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Evangelium
Später reute es ihn und er ging hinaus. – Die Zöllner und die Dirnen
gelangen eher in das Reich Gottes als ihr
+ Aus dem heiligen Evangelium
nach Matthäus
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des
Volkes:
28Was
meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten
und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!
29Er
antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und
er ging hinaus.
30Da
wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe.
Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin.
31Wer
von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie
antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen,
ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher
in das Reich Gottes als ihr.
32Denn
Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der
Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die
Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es
gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht
geglaubt.
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
wir blicken auf einen Tag des Innehaltens hier im Haus Laverna zurück.
Ein Tag, der unter dem Wort stand: „Umsonst habt ihr
empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10, 8).
Wir haben heute Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was uns im Leben
geschenkt wurde – ohne eigenes Verdienst, einfach so,
aus Liebe. Und wir haben uns der Frage gestellt, wie wir
das Empfangene weitergeben können.
Nun, am Ende dieses Tages, hören wir ein Evangelium, das auf den ersten
Blick so gar nicht zu dieser sanften, dankbaren Stimmung
passen will.
Jesus erzählt das Gleichnis von den zwei Söhnen.
Es ist eine handfeste, fast ein bisschen ungemütliche Familiengeschichte.
Ein Vater schickt seine Söhne zur Arbeit in den
Weinberg. Der eine sagt Nein, bereut es und geht doch.
Der andere sagt Ja, tut aber nichts.
Wenn wir genau hinschauen, geht es in Jesu Gleichnis
um die Frage, wie wir auf den Ruf des Vaters antworten.
Und dieser Ruf, in den Weinberg zu gehen, ist im Grunde
nichts anderes als die Einladung, das empfangene Leben
und die Liebe Gottes tatkräftig in die Welt zu tragen.
Der Weinberg, das ist die Welt, das ist unser
Alltag, das sind unsere Familien, unsere Arbeitsplätze,
unsere Beziehungen.
Schauen wir uns die beiden Söhne an:
Der zweite Sohn ist schnell mit den Worten.
„Ja, Herr, ich gehe“, sagt er. Er weiß genau, was
sich gehört. Er kennt die richtige Antwort. Er ist
höflich. Er wahrt den Schein.
Vielleicht fühlen wir uns manchmal auch wie dieser Sohn.
Wir haben die christlichen Werte verinnerlicht, wir
wissen recht gut im Glauben Bescheid, wir nicken, wenn
es um Nächstenliebe geht. Aber wenn es dann
konkret wird – wenn das „Umsonst-Geben“ uns Zeit, Kraft
oder Überwindung kostet –, bleibe wir dann nicht oft auf
dem Sofa sitzen? Das Ja bleibt ein Wort, es wird nicht
Fleisch, es wird nicht konkret. Das, was wir umsonst
empfangen haben, bleibt bei uns verschlossen, anstatt
dass es im Weinberg Frucht bringt.
Und dann ist da der erste Sohn. Seine erste Reaktion ist
schroff: „Ich will nicht!“ Er verweigert sich. Er
hat keine Lust, warum auch immer. Vielleicht war
er müde, vielleicht hatte er eigene Pläne.
Aber dann, so heißt es im Text, reute es ihn. Er ging in
sich. Er dachte nach. Was hat ihn umgestimmt?
Vielleicht war es die Erinnerung daran, wer dieser Vater
ist. Dass er von diesem Vater alles hat. Dass er kein
Sklave ist, der gehorchen muss, sondern ein Sohn, der
umsonst ein Zuhause, Schutz und Leben empfangen hat.
Aus dieser inneren Wandlung, aus dieser Reue, erwächst eine neue
Bereitschaft. Und er geht doch! Nicht, weil er muss,
sondern weil er begriffen hat, wer er ist und wem er
gehört.
Liebe Schwestern und Brüder!
Dieser Einkehrtag war ein Raum, um wie der erste Sohn „in sich zu gehen“.
Im Trubel des Alltags sagen wir oft unbewusst „Ich
will nicht“ oder „Ich kann nicht mehr“ zu den
Ansprüchen, die an uns gestellt werden. Wir fühlen uns
leer.
Aber heute durften wir uns erinnern lassen: Wir gehen nicht mit leeren
Händen in den Weinberg. Wir haben umsonst empfangen.
Gottes Liebe, seine Vergebung, das Geschenk des Lebens,
die Gemeinschaft, die wir hier erfahren haben – all das
ist Gabe, pures Geschenk.
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Gleichnis Jesu ist keine moralische Lehrstunde, die uns ein
schlechtes Gewissen machen will. Es ist eine Einladung
zur Ehrlichkeit.
Gott hält unsere Schwachheit aus, unser anfängliches Zögern, unser „Ich
will nicht“. Wichtig ist das, was danach kommt: die
Kehrtwende, die aus der Dankbarkeit entspringt.
Wenn ich spüre, wie reich ich beschenkt bin, dann wird das „Geben“ nicht
zur lästigen Pflicht, sondern zur logischen Konsequenz.
Dann gehe ich in den Weinberg, weil ich das, was ich
umsonst bekommen habe, umsonst und fließend weitergeben
möchte.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wir verlassen gleich den Abtsberg und das Haus Laverna. Wir kehren zurück
in unseren Alltag.
Nehmen wir diese Bewegung des ersten Sohnes mit:
das In-sich-Gehen, das Bereuen, wo wir uns verschlossen haben, und den
mutigen Schritt hinaus in den Weinberg.
Bitten wir den Herrn in dieser
Eucharistiefeier um die Kraft, dass unsere Antworten
nicht nur aus Worten bestehen, sondern zu Taten der
Liebe werden. Damit das, was wir heute umsonst empfangen
haben, durch uns für andere erfahrbar wird.
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