Exerzitien mit P. Pius

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Gottesliebe - Nächstenliebe - Selbstliebe (Mt 22, 34 - 40)

Eine Frau kommt zu einem Rabbi und sagt: „Ich nehme deinen Glauben an, wenn du mir – solange ich auf einem Bein stehen kann – sagst, was das wichtigste in deinem Glauben ist.“

Da sprach der Rabbi: „Höre Israel! Jahwe, unser Gott Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus zitiert auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot genau die gleiche Stelle wie der Rabbi: Deuteronomium 6, 5. Dieses Gebot ist das Herzstück des jüdischen Glaubens. Und es ist bis heute das Kerngebet jedes frommen Juden.

 

Jesus reiht sich mit seiner Antwort in die jüdische Glaubenstradition ein. Die Gottesliebe ist auch für ihn das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist Jesus zufolge aber das zweite: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.!“

Jesus entnimmt auch dieses Gebot dem Alten Testament: Levitikus 19, 18.

Das zeigt: Jesus baut auf Bestehendem auf. Er will das, was sich längst als richtig erwiesen und als gut bewährt hat, bewahren und gleichzeitig zu neuem Leben führen.

 

Das inhaltlich Neue bei Jesus ist, dass er die beiden Gebote, das der Gottes- und das der Nächstenliebe direkt miteinander verknüpft, sie zu einer Einheit verbindet uns sie somit auch als gleichgewichtig nebeneinander stellt und alle anderen Bestimmungen diesem Doppelgebot unterordnet.

Neu ist bei Jesus auch, dass er die Liebe zum Nächsten nicht einschränkt. Das Gebot der Nächstenliebe kennt keine Grenzen weder der Nation noch der Religion oder sonst eine Beschränkung. Alle Menschen sind Kinder des einen Vaters.

 

Alle Gottesliebe bleibt allerdings leer und hohl und letztlich unfruchtbar, wenn sie sich nicht als echt erweist in der Liebe zum Nächsten und im Dienst am Nächsten. In der Liebe zu unseren Mitmenschen offenbart und bewährt sich die Liebe zu Gott. Ja, es ist Liebe zu Gott, wenn wir den Bruder, die Schwester lieben.

 

Ein Rabbi erzählt:

Wie man einen Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er, wie die anderen alle. Als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: „Sag, liebst du mich oder liebst du mich nicht?“ Jener antwortete: „Ich liebe dich sehr.“ Aber er sprach wieder: „Du sagst, ich liebe dich und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.“ Der andere vermochte kein Wort zu erwidern. Und auch der Bauer, der gefragt hatte, schwieg wieder wie zuvor.

Ich aber verstand: Das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen. (Martin Buber)

 

Das ist die Liebe zu den Menschen: Ihr Bedürfen spüren, sich in die Lage des anderen hineindenken, sich in ihn hineinversetzen, sich einfühlen, mitfühlen, mittragen, mitleiden. Spüren, was dem anderen fehlt oder was er braucht, was ihm gut tut.

 

Das kommt in einer anderen Geschichte gut zum Ausdruck:

Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der Jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der Ältere war unverheiratet und allein. – Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten zusammen das Feld und streuten zusammen den Samen aus.

Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße: für jeden einen Stoß Garben.

     Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht. Er stand auf und nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.

     In der gleichen Nacht nun, geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: „Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?“ Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zum Stoß des anderen.

Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder und jeder war erstaunt, dass die Garbenstöße die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte darüber zum anderen ein Wort.

     In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen.

Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander. Und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe.

     Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach:

Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen.

 

Wie ganz anders ist oft unser Verhalten und unsere Einstellung zum anderen. Wie ganz anders oft unser Zusammenleben und unser Umgang miteinander. Wie ganz anders denken wir oft vom anderen.

 

Wenn er seine Arbeit nicht zu Ende führt, ist er faul.

Wenn ich meine Arbeit nicht abschließe,

bin ich zu beschäftigt und überarbeitet.

 

Spricht er über andere, ist er ein Klatschmaul.

Tue ich das gleiche, übe ich konstruktive Kritik.

 

Verteidigt er seine Sache, ist er dickköpfig.

Beharre ich auf meinem Standpunkt,

bin ich ein Mann von Charakter.

 

Redet er nicht mit mir, ist er hochnäsig.

Rede ich nicht mit ihm,

war ich nicht mit den Gedanken dabei.

 

Ist er freundlich, führt er was im Schilde,

bin ich freundlich, ist das so meine nette Art.

 

Schade, dass der andere mir so gar nicht ähnlich ist!

 

Der Umgang miteinander, das Gespräch, Begegnungen, das Zusammenleben erfordert viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Wie schnell hat man einen anderen verletzt und ihm wehgetan. Wie schnell hat man ein Bild vom anderen, ein fertiges Urteil.

 

Ich meine, auf der Suche nach dem richtigen Weg, wenn wir fragen, wie Miteinander und gemeinschaftliches Zusammenleben gelingen und glücken kann, sollten wir nicht vergessen, dass der biblisch-christliche Weg LIEBE heißt. Und gerade darin hat uns Christus ein Beispiel gegeben. In seinem Leben hat er gezeigt, was Liebe ist.

 

Die Liebe, sagt Paulus in Korinther 13, kennt kein Zuviel. Sie ist geduldig und freundlich. Sie ist ohne Eifersucht. Liebe prahlt nicht. Liebe verletzt nicht. Liebe sucht nicht ihren Vorteil. Böses trägt sie nicht nach. Die Liebe ist die größte Kraft.

Die Liebe ist das einzige, das wächst, wenn wir es verschwenden.

