Exerzitien mit P. Pius

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Sie fielen nieder und huldigten ihm (Mt 2, 1 - 12)

Fest der Erscheinung des Herrn - Epiphanie - Dreikönig

Wenn wir in eine katholische Kirche eintreten, machen wir eine Kniebeuge. So haben wir es als Kinder gelernt. Wir beugen die Knie vor dem Tabernakel, vor dem Allerheiligsten, das darin aufbewahrt wird.

Das Knien ist oder war zumindest einmal so etwas wie ein Markenzeichen katholischer Christen, ein sichtbares Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen christlichen Konfessionen.

Meistens geschieht die Kniebeuge aber eher routinehaft und unbewusst, wie das Weihwassernehmen und das Kreuzzeichen.

 

Es gibt allerdings auch Situationen, da fühlen sich Menschen von innen her gedrängt, die Knie zu beugen und niederzuknien, aus Ehrfurcht, vor Rührung oder vor Erschütterung und innerer Erregung.

 

Es war der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs in Polen, 7. Dezember 1970. –  Willi Brandt sank vor dem Mahnmal für die verfolgten Juden im Warschauer Getto in die Knie. Ein Bild, das um die Welt ging. Ein Bild, das – mitten im kalten Krieg – zum Symbol wurde für die Annäherung und Aussöhnung zwischen beiden Staaten.

 

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, stehen reicht nicht.“ So erklärte Willi Brandt, was ihn – zu seiner eigenen Überraschung – zu dieser spontanen Geste, gedrängt hatte, die als „Kniefall von Warschau“ Geschichte schrieb.

 

Ich weiß nicht, ob Sie es auch gelesen, gehört oder gesehen haben und sich noch daran erinnern: Vor einigen Monaten knieten amerikanische Football Spieler und andere Sportler in den USA zur Nationalhymne nieder und schauten schweigend zu Boden, während die anderen stehend die Hymne sangen, die rechte Hand auf der stolzgeschwellten Brust. Warum taten sie das? Was ließ sie niederknien? Die immer noch rassistische Wirklichkeit in den USA.

 

Das bewusste und freiwillige Beugen der Knie ist keine harmlose Geste. Wo alle stehen, kann Hinknien revolutionär sein – und brandgefährlich, wie die wütenden Reaktionen bis hinauf zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zeigten.

 

Ein anderes Beispiel: Wenn Papst Johannes Paul II. bei seinen Reisen ein Land betrat, ging er – nach Verlassen des Flugzeugs – jedes Mal in die Knie und küsste den Boden. Eine Zeichen der Hochachtung und Anerkennung dem Land und seinen Bewohnern gegenüber.

 

In einem Brief an einen ihr befreundeten Dominikanerpater berichtet die französische Philosophin Simone Weil eine Begebenheit bei ihrer Italienreise 1938:

„Als ich in der kleinen romanischen Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert von Santa Maria degli Angeli, diesem unvergleichlichen Wunder an Reinheit, wo der hl. Franziskus so oft gebetet hat, allein war, zwang mich etwas, das stärker war als ich selbst, mich zum ersten Mal in meinem Leben auf die Knie zu werfen.“

 

Man muss wissen: Simone Weil verstand sich gar nicht als Christin, sondern als Agnostikerin, war aber trotzdem eine große Verehrerin des hl. Franziskus. Die Demut des Poverello von Assisi, seine Bereitschaft, klein zu sein, demütig, ein „Niedriger“, ein Bettler Gottes, und die wunderbare Atmosphäre von Portiunkula waren es wohl, die Simone Weil drängten, in die Knie zu gehen.

 

Mir steht noch ein anderes Bild vor Augen, das wir alle aus dem Alltag kennen: Ein Erwachsener, Frau oder Mann, geht voll Zärtlichkeit in die Knie, um auf Augenhöhe mit einem Kind zu sein und sich ihm liebevoll zuzuwenden.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Bestimmt fragen Sie sich, wie ich zu diesen Gedanken und auf dieses Thema komme heute am Fest der Erscheinung des Herrn? Was hat das mit den Weisen aus dem Morgenland zu tun?

