|
Ob der Geheilte am Abend gut geschlafen hat? Ich wage es
zu bezweifeln. Wahrscheinlich hat er noch lange wach
gelegen und vieles ist ihm durch den Kopf gegangen.
Denn vieles hatte er an diesem Tag seiner Heilung mit
ansehen müssen, zu viel:
-
Dass mit freundlichem Gesicht die brutalsten Sachen
gesagt wurden.
-
Dass hinter vorgehaltener Hand gelogen und getratscht
wurde.
-
Dass die Stärkeren die Schwächeren fertig machten.
Zum ersten Mal sah er Menschen, die von Not und Elend
längst verstummt waren.
Er sah Hungernde und Kranke und Heimatlose, die nicht
einmal mehr die Kraft hatten, zu jammern und zu klagen.
Er sah die verbissenen Minen der Pharisäer, als sie ihn
und Jesus der Sünde überführen wollten.
Er sah die Angst in den Augen seiner Eltern.
Immer wieder erinnerte er sich an die Bilder des
vergangenen Tages. – War es nun ein Segen, dass er sehen
konnte? Oder war es eher Fluch?
Der Blinde
ist geheilt, doch an seiner Heilung entzündet sich eine
Auseinandersetzung, die eine Blindheit viel tieferer Art
erkennen lässt. Der Evangelist Johannes zeichnet
vor allem in den Pharisäern Menschen, die zwar rein
äußerlich, leiblich zu sehen vermögen und dennoch auf
einer anderen Ebene zutiefst verschlossen und blind
sind.
Zunächst
aber fragen die Jünger – angesichts des Blindgeborenen –
wer da gesündigt hat: er selbst oder seine Eltern? Bis
in unsere Tage hinein ist diese Vorstellung lebendig:
Krankheit als Strafe Gottes. Doch Jesus sagt klipp und
klar: weder er noch seine Eltern haben gesündigt,
sondern Gottes Wirken, soll sich an ihm offenbaren.
Gottes fürsorgliche Liebe, Gottes Güte und
Barmherzigkeit sollen sich an ihm zeigen.
Da sind schließlich die Pharisäer: Sie sind voll Argwohn und Misstrauen dem Geheilten gegenüber,
aber noch mehr Jesus gegenüber. Penetrant fragen sie
nach, akribisch untersuchen sie den Fall. – Und
tatsächlich: sie finden das Haar in der Suppe: Heilung
am Sabbat. Das geht gar nicht! Wer den Sabbat nicht
hält, kann unmöglich von Gott kommen.
Der Blinde
ist geheilt, aber zugleich ist die Blindheit der
Sehenden entlarvt. Die Sehenden sind blind, die Blinden
hingegen Sehende.
-
Sehend ist, wer bereit ist, sich selbst in Frage zu
stellen.
-
Sehend ist, wer in der Lage ist, lieb gewordene
Vorurteile aufzugeben.
-
Sehend ist, wem die Fehler anderer nicht Anlass sind zum
Gerede und Getratsche, sondern Anlass, dem anderen zu
helfen oder einfach für ihn zu beten.
-
Sehend ist, wer das Haar in der Suppe manchmal übersehen
kann.
-
Sehend ist, wer selbst im Versagen und im Scheitern noch
Möglichkeiten zur Hoffnung entdeckt.
-
Sehend ist, wer glauben kann: an den Nächsten, an sich selbst,
an Christus, der das Licht der Welt ist.
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Evangelium endet mit einer großen
Frage. Der Evangelist Johannes schreibt:
„Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen
hatten. Als er ihn traf, sagte er zu ihm: „Glaubst du an
den Menschensohn?“ – Der Mann antwortete: Wer ist das,
Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. – Jesus sagte
zu ihm: Du siehst ihn vor dir. Er, der mit dir redet,
ist es. – Er ab er sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf
sich vor ihm nieder“
Glaubst du? Glaubst du an den Menschensohn?
Die Heilung des Blindgeborenen war erst vollendet als
er Jesus als das wahre Licht erkannte und an ihn
glaubte.
Glaubst du? Glaubst du an den Menschensohn?
Wir sind gefragt, jeder, Sie und ich: Glaubst du?
Gehen wir zu ihm, damit er uns die Augen öffnet, damit
wir sehend werden wie der Blinde! – Öffnen wir uns für
sein heilmächtiges Wort, für seinen lebenspendenden
Geist, für seine liebevolle Gegenwart. „Er ist dein
Licht, Seele vergiss es ja nicht! Lob ihn in Ewigkeit.
Amen“
|