werde.

Auch mein Ordensleben wäre Unsinn. Wenn es Ostern nicht gäbe, wenn ich nicht glauben würde, dass Christus auferstanden ist, könnte ich eher heute als morgen meine Kutte an den Nagel hängen. Und das Messgewand hätte ich vorhin in der Sakristei erst gar nicht anziehen brauchen. Ohne Ostern wäre auch dieser Gottesdienst wertlos, unser Beten und Singen wäre sozusagen für die Katz. Wir alle könnten einpacken, der Organist seine Noten, sie ihr Gesangbuch, die Messnerin könnte das ewige Licht ausblasen und die Kirche abschließen für immer. Daraus ließe sich vielleicht ein Museum machen, ein Pferdestall, ein Heuschober oder eine Garage.

Liebe Schwestern und Brüder!

Alles steht und fällt mit dem Glauben an die Auferstehung. Davon hängt alles ab. Der Osterglaube ist das Herzstück, der Dreh- und Angelpunkt unserer Religion. Denn der Auferstehung verdanken wir alles. Durch die Auferstehung wird Jesu Wort Gotteswort, sein Werk Erlösungswerk. Alles verdanken wir Ostern: unseren Glauben, unsere Hoffnung, unser Leben in der Gnade, unser eigene Auferstehung, unsere Ewigkeit.

Seit Ostern wissen wir: unser Sehnen und Hoffen geht nicht in Leere, sondern findet Erfüllung und Vollendung. Seit Ostern wissen wir: unser Leben ist kein Laufen zum Grab, zum Tod. Es ist keine Sackgasse, sondern ein Unterwegssein in die Vaterarme Gottes.

Hier wird deutlich, liebe Schwestern und Brüder: Ostern, die Auferstehung Christi ist nicht ein Ereignis, das nur IHN ganz persönlich betrifft, sonder seine Auferstehung geht auch uns an. Auch wir sind nicht unterwegs zum Friedhof. Natürlich führt kein Weg daran vorbei, aber einer führt darüber hinaus in das Licht und das Leben in Gott. Denn dort, wo der Tod einen Punkt setzt, Schluss, aus, amen, da setzt Gott einen Doppelpunkt, einen alles verheißenden Doppelpunkt.

Der Tod ist nicht Ende, sondern Wende, nicht eine unüberwindbare Mauer oder ein schrecklicher Abgrund, sondern Tor ins Leben, Durchgang zum Leben in Gottes Licht, in Gottes Frieden. Der Satz unseres Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben der kommenden Welt“, dieser Satz ist keine Phrase. Er ist vielmehr die letzte, sichere Konsequenz aus allem, was wir Christen glauben.

Und so heißt es in einer Präfation beim Gedächtnis der Verstorbenen: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen.!“ Was für eine Hoffnung für unsere Verstorbenen und für uns selbst! Der Mensch hat ein Ziel. Dieses Ziel ist Gott. Wir haben über unseren Tod hinaus Zukunft in Gott.

Hinter unserem Leben steht einer, der weiß um unseren Hunger nach Leben, um unsere Sehnsucht nach Freude, um unser Verlangen nach Glück. Und er wird es erfüllen. „Ich bin gekommen, sagt Jesus, „dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Damit sind Leid und Not und Tod nicht aus der Welt geschafft, aber das Dunkel unseres Lebens ist erhellt. Jesu Auferstehung gibt uns Hoffnung und Zuversicht.

„Ich lebe“, sagt Jesus, „und auch ihr werdet leben!“

Sein Sieg über den Tod ist die Mitte und die Kraft unseres Glaubens. „Diesen Osterglauben kann uns niemand rauben.“

Bekennen wir uns dazu. Geben wir freimütig Zeugnis davon.

Der Osterglaube hat von Anfang an Menschen die Kraft gegeben für ihr Leben. Er hat viele Frauen und Männer veranlasst, Großartiges und Bahnbrechendes zu leisten. Nicht wenige sind für diesen Glauben in den Tod gegangen.

Mir stehen in diesen Tagen besonders zwei Personen vor Augen. Da ist einmal Sophie Scholl, vor 60 Jahren von den Nazis hingerichtet. Wie durch ein Wunder war es den Eltern von Hans und Sophie Scholl noch einmal gelungen, ihre Kinder zu besuchen. Freisler hatte das Urteil schon gesprochen: Hinrichtung durch das Beil. Inge Aicher Scholl berichtet von diesem letzten Wiedersehen:

Nach Hans wurde Sophie von einer Wachtmeisterin herbeigeführt. Sie trug ihre eigenen Kleider und ging langsam und gelassen und sehr aufrecht. Sie lächelte, als schaue sie in die Sonne. Auch sie war um einen Schein schmaler geworden, aber in ihrem Gesicht stand ein wunderbarer Triumph. „Nun wirst du also gar nicht mehr durch die Tür hereinkommen“, sagte die Mutter. „Ach die paar Jährchen, Mutter“, gab sie zur Antwort. Dann betonte auch sie fest, überzeugend und triumphierend: „Wir haben alles, alles auf uns genommen“, und sie fügte hinzu: „Das wird Wellen schlagen.!“
Es war in diesen Tagen ihr großer Kummer gewesen, ob die Mutter den Tod gleich zweier Kinder ertragen würde. Aber nun, da sie so tapfer und gut bei ihr stand, war Sophie wie erlöst. Noch einmal sagte die Mutter, um irgendeinen Halt anzudeuten: „Gelt, Sophie, Jesus.“ Ernst, fest und fast befehlend gab Sophie zurück: „Ja, aber du auch.“ Dann ging auch sie – frei, furchtlos, gelassen.

