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Evangelium
Zu den Alten ist gesagt worden – ich aber sage euch
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Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
17Denkt
nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten
aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben,
sondern um zu erfüllen.
18Amen,
ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein
Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht
alles geschehen ist.
19Wer
auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die
Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der
Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der
wird groß sein im Himmelreich.
20Darum
sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer
ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
21Ihr
habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du
sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem
Gericht verfallen sein.
22Ich
aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt,
soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem
Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen
Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!,
soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.
23Wenn
du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei
einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,
24so
lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und
versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und
opfere deine Gabe!
25Schließ
ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit
ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich
dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird
dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins
Gefängnis geworfen.
26Amen,
ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du
den letzten Pfennig bezahlt hast.
27Ihr
habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die
Ehe brechen.
28Ich
aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu
begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr
begangen.
29Wenn
dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es
aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass
eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer
Leib in die Hölle geworfen wird.
30Und
wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau
sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich,
dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein
ganzer Leib in die Hölle kommt.
31Ferner
ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt,
muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.
32Ich
aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein
Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus;
und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen
worden ist, begeht Ehebruch.
33Ihr
habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du
sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten,
was du dem Herrn geschworen hast.
34Ich
aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim
Himmel, denn er ist Gottes Thron,
35noch
bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch
bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs!
36Auch
bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du
kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
37Eure
Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht,
stammt vom Bösen.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten war
sprichwörtlich. Geradezu „gnadenlos“ gerecht konnten sie
sein. Da wurde kein Buchstabe des Gesetzes übersehen.
Jedes Jota wurde erfüllt. Und nichts blieb ungestraft,
was gegen das Gesetz verstieß.
Und nun sagt Jesus:
„Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die
der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht
in das Himmelreich kommen.“ –
Ein hartes Wort! Was will Jesus? Will er es noch
strenger? Noch enger?
Nun, wer Jesus kennt, der weiß: Das will er bestimmt
nicht! Nicht noch „enger“, nicht noch „strenger“. Nein,
er spricht ja von einer „größeren“ Gerechtigkeit.
Denn Jesus weiß: Wo es streng wird, da wird es auch eng;
da ist am Ende wenig Raum, wenig Platz für anderes. Aber
wo etwas „groß“ ist, da ist Raum, Raum zum Leben – und
Raum für die Liebe – und Vergebung.
Liebe Schwestern und Brüder,
wissen Sie, was die Gesetzesauffassung der Pharisäer und
Schriftgelehrten für Jesus so schwierig macht? Das ist
ihre „Fall-Gerechtigkeit“. – Wenn dies und jenes „der
Fall“ ist, dann muss das Gesetz angewandt werden, aber
auch erst dann.
Erst wenn jemand umgebracht wurde, also wenn er tot
daliegt, dann ist es eine Sünde und dann muss bestraft
werden.
Erst wenn zwei im Bett liegen, die da nicht hingehören,
dann ist es ein Ehebruch.
Erst wenn jemand wirklich belogen wurde, dann ist es
eine Sünde.
Aber Jesus sagt: Nein, das alles fängt schon viel früher
an: Ein Mord beginnt unter Umständen schon dann, wenn
ich böse Gedanken gegen einen Menschen im Herzen habe;
wenn ich Hass und Neid in mir zulasse. Wenn ich
zornig bin auf einen Bruder oder eine Schwester.
Ein Ehebruch findet nicht erst im Bett statt, sondern
schon viel früher, schon in den Gedanken, in den
Wünschen, das beginnt schon im Kopf.
Und der Meineid ist nicht erst dann ein Problem, wenn
ich falsch schwöre, sondern wenn ich mir schon vorher
überlegen, wie ich da was tricksen und drehen kann, um
einen anderen über den Tisch zu ziehen oder ihn zu
hintergehen.
Nicht erst, wenn es passiert ist, ist es Sünde, sondern
das fängt schon früher an. Und sehen Sie: Genau darauf
will Jesus den Blick lenken: Auf dieses „früher“, auf
den Anfang.
Wenn ich nämlich etwas früh bemerke, dann kann ich noch
was ändern. Wenn ich früh aufmerksam werde auf Dinge,
die sich da anbahnen, dann kann ich noch gegensteuern.
Wenn ich wirklich ehrlich bin zu mir selbst und wenn ich
achtsam mit mir selbst umgehe, dann weiß ich um mich -
und dann kann ich noch umkehren - und dann kann es noch
mal gut werden.
Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus malt das weiter aus -
mit jener schönen Geschichte vom Opfergang.
„Wenn du deine Gabe zum Altar
bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder, deine
Schwester etwas gegen dich hat, dann lass alles stehen
und liegen und versöhne dich zuerst. Und dann komm und
opfere deine Gabe.“
So wie Jesus das schildert, ist da Raum für Vergebung:
Wo einer früh genug merkt, was los ist bei einem selbst
und was man damit bei einem Bruder oder einer Schwester
anrichten kann, dann kann man doch noch was tun, noch
was verhindern - und dann ist immer noch Platz für einen
neuen Anfang. Und deshalb ist es wichtig, so sensibel im
Inneren zu sein – für die Anfänge – für das, was sich
noch verändern lässt.
Nun, ich gehe davon aus, dass Jesus so realistisch war,
dass er wusste, dass die Menschen damals - und auch wir
heute – das nicht eins zu eins einfach umsetzen können.
Wir sündigen. 7x am Tag, wie es in der Schrift heißt. –
Und deshalb spricht Jesus von Versöhnung. Ja, er bietet
uns Versöhnung an, seine Versöhnung!
Selbst dann, wenn wir immer und immer wieder in Schuld
geraten, ob in Gedanken oder in Werken – auch dann
schreibt er uns nicht ab, sondern auch dann dürfen wir
bei ihm noch einmal einen neuen Anfang machen. Dann
dürfen wir immer noch mal wiederkommen mit unseren
Gaben, das heißt wir dürfen wieder neu hintreten zum
Altar. Denn ohne seine Vergebung kämen wir sicher nie
dazu, die Eucharistie zu feiern, weil wir ja bestimmt
irgendwo schon wieder mal in Gedanken irgendein Unheil
angezettelt haben. Aber er macht es möglich, indem er
uns die Vergebung schenkt. – Und so wie Jesus das mit
uns macht, so sollen wir es mit unseren Mitmenschen
machen: Vergeben!
Liebe Schwestern und Brüder,
meines Erachtens zeigt Jesus damit nicht nur eine
Möglichkeit auf, wie einzelne Menschen miteinander
umgehen sollen, sondern er zeigt auch ein Modell auf,
wie Kirche sein kann, wie seine Kirche sein soll.
Seine Kirche darf sicher keine Kirche sein, die immer
gleich Türen zuschlägt und vom Altar wegschickt, weil es
ja irgendwo ein Gesetz gibt, das das fordert; sondern es
soll eine Kirche sein, die ihre Türen offenhält, für
alle, auch für die „Schwachen“, und sogar für die
„Sünder“ – weil sie weiß, dass es neben all den
Gesetzen, so wichtig sie auch sein mögen, doch auch
immer noch, und vor allem, einen Gott gibt, diesen Gott
der Liebe mit seiner großen Barmherzigkeit – diesen
Gott, der in Christus in unserer Welt gekommen ist als
unser Friede und unsere Versöhnung.
Ein Gott, der größer ist als
das Gesetz, weil er ein Gott der Vergebung und der neuen
Anfänge ist. Ein Gott für uns Menschen – zu unserem
Heil.
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