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Die Lazarusgeschichte spielt in Betanien, nicht weit
entfernt von Jerusalem. Lazarus ist schwer krank. Marta und Maria, seine
Schwestern, haben Jesus, den Freund der Familie, gerufen. Der lässt sich
jedoch Zeit, beruhigt mit der Aussage, dass Lazarus nicht an dieser
Krankheit sterben werde und trifft schließlich erst zwei Tage nach
dessen Tod ein. Die Trauernden führen ihn zum Grab. Was folgt, ist eine
spektakuläre, aber auch gruselige Wundertat: Jesus befiehlt, dass der
Stein von der Grabeshöhle weggerollt wird. „Rollt den Stein weg.“ Der
Leichnam, in Binden gewickelt, befindet sich bereits im Prozess der
Verwesung, sodass sich alle Anwesenden Tücher vor das Gesicht halten, um
sich vor dem Gestank zu schützen. Jesus fordert Lazarus auf, aus dem
Grab zu kommen: „Lazarus komm heraus“ und bittet die Anwesenden, ihm
seine Binden zu lösen: „Bindet ihn los“. Und Lazarus, der Totgeglaubte,
steht auf. Er bekommt eine zweite Chance. Sein Name „Lazarus“ ist
Programm und bedeutet: Gott hat geholfen. Die Pharisäer sind empört und
beschließen, dass es nun endlich an der Zeit ist, Jesus zu töten.
Lazarus kommt nicht frisch und erleuchtet „wie neugeboren“ in sein
zweites Leben, sondern liegt wie ein blasses ,
hohlwangiges Gespenst vor seiner Grabeshöhle unter dem flirrenden Licht
einer grellen Sonne. Er ist ein Schatten seiner selbst, denn seine
matten Augen haben in den Abgrund des Todes geblickt. So hat ihn der
Maler Vincent van Gogh auf seinem Gemälde „The raising of Lazarus“
gezeichnet. Licht und Schatten. Tod und Leben. Gewalt und Gnade. Ein
schwacher Mensch, wie von langer Krankheit gezeichnet oder eben ein
„armer Lazarus“, wie meine Oma früher mitleidig einen von Leben und Tod
gezeichneten Menschen zu nennen pflegte. Jesus hat den armen Lazarus,
seinen Freund, zum Protagonisten einer Vor-Auferstehung vor Ostern
gemacht. Beim Nachdenken über die Lazarus-Geschichte in dieser
seltsamen, von der Coronakrise geschüttelten, vorösterlichen Zeit kommt
mir der Gedanke, dass wir gerade alle ein wenig „armer Lazarus“ sind.
Wir blicken wie er in einen Abgrund des Todes. Menschen werden krank,
manche sterben, viele haben Angst und die Straßen und Orte leeren sich.
Begegnungen mit Anderen müssen drastisch reduziert werden. Und dies fast
überall auf der ganzen Welt. Ein kleines Virus verändert unser Leben in
rasantem Tempo. Dieses Szenario hatten wir nicht auf dem Schirm – genau
so wenig wie Lazarus, der wohl kaum geahnt haben mag, dass ihn eine
Krankheit so schnell dahinrafft. Sitzend in unseren Häusern und
Wohnungen schlafen wir mit Lazarus in seiner Höhle einen ungewollten
Schlaf, während unter unseren Bandagen - wie bei ihm – Altes verwest und
Neues entsteht. Physisch getrennt voneinander, sind wir dringend darauf
angewiesen, als Schicksals- und Solidargemeinschaft enger
zusammenzurücken. Es ist eine bleierne und dunkle Zeit, in der wir nach
innen gehen müssen, während draußen der Frühling seine Knospen treibt,
die Sonne scheint und die Vögel singen. Es ist eine Zeit der
Antagonismen, wie wir sie auch in der Lazarusgeschichte finden. Das
Vertrauen auf Gott und die damit verbundene Hoffnung, dass es am Ende
gut wird, kann uns dabei helfen, irgendwann in naher Zukunft den
schweren Stein der Krise vor unseren Höhlen wegzurollen, wieder
aufzu(er)stehen, hinauszugehen und die alten Bandagen abzuwerfen - dann
vielleicht geschwächt und verunsichert, wie der auferweckte Lazarus,
aber auch eingehüllt in einen klaren, österlichen Frühling. Lazarus
heißt: Gott hat geholfen. Die Lazarusgeschichte, das kleine Ostern -
eine Geschichte, die symbolisch für die vielen kleinen und große
Auf(er)stehungen in unserem Leben aus krisenhaften Situationen steht.
Lassen Sie uns gemeinsam darauf vertrauen, dass alles gut wird!
Margit Umbach
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