Exerzitien mit P. Pius

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LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH

(Vortrag bei einem Seniorennachmittag; das Thema war vorgegeben)

„Leben mit Gott macht frei und froh.“

Als erstes ist mir aufgefallen: Das ist eine Aussage, eine Feststellung. Es ist keine Frage, sondern eine Behauptung.

Nicht: Macht Leben mit Gott frei und froh?

Sondern: Leben mit Gott macht frei und froh!

 

LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH

Das hört sich gut an; das klingt sehr schön.

Aber stimmt das auch? Macht Leben mit Gott wirklich frei und froh?

 

Wie denken Sie darüber? Was sind Ihre Erfahrungen, die Sie als Senioren und Seniorinnen auf ein langes Leben zurückblicken können? Ein Leben, in dem Sie als getaufte Christenmenschen gewiss bemüht waren mit Gott und aus dem Glauben an Gott zu leben.

 

Würden Sie sagen, dieses Ihr Leben im Glauben an Gott und in der Verbundenheit mit Gott war oder ist ein Leben in Freiheit und Freude? Frei von Sorgen, Last und Not, frei von Angst und Zweifel, frei von Leid und Trübsal, frei von allen Übeln und allem Bösen, frei von falschen Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten?

 

Macht Leben mit Gott in diesem Sinne frei? Sorgenfrei? Leidfrei? Frei im Sinne von unbeschwert? War Ihr Leben immer ein leichtes Leben?

 

Und froh? – Leben mit Gott macht nicht nur frei – so das Thema – sondern auch froh!

Stimmt das? Macht das Leben mit Gott froh? Entspricht das Ihren Erfahrungen? War und ist Ihr Leben immer freudvoll gewesen? Waren Sie immer glücklich und zufrieden?

„Leben mit Gott macht froh!“ Ist das so? Doch nicht immer, nicht unbedingt, nicht automatisch, oder?

Gab und gibt es in Ihrem Leben, das Sie doch mit Gott und aus Gott zu leben versucht haben, nicht auch schwere Zeiten, Krisenzeiten, Phasen der Traurigkeit, Momente der Niedergeschlagenheit? Gab es nicht auch manches Ärgerliche und Verdrießliche?

 

LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH.

Werden dem, der mit Gott lebt, alle Steine aus dem Weg geräumt? Ist dem, der mit Gott lebt, ein leidfreies Leben garantiert? Ist einer, der an Gott glaubt, immer gesund und munter, stets gut drauf, immer froh gelaunt? Läuft da immer alles wie geschmiert? Geht’s dem immer gut? Ist da immer eitel Sonnenschein? Hat der das Glück gepachtet? – Was ist Glück und was ist Unglück?

Wir meinen es zu wissen, aber...

 

Hören Sie folgende Geschichte:

Eines Tages lief einem Bauer das einzige Pferd fort und kam nicht mehr zu­rück. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: „Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen – welch ein Unglück!“ Der Bauer antwortete: „Wer sagt, dass dies ein Unglück ist?“

 

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und brachte ein Wildpferd mit. Jetzt sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das Pferd weg – dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“ Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?!

 

Das Wildpferd wurde vom ältesten Sohn des Bauern eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: „Welch ein Unglück!“ – Der Bauer gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

 

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs und zogen alle jungen Männer des Dorfes für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein. – Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Die Sohn wurde nicht eingezogen!“

Glück und Unglück wohnen eng beisammen, wer weiß schon immer sofort, ob ein Unglück nicht doch ein Glück ist.

 

Vor einiger Zeit habe in einem Buch mit biblischen Besinnungen den Satz gelesen: „Gott bewahrt nicht vor allem Leid, aber in allem Leid.“ Den Satz habe ich mir gemerkt. Er ist so wahr.

 

Auch Menschen, die sich ganz Gott verschrieben haben, erfahren nicht immer Erfolg. Sie befinden sich nicht ohne weiteres auf der Siegerstraße. Auch sie stoßen an Grenzen. Auch sie erfahren Verlust, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Auch in ihrem Leben gibt es Traurigkeit, Ausweglosigkeit und Dunkelheit. Auch sie können in Krise geraten, Leid und Not kennenlernen und wissen manchmal nicht mehr ein noch aus.

 

Wir wissen doch, wie sehr auch Gottesmänner und Gottesfrauen wie z.B. die Propheten des Alten Testaments oder die großen Heiligen in die Bredouille geraten sind, wie sie keineswegs von Leid und Not, von Angst und Zweifel, Verleumdung und Verfolgung verschont geblieben sind. Ihr Leben mit Gott hat sie keineswegs vor Leid bewahrt.

