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Solange ich denken kann, hatte meine Mutter nur ein
Ziel: Sie wollte aus mir eine Berühmtheit machen. Und da
ich ein leicht lenkbarer Junge war, ließ ich mich auf
alle ihre Versuche friedfertig und eifrig ein.
Kaum war ich aus den Windeln, setzte sie mich vor ein
Klavier. Aber da ich nur ziellos darauf herumklimperte
und keine kleinen Musikstückchen erfand, sah sie ein,
dass sie keinen jungen Mozart geboren hatte.
Aber so schnell gab meine Mutter nicht auf. Sie kaufte
mir allerlei Malutensilien und beobachtete gespannt, was
ich damit wohl anfangen würde. Mit großer
Selbstüberwindung ließ sie es zu, dass ich alle Wände
meines Kinderzimmers bekritzelte, bemalte, beschmierte,
bespritzte. Dann war sie einsichtig genug, diesem
Treiben ein Ende zu machen. Sie nahm mir sämtliche
Malutensilien weg und bestellte einen Anstreicher, der
die Wände neu tapezierte.
Danach hege sie die Hoffnung, dass in mir vielleicht ein
künftiger Bestsellerautor schlummerte. So setzte sie es
durch, dass ich bereits mit vier Jahren lesen und
schreiben lernte. Als ich diese Künste einigermaßen
beherrschte, gab sie mir einen Stoß Hefte, in die ich
kleine Kindergeschichten schreiben sollte. Zum Glück
hatte ich noch ein paar Farbstifte von der Mal-Orgie vor
ihrem Zugriff gerettet. So kritzelte ich in die Hefte
mit großem Eifer ein buntes Heer von Strichmännchen,
malte zu jedem eine Sprechblase und schrieb dort „Peng“
oder „Au“ oder „Bum“ und ähnliche ausdruckstarke Wörter
hinein. Das war aber offenbar nicht das, was meine
Mutter von einem angehenden Autor erwartete.
So verfiel sie schließlich auf die Idee, aus mir eines
dieser schauspielernden Wunderkinder zu machen.
Vielleicht hätte sie Erfolg damit gehabt, wenn ich ein
Mädchen oder doch wenigstens etwas hübscher gewesen
wäre. Aber ich war ein ganz und gar durchschnittlicher
Junge mit abstehenden Ohren und widerspenstigen Haaren.
Außerdem lispelte ich erbarmungswürdig. Das konnte meine
Mutter aber nicht im mindesten schrecken. Ich erhielt
Sprechunterricht und lernte unter vielen Tränen ein
korrektes S zu sprechen und das R interessant zu rollen,
so wie es die großen Schauspieler machen. Außerdem
lernte ich, reinrassiges Hochdeutsch zu sprechen, eine
gar schwierige Kunst für jemanden, der in breitem
Pfälzisch aufgewachsen war.
Dieser erste Erfolg beflügelte meine Mutter. Aber durch
ihre ersten Fehlschläge vorsichtig geworden, zögerte sie
noch, mich bei einem Kindercasting vorzustellen. Da ich
mich in ihren Augen viel zu ungelenk bewegte, meldete
sie mich in einer Tanzschule an, wo ich nicht nur Tanzen
sondern auch richtiges Gehen lernen sollte. Es störte
mich anfangs etwas, dass ich der einzige Junge in diesem
Kurs war. Aber die Mädchen hatten sich rasch an mich
gewöhnt. Und mit ihnen lernte ich auf den Spitzen gehen
und tanzen und außerdem elegant zu schreiten und mich
überhaupt sehr anmutig zu bewegen.
Meine Ausbildung hatte einiges an Zeit in Anspruch
genommen. Ich muss so etwa neun Jahre alt gewesen sein,
als meine Mutter meinte, nun wäre ich so weit. Eine
Freundin meiner Mutter hatte in Erfahrung gebracht, dass
Kinder für eine Neuverfilmung von „Heidi“ gesucht
würden. Meine Mutter hielt das für einen Wink des
Schicksals und meldete mich zum Casting an.
Es hätte ihr zu denken geben sollen, dass man mir die
Nummer 13 zuteilte. Aber meine Mutter war nicht
abergläubisch und ganz zuversichtlich. Da ich kein
Kleinkind mehr war, trennte man mich von ihr. Eine
freundliche Dame nahm mich mit in einen anderen Raum und
gab mir ein paar Sachen, die ich anziehen sollte: eine
ausgebeulte Hose, ein hässliches Jägerhütchen. Offenbar
hatte man dort nicht viel Geld. Die Socken, die ich
anziehen sollte, hatte arge Löcher. Es war mir etwas
peinlich, weil mein dicker Zeh, der sich durch eines
dieser Löcher bohrte, nicht so ganz sauber war. Und da
man mir nur Sandalen dazu gegeben hatte, ließ sich das
nicht verbergen. Das war nun leider nicht zu ändern.