 

Nun, von den Weisen, die nach Bethlehem kommen, heißt es heute im Evangelium: „Sie sahen das Kind und Maria, seine Mutter. Da fielen sie nieder und huldigten ihm.“

 

Sie gingen in die Knie, sie beugten sich ganz tief, so weit und so tief, dass sie mit dem Kopf bzw. der Stirn den Boden berührten. Und beteten an. Das meint nämlich huldigen: anbeten, verehren, danken, lobpreisen.

„Wo ist der neugeborene König der Juden“, fragten sie in Jerusalem. Und fügten Herodes gegenüber hinzu: „Wir sind gekommen, um ihm zu huldigen“, ihn anzubeten. Das war das Ziel ihrer Reise: die Anbetung.

 

Ihr Wandern zum Herrn, Ihr Ankommen und Stehen vor dem Herrn, fand sein Ziel im Knien vor dem Herrn, in der Anbetung, in tief empfundener Dankbarkeit und Freude und in der Hingabe.

 

Was auffällt, liebe Schwestern und Brüder: Das Huldigen, das Anbeten geschah bei den Weisen nicht nur im Kopf, mit dem Verstand, es bestand nicht nur in Worten und Sätzen, sondern es geschah mit dem ganzen Leib. Es war ganzheitlich.

Sehen Sie: Es gibt ein Beten, das nicht mehr in Worten geschieht, sondern mit dem Leib. Der Leib betet. Ja, der Leib wird Gebet. So war es bei den Weisen. Ihr ganzes Wesen war gesammelt in der Anbetung, in der adoratio, in der devotio, in der Hingabe.

 

Das Knien – und vor allem auch die Prostration, das Sich-Niederwerfen – ist eine Gebetsgebärde, die es in vielen Religionen gibt. Häufig kommt sie auch in der Bibel vor. Auch in der Liturgie der Kirche hat sie ihren Platz.

 

„Beuget die Knie“ singt z. B. der Diakon oder Priester bei den großen Fürbitten am Karfreitag. Und alle knien zu einer kurzen Gebetsstille nieder. Zuvor – nach dem stillen Einzug in die Kirche – legt sich der Priester lang ausgestreckt vor dem Altar auf den Boden ähnlich wie die Neupriestern bei der Priesterweihe.

Für mich ist das immer eine sehr eindrückliche Gebärde, die mehr sagt als alle Worte. – Und dann gehen am Karfreitag auch alle Gottesdienstbesucher in Prozession nach vorne und verehren das Kreuz – wenn möglich – mit einer Kniebeuge oder – wer keine Kniebeuge machen kann – mit einer tiefen, ehrfürchtigen Verneigung.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Um Weihnachten herum stieß ich auf ein Wort, das mich schon seit vielen Jahren begleitet und das mir sehr wertvoll ist. Es stammt von Alfred Delp, dem Jesuitenpater und Märtyrer, den die Nazis im Februar 1945 wegen seines Widerstands gegen das Regime hingerichtet haben. Es lautet:

„Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.“

 

Alfred Delp hat dieses Wort zur Jahreswende 1944/45 in der Gestapohaft mit gefesselten Händen auf ein Blatt Papier gekritzelt und jemand hat es aus dem Gefängnis geschmuggelt.

Das Wort ist meines Erachtens eine Summe all seiner Lebens- und Leiderfahrungen.

„Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.“

 

Das gebeugte Knie als Bild für einen souveränen, freien Menschen? Das scheint zunächst paradox. Dagegen sträubt sich das Lebensgefühl.

 

Doch schauen wir auf Alfred Delp. Wir könnten auch auf Sophie Scholl, Willi Graf oder Dietrich Bonhoeffer schauen.

Wie sehr wurden sie gequält und erniedrigt und ihrer Würde beraubt.

Wie sehr waren sie wehrlos, wie sehr brutaler Willkür ausgeliefert.

Und doch stand Alfred Delp souverän und aufrecht vor Freisler, als er verhört wurde. Souverän und aufrecht ging er in seinen gewaltsamen Tod.

 

Das vor Gott – und sonst niemand – gebeugte Knie – in der Tat: ein Bild für einen souveränen und freien Menschen.