Ich denke an Jeremia in der Zisternengrube, an Elija in der Wüste, an Jona unter dem Rhizinusstrauch.

Ich denke an große Mystiker und Mystikerinnen wie Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz, die die dunkle Nacht der Seele, der Sinne und des Geistes gekannt und erlitten haben. Ich denke an die so liebenswürdige kleine Therese von Lisieux, die zum Schluss ihres so kurzen Lebens noch einmal ganz gehörig in eine ganz schlimme Glaubenskrise geraten ist.

 

Aktuelles Beispiel: Mutter Teresa. Veröffentlichungen ihres Tagebuches zeigen diese viel bewunderte, große und starke Frau, die ja auch den Friedensnobelpreis bekommen hat, auch als Verunsicherte, als eine Zweifelnde und manchmal fast Verzweifelte.

 

Oder denken wir an Maria und Josef. Welche Dramatik, welche Tragik haftet ihrem Leben an. Das war kein Spaziergang. Das war kein Leben im Schaukelstuhl. Es war ein geprüftes Leben.

Gott hat Maria und Josef keineswegs vor allem Leid bewahrt.

 

Auch wer versucht, mit Gott zu leben und sein Leben aus dem Glauben zu gestalten wird nicht vor allem Leid bewahrt – es gibt auch für ihn steile, steinige Wege, schwere und notvolle Zeiten.

Er wird nicht bewahrt vor allem Leid, aber in allem Leid!

 

Gott erspart dem Elija die Wüste nicht und nicht die Niedergeschlagenheit. Aber er ist da. Er zeigt sich als der fürsorgende Gott. Er handelt an ihm in seiner Wüste, tröstet ihn, stärkt ihn und erweckt ihn zu neuem Leben. Gott ist da. Das hat Elija erfahren, Jeremia, Jona. Das haben die Psalmisten erfahren.

 

Im Psalm 23 heißt es: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, du bist bei mir.“

 

Das hat Jesus erfahren in seiner Todesangst am Ölberg.

„Da kam ein Engel des Herrn und stärkte ihn.“

„Es gibt keine Wüste, in der wir nicht wunderbar erhalten und erquickt werden können, keine Tiefe der Verzweiflung, in die Gott nicht einbrechen könnte, mit seiner Kraft.“

 

Dieter Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

Gott ist treu. Er lässt uns nicht fallen. Er geht mit an jedem Tag unseres Lebens, gerade auch in den Dunkelheiten und Krisen.

 

Dieter Bonhoeffer hatte dieses gläubige Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist für ihn wie ein fester Boden, wie ein Fels, ein Fundament, das trägt und Halt gibt selbst in Nazihaft und den sicheren Tod vor Augen.

 

Genauso, in ähnlicher Situation, der Jesuitenpater Alfred Delp:

„Wir können dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“

 

„LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH“

Was heißt eigentlich „Leben mit Gott“?

Wie sieht das aus? Was gehört dazu?

Was meinen Sie? Was sind Ihre Erfahrungen?

Sie führen doch alle, so wie Sie da vor mir sitzen, ein Leben mit Gott, oder? Zumindest bemühen Sie sich darum, nicht wahr?

 

Wann, würden Sie sagen, ist ein Leben – ein „Leben mit Gott“?

Was macht ein Leben zu einem „Leben mit Gott“?

Was meinen Sie?

 

„LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH“

Wenn mein Leben nicht frei und froh ist, liegt es dann daran, dass es vielleicht doch kein „Leben mit Gott“ ist, kein echtes, rechtes, wirkliches „Leben mit Gott“? – Vielleicht sogar ein Leben ohne Gott? Gott-vergessen, gott-fern, an Gott vorbei, über weite Strec­ken gleichgültig gegenüber Gott, lau und mittelmäßig?

 

„LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH“

Genügt es, wie man so sagt, seine religiösen Pflichten zu erfüllen? Aber was für ein Gottesbild habe ich dann? Ist Gott ein kleinlicher Buchhalter? „Religiöse Pflichten erfüllen“, das klingt wie „Dienst nach Vorschrift“. Es klingt nach Abhaken. Es klingt nach Müssen und Sollen.

Wo ist da das Herz? Wo ist die Liebe? Wo ist die Freude?

Wo ist die Leidenschaft für Gott?

 

„Religiöse Pflichten“: Genügt eine Stunde am Sonntag und dann lässt man den Herrgott wieder einen guten Mann sein?

