|
Evangelium
Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst
+
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
In jener
Zeit
35bverlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten:
Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten,
wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte.
36Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin,
reichten ihm Essig
37und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich
selbst!
38Über ihm war eine Aufschrift angebracht: Das ist der König der
Juden.
39Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn:
Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst
und auch uns!
40Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du
fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil
getroffen.
41Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten;
dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich
kommst!
43Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du
mit mir im Paradies sein.
Mit Jesus wurden zwei Verbrecher, mit einem alten
Ausdruck auch „Schächer“ genannt, gekreuzigt, einer
rechts von ihm, der andere links. Waren es Räuber,
Mörder oder gar nationale Revolutionäre? Weswegen wurden
sie hingerichtet? Genaueres wissen wir nicht.
Die christliche Volksfrömmigkeit hat den beiden Namen
gegeben. Demnach hieß der reumütige Schächer rechts von
Jesus „Dismas“, der andere, der unbußfertige, links von
Jesus „Gestas“.
Auch Legenden entstanden im Laufe der Zeit. Eine davon
berichtet, dass Dismas schon dreißig Jahre zuvor – als
Mitglied einer Räuberbande – der Heiligen Familie auf
der Flucht nach Ägypten hilfreich beigestanden habe, als
Gestas diese überfallen und ausrauben wollte. Dismas
habe seinem Gefährten sogar Geld angeboten, vierzig
Drachmen, auf dass dieser von seinem üblen Plan ablasse.
Es handelt sich bei diesen Erzählungen um Legenden,
nicht um historische Tatsachen. Sie wollen jedoch
verstehen helfen, wie sich ein Mensch an seinem
Lebensende verhält, wie er in der Stunde seines Todes
reagiert, wie er sich letztendlich entscheidet. –
Tatsache ist: beide Schächer befinden sich auf der
„Schädelstätte“. Jeder an den Schandpfahl, das Kreuz,
geheftet. Ihr nahes Ende steht unmittelbar und
unausweichlich bevor. Letzte Gelegenheit, sich zu
entscheiden! Nehme ich die Chance wahr, um mein Leben zu
ordnen, es abzurunden, es zum Guten zu wenden und das
Heil zu ergreifen oder bleibe ich stur im Bösen, im
Trotz, in der Verhärtung?
Das Kreuz in der
Mitte ist für jemanden bestimmt, den beide Schächer
nicht kennen. Sie bekommen aber mit wie die führenden
Männer diesen am Kreuz Hängenden verlachen und sagen:
„Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten,
wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte.“ Sie
sehen auch Soldaten vor ihn hintreten, die ihm Essig
reichen und ihn ebenfalls verspotten:
„Wenn du der König der Juden
bist, dann rette dich selbst.“
Der linke Schächer,
Gestas, nimmt diesen Spott begierig auf. Er hat es nie
anders gelernt. Immer war er zur Stelle, wenn es galt,
noch einen draufzusetzen und dem schon am Boden
Liegenden noch einen Tritt zu verpassen. „Bist du
nicht der Christus?“, höhnt er,
„dann rette dich selbst und
auch uns!“
Dismas reagiert anders. Er spottet nicht.
Vielmehr erkennt er im Blick auf sein Leben, dass es ein
verpfuschtes war. Er sieht die Irrungen und Abwege. Er
weiß um sein Versagen und das Unrecht. Er bekennt seine
Schuld: „Uns geschieht recht“, sagt er zu seinem
Genossen, „wir erhalten den Lohn für unsere Taten“.
Was für ein Satz! Einsichtig und mutig zugleich. Meist
neigen wir dazu, uns zu bemitleiden, führen unglückliche
Umstände an, beklagen Ungerechtigkeiten, sprechen von
mildernden Umständen, verniedlichen die Schuld,
beschönigen sie oder schieben sie auf andere.
Dismas steht zu seiner Schuld. Ja, er ist bereit, dafür
auch geradezustehen, die Folgen zu tragen, die Strafe
auf sich zu nehmen. Er kann zwar das Böse und Schlechte
in seinem Leben nicht rückgängig oder gar ungeschehen
machen, aber er hat noch die Möglichkeit bis zur letzten
Sekunde, Reue zu zeigen, sich dem Guten zuzukehren, sich
Jesus zuzuwenden und von ihm Heil und Leben zu erhoffen.
Und er nutzt seine Chance. Er schaut den Leidenden aus
Nazareth mit anderen Augen als die Spötter. Er spürt
seine Größe. Er ahnt sein Erbarmen. Er hofft auf sein
Verstehen. Er vertraut seiner Liebe.
Und so spricht er einen zweiten großen
und kühnen Satz aus. Diesen richtet er nicht an seinen
Genossen, sondern an Jesus direkt. Jetzt geht es um das
Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und um das
Aussprechen einer ganz tiefen Hoffnung: „Jesus, denk
an mich, wenn du in dein reich kommst.“ – Der Satz
ist eine Kurzformel des christlichen Glaubens, der in
dem Gekreuzigten den Messias und den König zu erblicken
vermag.
Im Augenblick absoluter Hilflosigkeit und abgründiger
Verlorenheit setzt Dismas seine ganze Hoffnung auf
Jesus. Er vertraut sich ihm an. Er glaubt an ihn. Er
bittet, ihn nicht zu vergessen, sondern an ihn zu
denken, und das heißt, ihm Erbarmen und Gnade zu
schenken.
„In der Stunde des Todes bleibt dem Menschen nichts
anderes, als diesen Glauben und diese Hoffnung
auszusprechen. In der Stunde des Todes gibt es keine
„Statthalter“ und „Könige“ mehr, keine „Richter“ und
„Fürsten“. Königreiche und Imperien verlieren jede
Bedeutung, ebenso wie der nie endende Kampf des Menschen
gegen den Menschen, der Kampf um Ehre, Herrschaft und
Vorteil. In der Stunde des Todes gilt es einen Satz
auszusprechen: „Herr, denk an mich, wenn du in dein
reich kommst.“ (Christian Heidrich)
Dismas spricht diesen Satz aus. Und er, der Reumütige,
erfährt auf der Stelle aus dem Munde Jesu die göttliche
Macht der Vergebung. „Amen, ich sage dir: Heute noch
wirst du mit mir im Paradies sein.“ – Nicht erst
Busse, Sühne, Läuterung, Fegfeuer. „Heute noch!“
Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Schuld.
Und was ist mit Gestas? Er schafft es nicht über seinen
Schatten zu springen. Er kriegt die Kurve nicht. Er
bleibt sich „treu“. Er verharrt in seinem Trotz, in
seiner Abwendung, in seiner Verhärtung. Er bleibt auch
in der Stunde des Todes der, der er immer war, der
Räuber, der „linke“ Schächer.
Es fällt nicht leicht für Gestas Partei zu ergreifen.
Und doch möchte man gerade ihn, den so sehr Verhärteten,
der Liebe und dem Erbarmen Gottes ganz besonders
anempfehlen.
gute Anregungen und
Formulierungen verdanke ich einem Artikel von Christian
Heidrich in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“
|