Aber ich nahm mir vor, diesen Mangel dadurch
auszugleichen, dass ich mein Bestes geben würde.
Die freundliche Frau nickte anerkennend bei meinem
Anblick. Offenbar war ihr der schmutzige Zeh entgangen.
Sie führte mich in einen anderen Raum, in dem drei
Männer und eine Frau saßen. Auch die schienen meinen
schmutzigen Zeh nicht zu bemerken, denn sie nickten
ebenfalls sehr anerkennend.
„Grad so hab ich mir den Peter vorgestellt. Da stimmt
alles: die Haare, die Ohren, der Blick“, meinte die
Frau.
Darüber staunte konnte ich nur staunen. Denn
mittlerweise wusste ich, dass Haare und Ohren nicht
gerade die schönsten Teile an mir waren. Und mein Blick?
Da wusste ich nicht so recht, was sie damit wohl meinte.
Einer der Männer gab ein Grunzen von sich, das
zustimmend klang. Nun ja, wenn ich den beiden gefiel,
konnte das nicht schaden. Damit hatte ich immerhin schon
zwei der Prüfer auf meiner Seite. Und ich war fest
entschlossen, die anderen drei auch noch zu überzeugen.
„Sag mal: Mei Groasmutta. Dös is aba a Freid!“ forderte
mich nun der Grunzer auf. Also dem hätte ein bisschen
Sprecherziehung auch nicht geschadet, dachte ich. Aber
ich würde denen schon zeigen, was ich drauf hatte. So
sagte ich in meinem besten Hochdeutsch sehr laut und
klar. „Meine liebe Großmutter. Das ist aber eine
Freude!“ Das „liebe“ hatte ich hinzu gesetzt, weil mir
schien, dass das etwas herzlicher klang. Das hätte ich
vielleicht nicht tun sollen. Jedenfalls schien das den
Leuten nicht zu gefallen.
Die Frau, die mich gebracht hatte, sagte: „Das ginge
nur, wenn wir das …“ Und dann gebrauchte sie ein mir
unverständliches Wort, das, wie ich heute glaube, wohl
„synchronisieren“ war.
„Kann er denn wenigstens gehen?“ fragte nun einer der
beiden Männer, die bis jetzt noch nichts gesagt hatten.
Und ob ich das konnte. Nun hatte ich endlich die
Gelegenheit zu zeigen, was ich in drei Jahren Tanzschule
gelernt hatte. Mit anmutig erhobenen Haupt schritt ich
elegant zehn Schritte vorwärts und zehn wieder zurück.
Das war gar nicht so leicht mit diesen komischen
Sandalen. Aber ich schaffte das ohne den kleinsten
Patzer.
„So geht doch kein Bauernjunge!“ meinte die zweite Frau.
Das will ich meinen, dachte ich und freute mich über die
Anerkennung. Die Frau, die mich gebracht hatte, gab mir
nun einen dicken Knüppel in die Hand und sagte: „Jetzt
geh mal ein paar Schritte und stell dir vor, du würdest
ein paar Ziegen vor dir her treiben.“
„Ein paar Ziegen?“ Gut, dass meine Mutter das nicht
hören konnte. Sie war immer sehr ärgerlich geworden,
wenn ich Mädchen als Ziegen bezeichnet hatte. „Vor dir
hertreiben?“ Ich erinnerte mich an eine schwierige Übung
in der Tanzschule, bei der ich auf Zehenspitzen hinter
den Mädchen her eilen musste. Vielleicht nannte man so
was hier „vor dir her treiben“. Ich konzentrierte mich
und stellte mir vor, dass die Mädchen vor mir her
huschten. Gleichzeitig erhob ich mich blitzschnell auf
die Zehenspitzen, was mit diesen blöden Sandalen kaum zu
schaffen war, und eilte mit geschmeidigen Bewegungen
hinter den imaginären Mädchen her - soweit die Sandalen
das zuließen.
Danach nahm die freundliche Frau mich bei der Hand und
brachte mich wieder raus. Ich war sehr froh und
erleichtert, dass alles so gut geklappt hatte.
Meine Mutter war zuerst sehr enttäuscht, als man ihr
mitteilte, dass ich für die Rolle nicht geeignet sei.
Ich versicherte ihr, dass ich wirklich mein Bestes
gegeben hatte. Da streichelte sie mir über den Kopf. Und
seitdem durfte ich endlich ein ganz normaler Junge sein.
© Gisela Baltes
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