Genügen die täglichen Gebete, oft noch routinemäßig, gedankenlos dahergesagt?

 

„LEBEN MIT GOTT MACHT FREI UND FROH“

Wann lebe ich mit Gott? Es gibt ja immer mehr Menschen – in Zell und Offenburg, in Freiburg, Karlsruhe und sonst wo – bei denen kommt Gott nicht mehr vor. Sie leben praktisch atheistisch.

Sie haben oft gar nichts gegen Gott, aber auch nichts für ihn.

Gott spielt in ihrem Leben keine Rolle. Sie meinen, sie brauchen ihn nicht. Es geht auch ganz gut ohne Gott. Sie denken: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Gott ist überflüssig.

 

Wann lebe ich mit Gott? Ist Gott die Mitte meines Lebens?

Ist er der Quell meiner Freude, der Brunnen meiner Hoffnung?

 

Leben mit Gott: Was gehört dazu? Wann lebe ich mit Gott?

Ich würde sagen: Wenn ich in einer lebendigen Beziehung zu ihm stehe, einer innigen und intensiven Beziehung, wenn mein Leben auf ihn ausgerichtet ist, wenn es da eine Verbundenheit mit Gott gibt, wenn ich mein Leben immer mehr von ihm her sehe und prägen und bestimmen lasse, wenn mein Leben ein Hören auf ihn.

Und vor allem: ein Leben in seiner Gegenwart.

 

Dazu gehört der Sonntagsgottesdienst, ganz gewiss.

Dazu gehören die täglichen Gebete. Keine Frage. Dazu gehören aber auch das Gutsein und die Liebe. Dazu gehört Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität. Dazu gehört Geduld und Erbamen mit sich selbst und den anderen. Und besonders: die Vergebung, das Verzeihen. Verzeihen ist die Höchstform der Liebe. Vergebung ist ein Schlüssel zu Glück und Lebensfreude. Wo Menschen zu neuem Anfang im Stande sind, da geschieht Beglückendes.

 

Und wie gut tut es, wie macht es frei und froh, wenn wir all unsere Not und Schuld vor Gott hintragen können und der Priester gibt uns die Lossprechung im Sakrament der Versöhnung!

Gott spricht das Wort, das aufrichtet und befreit.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo ein Mensch nicht nur um sich selber kreist und nur sich selber kennt, also als purer Egoist lebt, sondern auch den neben sich sieht, und spürt, was ihm fehlt und zu helfen versucht, großherzig, weitherzig.

Das Sprichwort ist wahr:

„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, Freude, die wir andern geben, strahlt ins eigene Herz zurück.“

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo man aneinander denkt, sich gegenseitig Gutes tut, einander beschenkt, einander Freund ist und nicht Feind, einander zum Segen gereicht und nicht zum Fluch.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo man nicht klammert und festhält, giert und geizt, dauernd missgünstig, neidisch, eifersüchtig, immer mehr haben will und nie genug kriegen kann, sondern wo man loslassen kann, geben und empfangen.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo jemand versöhnt ist, versöhnt lebt, im Frieden lebt mit sich, mit dem Nächsten, mit Gott. Dafür muss ich selber immer wieder sorgen u. das meine dazu beitragen.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo jemand der Dankbarkeit Raum gibt, wo jemand nicht stolz und überheblich alles sich selbst zuschreibt, dem eigenen Können, der eigenen Leistung, sondern sieht und weiß, wie viel ihm geschenkt ist und dass nichts selbstverständlich ist.

Es wird hell in einem Menschenherzen, wo man für das Kleinste danken kann. Dankbarkeit ist ein Schlüssel zur Lebensfreude. Franz von Sales sagt: „Grüßen wir jeden Tag mit Freude und Hoffnung, denn er ist ein Geschenk der Güte Gottes.“

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo jemand sein Leben nach Gott ausrichtet, auf sein Wort hört, seinen Weisungen folgt und bestrebt ist, dem Willen Gottes gemäß zu handeln und zu leben.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wenn ich weiß: Gott liebt mich. Ich bin gewollt, ich bin geliebt seit Ewigkeit. Und Gottes liebevolle Gegenwart umhüllt und durchdringt mich wie die Luft, die ich atme und ohne die ich nicht leben kann.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wo ich mir bewusst bin: Gott ist da. Er ist mir näher als ich mir selbst, innerer als mein Innerstes. Mein Herz ist Wohnstatt seiner Liebe. Göttliches Licht, heiliger Geist, ewige Liebe. Du in mir, ich in dir! Daran denken, sich des­sen bewusst sein, das macht frei, das macht froh!

