geistliche Impulse

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Predigt

von P. Pius Kirchgessner, OFMCap

 

Angst vor dem Advent?

zum Evangelium am 1. Adventssonntag, Lesejahr A; Mt 24, 29 - 44

 

 

Evangelium

Man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. – Seid wachsam und haltet euch bereit!

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

29Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

30Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.

31Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern.

32Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.

33So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist.

34Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht.

35Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

36Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

37Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein.

38Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging,

39und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.

40Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen.

41Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.

42Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.

43Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.

44Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

  

Und wieder ist Advent. Freuen Sie sich darauf? Oder ist Ihnen eher bange? Haben Sie gar Angst vor dem Advent? – Die Frage ist berechtigt. Denn wenn ich richtig sehe, ist der Advent, diese unmittelbare Zeit vor Weihnachten, für viele Menschen eine Zeit, in der sie ganz besonders stark inneren und äußeren Belastungen ausgesetzt sind. – Ohne dass wir das wollen, werden wir jedes Jahr neu mit vielfältigen Anforderungen und Erwartungen konfrontiert, denen wir kaum ausweichen können und die uns zu schaffen machen.

 

Wir wünschen uns eine ruhige und besinnliche Adventszeit. Aber den wenigsten ist sie vergönnt. Wir wünschen uns gerade jetzt Augenblicke der Stille, der Sammlung, mehr Zeit für das Gebet und für das Gespräch mit dem Ehepartner oder in der Familie. Wir nehmen uns das jedes Jahr neu vor. Aber wir geraten meistens auf‘s neue in den Sog der Hektik und Unrast und werden fast aufgefressen von den vielen Aufgaben und Anforderungen, die täglich auf uns zukommen. Enttäuscht stellen wir dann fest: Wieder einmal will nicht gelingen, was wir uns gerade für dieses Zeit vornehmen bzw. uns von ihr erhoffen. Und unsere Sehnsucht nach einem stillen Advent, wie wir ihn vielleicht in der Kinderzeit noch erlebt haben, macht schmerzlich fühlbar, wie sehr Termindruck, Unruhe und Anspannung unser Leben bestimmen. Angesichts all dessen kann ich Menschen verstehen, die offen bekennen: „Ich habe Angst vor dem Advent“.

 

Gegenüber solchen und ähnlichen Ängsten gibt es kein Patentrezept. Doch könnten wir uns durch das Evangelium vielleicht dazu ermutigen lassen, unsere Blickrichtung zu weiten und versuchen über den Augenblick hinauszuschauen. – Gerade weil der Gedanke an die Wiederkunft des „Menschensohnes“ mit großer Macht und Herrlichkeit kaum mehr eine entscheidende Rolle für unser praktisches Leben als Christen spielt, ist vielleicht hier der „blinde Fleck“ zu suchen, der uns die Möglichkeit und Fähigkeit zu einem befreienden Ausblick verstellt.

 

Der Evangelist Matthäus hat sein Evangelium an eine Gemeinde geschrieben, die uns unbekannt ist. Die Gemeindemitglieder sollten jedoch durch die Erinnerung an das „Kommen des Herrn“ nicht in Angst und Schrecken versetzt werden, sondern sie sollten dazu ermutigt werden, über die gegenwärtigen Nöte und Zwänge hinauszuschauen – auf jenen hin, der die einzige immerwährende Freude und Erwartung sein kann, Jesus Christus.

 

Dies einmal wirklich zu erfassen und zu bedenken, könnte zu einer befreienden Adventserfahrung werden. Dabei könnte uns bewusstwerden, dass nicht nur unser Blick auf den kommenden Herrn gerichtet ist, sondern dass der Blick des Menschensohnes auch uns sucht. Der Herr schaut auf uns als einer, der uns kennt und um uns weiß. Er schaut auf uns als einer, der alles, was uns bedrückt und belastet selbst von innen her erfahren und angenommen hat.

 

Das Weihnachtsfest – und der damit verbundene „Rummel“ kommt und geht, wie die allermeisten Dinge, auf die wir unsere kurzen Hoffnungen und Wünsche setzen.

 

Da wir erfahrungsgemäß aus eigener Kraft zu einem solchen befreienden Ausblick auf den kommenden Herrn nicht fähig sind, wird es gut sein, darum zu beten: „Zeige uns den rechten Weg durch diese vergängliche Welt und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche, damit wir in allem dein Reich suchen“ (Schlussgebet des 1. Adventsonntages).