„Am Abend unseres Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden“ (Roger Schutz). Allein die Liebe zählt.

 

Das Gebot der Liebe zum Nächsten hat allerdings einen Zusatz. Und der hat es in sich. Es heißt nämlich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Für mich bedeutet das: Ich muss lernen, mich selbst anzunehmen, zu mir selbst „ja“ zu sagen. – Sich selbst annehmen, zu sich selbst „ja“ sagen: Vielen Menschen fällt das schwer. Darum sind sie uneins mit sich selbst und allzu sehr in ihren Problemen gefangen.

Wenn ich aber begriffen habe, dass Gott mich liebt und annimmt, so wie ich bin, dann kann ich selbst leichter „ja“ zu mir sagen.

Und dies ist geradezu die Voraussetzung dafür, dass ich andere Menschen lieben und annehmen kann.

 

Das Gebot, „den Nächsten zu lieben wie sich selbst“, setzt ja offensichtlich voraus, dass ein Mensch „sich selbst liebt“.

Man darf das nicht mit Egoismus verwechseln! Wer zu sich selbst „ja“ sagen kann, sich selbst zu akzeptieren vermag, das ist kein Egoist. Sehr viel hat es jedoch mit Selbstannahme zu tun. Mich selbst annehmen, so wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten.

 

Die Erfahrung zeigt: Wer es verlernt hat, etwas zu genießen, wird auf die Dauer selber ungenießbar. Wer sich selbst nichts gönnt, gönnt auch anderen nichts. Wer sich selbst nicht ausstehen kann, vermag auch nur schwer andere auszustehen.

Und umgekehrt: Wer andere hasst und ihnen zuleide lebt, hasst meistens auch sich selbst.

 

Ist es nicht so, dass die Fehler, über die ich mich bei anderen aufrege, nur allzu oft auch bei mir selbst vorhanden sind?

Wo mich der andere kränkt und verletzt, stoße ich auf eigene Kränkungen und Verletzungen.

Warum reagiere ich so heftig auf beleidigende Worte? Weil sie mich an einer schwachen Stelle treffen. Ich bin mit mir selbst noch nicht versöhnt, wenn es nur kleiner Nadelstiche bedarf, um mich explodieren zu lassen.

 

Die Erfahrung lehrt auch: Wer sich selbst nicht vergeben kann, wer es nicht fertig bringt, barmherzig mit sich selbst zu sein, dem fällt es auch schwer, anderen zu verzeihen und anderen gegenüber barmherzig zu sein.

 

Auf einem Abreißkalender habe ich einmal gelesen:

„Die Alltagsform der Liebe ist die Geduld, die Höchstform das Verzeihen.“ – Wie schwer fällt uns oft beides!

Das Verzeihen und die Geduld haben ihren tiefsten Grund in Gott. Gott ist gut. Gott verzeiht. Er hat unendlich viel Geduld.

Gott hat nicht nur Liebe, Gott ist Liebe. Sein Wesen ist Liebe. Gottes Liebe ist unermesslich, unerschöpflich, sie hört niemals auf. Und seine Liebe ist größer als alle Schuld. Bei ihm gibt es immer einen Weg zurück. Bei ihm ist die Tür immer offen.

 

Im 1. Johannesbrief heißt es: „Wir wollen einander lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat.“ (4,19) Und den Kolossern ruft der Apostel Paulus zu: „Ihr seid von Gott geliebt!“ Und er folgert daraus: „Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander!“ (Kol 3, 12-14)

 

Vor einer Goldhochzeit hatte ich mit dem Jubelpaar ein Gespräch. Dabei habe ich sie gefragt, wie sie es fertig gebracht haben, 50 Jahre lang miteinander durchs Leben zu gehen und es miteinander auszuhalten bis zum heutigen Tag. Es habe doch sicher auch ab und zu Streit gegeben, Ärger, Groll, dicke Luft, vielleicht  auch Krisen in ihrer Ehe. – Da haben die beiden geantwortet: „Wissen Sie, Herr Pater, wenn wir am Sonntag in der Kirche waren und beim „Vaterunser“ nebeneinander standen, dann haben wir uns still und heimlich die Hand gereicht. Und bei den Worten „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, da haben wir unsere Hände fest gedrückt. Und dann war alles wieder gut. Wir haben nicht mehr nachgetragen. Jedesmal war es ein neuer Anfang.“

 

Kann man das „Vaterunser“ beten und dabei die Faust in der Tasche geballt haben? Können wir, dürfen wir – angesichts des Erbarmens Gottes – hartherzig und unversöhnlich bleiben?

 

Bei einer 12. Kreuzwegstation zu einer Kapelle hinauf habe ich einmal gelesen: „Das tat ich für dich. Was tust du für mich?“

 

Liebe will erwidert werden. Liebe will Gegenliebe.

Gottes Liebe ruft unsere Liebe. Sein Herz ruft unser Herz.

 

Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ Und: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“

 

Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe.

Jesus hat diese drei Formen der Liebe miteinander verknüpft.

Sie gehören zusammen, ohne dass das eine das andere ersetzt. Sie bilden eine Einheit.

 

Gottesliebe ohne Nächstenliebe ist unglaubwürdig. Die Nächstenliebe ist der Prüfstein und Echtheitsbeweis für die Gottesliebe.

Nächstenliebe ohne gesunde Selbstliebe (im Sinne der Selbstannahme) ist nur schwer möglich. Nur wer eine positive Einstellung zu sich selbst gefunden hat, mit sich selbst einigermaßen versöhnt und in Einklang lebt, ist frei und offen genug für seine Mitmenschen und fähig, „ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen.“

 

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