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wenn ich kein Zerrbild von Gott habe, sondern wenn Gott für mich wie ein guter Vater ist und eine liebende Mutter. An diesen Gott glauben und fest auf ihn mein Vertrauen setzen – mit einem Wort: Gott vertrauen, Gottvertrauen haben, – das macht frei, das macht froh. Es hilft, immer mehr ohne Angst zu leben. Gottvertrauen ist ein Schlüssel zu Gelassenheit und Lebensfreude.

 

Leben mit Gott macht frei und froh, wenn ich glaube: Gott ist gut und gut ist alles, was er tut. „Wer auf Gott sich ganz verlässt, dessen Glück steht felsenfest“, heißt es in einem Lied und: „Wer seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht!“

 

Vielleicht haben Sie es schon gemerkt: Ganz entscheidend ist das Gottesbild, wenn mein Leben, mein Leben mit Gott, frei und froh sein soll.

 

Wer ist Gott für mich? Was für ein Gottesbild habe ich?

Ist Gott für mich ein Lückenbüßer, der dazu sein und einzusprin­gen hat, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin? Gott sozusagen als „Mädchen für alles“, ein Feuerwehr-Gott? Ist das nicht ein sehr einseitiges Gottesbild?

 

Ist Gott für mich eine Art Automat, bei dem man oben was hineinwerfen kann (ein Gebet, eine Kerze, ein Geldstück), um unten auf wunderbare Weise das Gewünschte zu erhalten? Ist das nicht auch ein arg einseitiges und schräges Gottesbild?

 

Ist Gott für mich wie ein Polizist, dem nichts entgeht, der alles sieht, auch was in dunkler Nacht geschieht?

Der Aufpasser-Gott, sagen Sie selbst, ist das ein frohmachendes, ein befreiendes Gottesbild? Doch wohl kaum!

 

Ist Gott für mich wie ein Staatsanwalt, der hinter mir her ist, nach dem Bösen fahndet und meine üblen Taten aufdeckt, mich vor Gericht zitiert? Ist dieses Gottesbild befreiend und frohmachend?

 

Ist Gott für mich wie ein ewiger Nörgler, dem nichts gut genug ist?

 

Ist Gott für mich der strenge Richter aller Sünden, ein Rächergott, der züchtigt und straft, der Böses mit Bösem und Unheil mit Unheil vergilt? Ist das nicht ein sehr frustrierendes, ein ganz arg beängstigendes Gottesbild?

 

Aber tragen nicht viele, gerade auch in der älteren Generation, solche Gottesbilder mit sich herum und werden ihres Lebens niemals richtig froh, weil sie ständig in der Angst vor Gott leben?

 

Vor etlichen Jahren hat der deutsche Psychoanalytiker Tilmann Moser ein kleines Büchlein veröffentlicht, das großes Aufsehen erregt hat.

Das Büchlein trug den seltsamen Titel: „Gottesvergiftung“.

In dieser Schrift klagt Tilmann Moser mit einer Leidenschaft sondergleichen Gott an, weil dieser Gott ihm seine Jugend, ja sein ganzes bisheriges Leben vergiftet und verpfuscht habe.

 

Seine frommen Eltern hätten ihn als Buben immer wieder ermahnt: Sei schön brav. Denn Gottes Auge sieht dich immer und überall. Und dieser unerbittliche Blick Gottes habe ihn Tag und Nacht verfolgt und fast zum Wahnsinn getrieben.

Und seine religiösen Erzieher hätten ihm immer wieder gedroht: Wenn du das tust und jenes unterlässt, beleidigst du Gott, und er wird dich strafen. Daher sei er (Tilmann Moser) mit Angst und schlechtem Gewissen und voller Schuldgefühle durchs Leben gegangen.

Das Fazit des Buches: Gott sei ein Angstmacher, Schnüffler, Rächer, Nörgler und unerbittlicher Normengott und habe ihn schließlich psychisch krank gemacht. In einer Psychoanalyse habe er sich dieses Gottes entledigt und sei Atheist geworden.

 

Ich muss gestehen: Ich habe damals das Büchlein von Moser mit innerer Erregung gelesen, weil ich immer wieder Menschen begegne, die eine ähnliche religiöse Erziehung erlebt haben und deren Beziehung zu Gott bis heute hauptsächlich von Angst, schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen geprägt ist.

Ich begegne immer wieder Menschen im Sprechzimmer, besonders Älteren, denen der Pfarrer als sie als Kinder zur Beichte gingen die Hölle heiß gemacht hat. Und was wurde nicht früher bei den Volksmissionen gewettert und gedroht. Bei den Höllenpredigten wurden alle Register gezogen, um Gott als den strengen Richter an die Wand zu malen.

