geistliche Impulse

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Predigt

von P. Pius Kirchgessner, OFMCap

 

Die Revolution der kleinen Gesten

zur Ersten Lesung sowie zum Evangelium am 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A; 2 Kön 4, 8 - 11.14 - 16a; Mt 10, 37 - 42

 

Erste Lesung

Dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ist ein heiliger Gottesmann

Lesung

aus dem zweiten Buch der Könige

8Eines Tages ging Elíscha nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam.

9Sie aber sagte zu ihrem Mann: Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist.

10Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.

11Als Elíscha eines Tages wieder hinkam, ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen.

14Und als er seinen Diener Géhasi fragte, was man für die Frau tun könne, sagte Géhasi: Nun, sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt.

15Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie und sie blieb in der Tür stehen.

16aDarauf versicherte ihr Elíscha: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen.

 

Evangelium

Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, ist meiner nicht wert. – Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln:

37Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

38Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.

39Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.

40Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

41Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten.

42Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

 

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Auf den ersten Blick wirken die erste Lesung und das Evangelium dieses Sonntages, wie Tag und Nacht.

 

In der ersten Lesung erleben wir eine fast schon familiäre, herzerwärmende Szene: Eine wohlhabende Frau in Schunem beweist einen feinen Blick für die Bedürfnisse des Propheten Elischa.

Sie spürt, dass dieser Mann Gottes einen Rückzugsort braucht. Sie baut kein Denkmal, sie gründet keine Stiftung – sie stellt einfach ein Zimmer bereit. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Leuchter. Pure, handfeste Gastfreundschaft!

 

Und dann das Evangelium: Jesus spricht Worte, die uns im ersten Moment wie ein Schlag vor den Kopf treffen. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Er spricht von harten Brüchen, vom Kreuztragen, vom Verlust des eigenen Lebens. Das klingt radikal, fordernd, fast schon unbarmherzig.

 

Wie passen diese beiden Welten zusammen?

Der Schlüssel liegt im letzten Teil des Evangeliums.

Dort schlägt Jesus die Brücke zurück nach Schunem.

Er sagt: „Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten.“ Und er fügt hinzu: „Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt…“

 

Plötzlich merken wir: Es geht in beiden Texten um dieselbe Kernfrage. Es geht darum, wie wir Gott in unserem Leben Raum geben – und wie sich dieser Glaube im Alltag ganz konkret zeigt.

Drei Gedanken dazu, was uns diese Texte heute sagen wollen:

 

Erstens: Die Prioritäten klären.

Wenn Jesus sagt, wir sollen ihn mehr lieben als die eigene Familie, fordert er keine Gefühlskälte. Er fordert eine klare Ordnung in unserem Herzen. Wenn Gott an der ersten Stelle steht, rutschen alle anderen Beziehungen nicht nach hinten, sondern sie stehen erst auf dem richtigen Fundament.

 

Die Frau aus Schunem hat das instinktiv verstanden.

Sie erkennt Elischa als „heiligen Mann Gottes“. Sie tut, was sie tut, nicht für ihr eigenes Prestige, sondern aus Ehrfurcht vor Gott.

Das Kreuz auf sich nehmen, von dem Jesus spricht, bedeutet zuerst: Ja zu sagen zu dieser radikalen Ausrichtung auf Gott.

 

Zweitens: Die Gabe der Gastfreundschaft

Die Frau von Schunem baut ein Zimmer auf dem Dach. Sie schafft Raum. Und genau das ist die Einladung an uns: Wo schaffen wir in unserem vollgepackten Alltag noch Räume für Gott? Und wo schaffen wir Räume für die Menschen um uns herum?

Gastfreundschaft im biblischen Sinne meint nicht das perfekte Kaffeeservice für die besten Freunde. Es meint die Offenheit für den Anderen, den Fremden, den Suchenden. Jemanden aufzunehmen bedeutet, ihm zu signalisieren: „Du bist gewollt. Dein Platz ist hier.“

 

Drittens: Die Macht der kleinen Gesten

Das Schönste am heutigen Evangelium ist der Becher mit frischem Wasser. – Jesus verlangt von uns keine heldenhaften theologischen Abhandlungen oder weltverändernden Großtaten. Er schaut auf die Details.

  • Ein Bett für den Propheten.

  • Ein Becher Wasser für den Durstigen.

  • Ein offenes Ohr für den Einsamen.

  • Ein ehrliches Lächeln an der Supermarktkasse.

 

Gott schreibt seine Heilsgeschichte erstaunlich oft im Kleingedruckten unseres Lebens. Die Frau von Schunem ahnte nicht, dass ihre Gastfreundschaft ihr Leben verändern und ihr den ersehnten Sohn schenken würde. Sie tat es einfach, weil es für sie dran war.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus lädt uns heute ein, Agenten dieser leisen, aber revolutionären Gastfreundschaft und Liebe zu sein. Wenn wir Christus an die erste Stelle setzen, dann werden unsere Augen geöffnet für die „Kleinen“ am Wegrand.

 

Achten wir in dieser Woche auf die Gelegenheiten, in denen wir jemandem einen „Becher frisches Wasser“ reichen können – sei es durch konkrete Hilfe, durch Respekt oder durch ein gutes Wort. Denn wer den Menschen Raum gibt, der gibt Gott Raum. „Wo die Güte und die Liebe, da ist Gott.“