 

Sehen Sie: Wer vor Gott niederfällt und vor ihm sein Knie beugt, dem ist es verwehrt, auch noch vor jemand anderem niederzufallen und in die Knie zu gehen. Ein elementarer Herrschaftswechsel vollzieht sich!

Nicht die Königsthrone in Jerusalem, auch nicht die Nazigewaltigen vor 70, 80 Jahren in Berlin, und auch nicht unsere heutigen Throne und Gewalten sollen und dürfen unser Leben, unser Denken und Handeln bestimmen, sondern allein Gott.

 

Wissen Sie, was Jesus nach der dritten Versuchung in der Wüste dem Teufel erwiderte? „Vor dem Herrn deinem Gott sollst du dich niederwerfen und ihn allein anbeten.“

 

Wenn wir unser Geschöpf-Sein, unser Kind-Sein und damit auch unser Bedürftig-Sein und unsere Armut vor Gott erkennen und anerkennen, dann ist das Knien keine servile Unterwürfigkeitsgeste, sondern das Eingeständnis, dass wir vor einem Größeren stehen, dem unendlich Großen, vor Gott.

 

Doch, lb. Mitchristen, passt das Knien noch in unsere Zeit?

Der moderne Mensch kniet nicht mehr gern. Knien scheint antiquiert, altmodisch. Knien wird oft als Zumutung empfunden nicht nur von denen, die es aus Altersgründen oder wegen körperlicher Gebrechen nicht können, sondern auch von Jüngeren und Gesunden.

 

Und doch, wovor beugt der nach Unabhängigkeit strebende und angeblich so mündig gewordene Mensch nicht auch heute noch ständig die Knie? Wie viel Götzendienerei, wie viel Anbetung falscher Götter in unserer, so aufgeklärten Welt und Zeit?

 

Ist der moderne Mensch zu stolz, zu selbstherrlich und selbstmächtig, so dass es ihm schwerfällt in Demut vor Gott, vor seinem Schöpfer, das Knie zu beugen, ihn groß sein zu lassen und ihm Ehre und Dank und Anerkennung zu geben?

 

Bei der Benediktinerin Kyrilla Spieker habe ich das Wort gefunden:

„Die drei Weisen knien vor dem Kind. Wir knien nicht mehr: wir Unweisen.“ Das hat mir gefallen. Ich finde, da ist viel Wahres dran.

„Die drei Weisen knien vor dem Kind. Wir knien nicht mehr: wir Unweisen.“

 

Vor Gott in die Knie zu gehen und anzubeten – wie die Weisen – bedeutet keine Minderung der Würde des Menschen. Das ist keine Schmälerung seiner Größe und Freiheit. Johannes, dem XXIII. sagt: „Ein Mensch ist nie größer als dann, wenn er kniet.“ In die Knie gehen kann auch nur, wer ein starkes Rückgrat hat. Und nur wer kniet, kann auch wieder aufstehen, für etwas oder jemanden einstehen, etwas durchstehen oder – wenn es sein muss – auch widerstehen – wie das Beispiel von Alfred Delp zeigt.

 

„Kommt, lasst uns niederfallen und uns verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserem Schöpfer“, heißt es im Psalm 95, dem Invitatoriumspsalm, mit dem das Stundegebet des Tages beginnt.

 

Ob wir das Knien, das Hinknien und Niederknien nicht wieder erproben und einüben und ganz bewusst vollziehen sollten?

 

Romano Guardini sagt in seinem Büchlein „Heilige Zeichen“:

„Wenn du die Knie beugst, lass es kein hastig leeres Geschäft sein. Gib ihm eine Seele. Die Seele des Kniens aber ist, dass auch drinnen das Herz sich in Ehrfurcht neigt, das das Herz anbetet.“

Dann fährt er fort: „Wenn du in die Kirche kommst oder sie verlässt oder am Altar vorbeigehst, (vor dem Tabernakel, der das Allerheiligste birgt,) und niederkniest, tief, langsam, dann soll dein ganzes Sein sprechen: ‚Mein großer Gott…!‘ Das ist dann Demut und ist Wahrheit und ist Anbetung. Und jedes Mal wird es deiner Seele gut tun.“

 

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