Der andere ist Oskar Romero, Erzbischof von San Salvador. Am 24. März 1980, also vor 25 Jahren, wurde er von einem rechtsextremistisches Killerkommando am Altar erschossen. Der Mann Gottes und Mann der einfachen Leute tat nichts anderes als auszusprechen, was er sah: gnadenlose Armut und brutale Unterdrückung weiter Bevölkerungsschichten. Er stellte sich auf die Seite der Armen und nannte Unrecht beim Namen.

Wenige Tage vor seinem gewaltsamen Tod schreibt er in sein Tagebuch: „Ich bin bereit, mein Leben in Gottes Hand zu legen, ganz gleich, wie es auch enden mag. Er hat den Märtyrern beigestanden. Und sollte es erforderlich sein, werde auch ich seine Nähe spüren... Ich weiß ganz sicher, dass mein Leben und Sterben in seiner Hand liegen. Trotz meiner Sünden setze ich auf ihn mein Vertrauen. Ich werde nicht enttäuscht werden. Das genügt mir, um glücklich zu sein...“

Ein Junge, der bei der letzten Messfeier des Bischofs dabei war, nahm seine Predigt auf. Auf der Kassette sind noch die Schüsse zu hören, die ihn tödlich trafen.

Die letzten Worte seiner Predigt waren folgende: „Möge dieser Leib, der für die Menschen hingegeben und dieses Blut, das für die Menschen vergossen wurde, uns die Kraft geben, unseren Leib und unser Blut, wenn wir Leid und Schmerz erdulden, wie Christus nicht einfach so, sondern als Zeichen von Frieden und Gerechtigkeit für unser Volk hingeben.“

Keine zehn Sekunden später fielen die tödlichen Schüsse. Der Mörder ließ Erzbischof Romero nicht die Zeit, um die eucharistischen Gaben von Brot und Wein als Opfergabe zum Himmel zu erheben. Er selbst wurde zur Hostie seiner letzten Eucharistie. Er lebte und starb als Priester, als guter Hirt, als Zeuge der Wahrheit. In der Feier des Abendmahles Christi kündigte sich für ihn nicht nur der Karfreitag an, sondern die unzerstörbare Hoffnung auf Auferstehung, Rettung, Erlösung, Befreiung.

Sophie Scholl und Oskar Romero sind für mich österliche Zeugen, total glaubwürdig und äußerst aktuell bis heute.

Mehr als viele Worte und mehr als alle graue Theorie hilft mir ein Blick auf solche Gestalten, auf solche Zeugen des Glaubens. Sie können uns anspornen und Mut machen, entschieden christlich zu leben, Zeugen des Glaubens zu sein in unserer Zeit und in unserer Umgebung.

„Ihr sollt meine Zeugen sein!“ Diesen Auftrag gibt Jesus den Seinen nach der Auferstehung. Überhaupt fällt mir auf, dass am Schluss jeder Ostererzählung ein Auftrag, eine Sendung steht. Auch Maria von Magdala wird am Ende ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen hineingenommen in eine Sendung. „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen...! „Apostolin der Apostel“, nennt sie der hl. Augustinus.

Sind wir, die wir heute zum Ostergottesdienst versammelt sind, wir, die wir hier in der Kirche Osterlieder singen, wir, die wir uns heute „frohe“ oder „gesegnete Ostern“ wünschen, sind wir uns unserer Sendung und unseres Auftrages bewusst?

Dazu braucht`s keine besondere Ausbildung, keine Pastoralexamen, keine exzellente Redekunst oder Gelehrsamkeit.

Es genügt ein gläubiges Herz, das entzündet ist von der Liebe Gottes. Es genügt, gepackt und ergriffen zu sein von Gott, um ohne Scheu und Menschenfurcht für den Glauben einzustehen. Allerdings, nur Ergriffene ergreifen. Nur Entzündete entflammen.

„Brannte nicht unser Herz als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ fragen die Emmausjünger und machen sich noch in der gleichen Nacht auf den Rückweg. Es drängte sie, Zeugnis zu geben von ihren Erfahrungen mit dem Auferstandenen. Es drängte sie, den anderen zu verkünden: Jesus lebt. Wir sind ihm begegnet.

Sind wir noch glühende Menschen? Brennt in meinem Herzen die Leidenschaft für Gott, für sein Reich, für sein Evangelium?

Drängt es uns, den Glauben weiterzusagen und weiterzugeben? Leidenschaft für Gott und um Gottes willen für die Menschen, müsste das nicht viel mehr unser Kennzeichen sein, das Markenzeichen von uns Christen? Ein Stück mehr missionarischer Schwung täte uns gut. Es braucht das Zeugnis des Wortes. Mehr noch braucht es das Zeugnis unseres Lebens.

Lassen wir uns wieder ergreifen von der Osterbotschaft! Lassen wir uns erfüllen von der Osterfreude! Lassen wir uns begeistern vom Geist des Lebendigen! Jesus lebt. Er geht uns voran.

Bekennen wir uns mutig zu ihm. Folgen wir ihm auf seinem Weg „bis nach der Zeit den Platz bereit an seinem Tisch wir finden.“

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