 

Doch dieser Gott hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Vater Jesu Christi zu tun. Dieser Angstmachergott war eine willkommene Erziehungshilfe. Er war und ist ein Produkt der menschlichen Angst, ein Phantasiegebilde unfreier Menschen, die ihre eigenen krankhaften Ängste und Zwänge auf Gott übertragen und ihn damit verbogen und oft ins Gegenteil verkehrt haben.

 

Gott ist ganz anders als der Gott von Tilmann Moser und auch ganz anders als der Gott, den manche von uns in der Kindheit und Jugend kennengelernt haben.

Dieses Gottesbild hat mit dem Vater Jesu Christi und unserem Vater nichts, aber auch gar nichts zu tun. Gott gönnt uns das Leben und er will, dass wir einander das Leben gönnen, denn der Vater Jesu Christi ist ein „Freund des Lebens“ (Weish 11, 26).

Und er hat Freude am Menschen. Er hat uns alle verrückt gern.

Er will, dass wir lachen und träumen und ohne Schuldgefühle als freie Menschen durchs Leben gehen.

 

Auch die Bibel spricht in Bildern von Gott. Sie erzählt vom Vater im Himmel. Gott ist wie ein guter Hirte. Er ist die Quelle des Lebens. Wie eine liebende Mutter sorgt er sich um seine Kinder.

„Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte“ (Psalm 103,8).

 

Ein Mystiker hat seine Schüler einmal gefragt: „Worin besteht das rechte Verhalten des Menschen Gott gegenüber?“ Sie antworteten: „Darin, dass man Gott liebt.“ Der Meister aber schüttelte den Kopf und sagte: „Nicht darin, dass ihr denkt, wir lieben Gott; wer denkt, ich liebe Gott, der steht noch unter Zwang. So sollt ihr sprechen: Ich glaube fest, dass Gott mich liebt. Das ist das rechte Verhalten Gott gegenüber.

 

Die rechte Beziehung zu Gott ist getragen von der Gewissheit der Gegenwart und Liebe Gottes. Sehen Sie: Christsein beginnt nicht mit einem Imperativ: Du sollst Gott lieben! Sondern mit einem In­dikativ: Du bist von Gott geliebt. Du bist ein Kind Gottes. Und nicht nur einige von uns: jeder und jede Einzelne. „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es!“

 

Was mich schon lange beschäftigt und als Seelsorger immer wieder auch persönlich berührt, ist die Frage: Warum wirkt das, was mit Religion, mit Glaube, mit Christsein und Kirche zu tun hat, oft eher abstoßend als anziehend? Woher kommt es, dass manche Christen aus dem Glauben so wenig Freude schöpfen, sondern den Glauben eher als einengend und beklemmend erleben?

 

Je älter wir werden, desto größer sollte unsere Glaubenseinsicht werden und desto mehr sollte unser Glaubensmut und unsere Glaubensfreude wachsen. Denn „Glauben“ meint ja nicht in erster Linie Erfüllung von Pflichten, Halten von Geboten, moralisch einwandfrei leben, damit ich vor dem strengen und strafenden Gott in seinem gnadenlosen Gericht einmal bestehen kann.

Das ist Drohbotschaft. Evangelium aber heißt „Frohe Botschaft“.

 

An Weihnachten hören wir die Botschaft des Engels:

„Seht, ich verkünde euch eine große Freude! Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr.“

Retter, nicht Rächer!

Und im Exultet der Osternacht singen wir: „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“

Erlöser, nicht gnadenloser Richter!

Jesus selbst verkündete eine frohmachende und befreiende Botschaft.

Wenn man mich fragen würde: „Wer ist Gott für dich?“

Dann würde ich ohne Zögern antworten: „Einer, der für mich ist!“

 

Und mit dem Evangelisten Johannes würde ich sagen: „Gott ist die Liebe!“ – Und diese Liebe ist unermesslich, unerschöpflich und jeden Tag neu. Um diese Liebe Gottes wissen, aus dieser Liebe Gottes leben, sich jeden Tag unter den Regenbogen der Liebe Gottes stellen, diese Liebe Gottes aufnehmen und annehmen, das macht gelassen, das macht frei, das macht froh.

 

Ja, Leben mit diesem Gott, der selber das Leben und die Liebe ist und der will, dass ich lebe und liebe und bin, Leben mit diesem Gott, macht in der Tat frei und froh.

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