Exerzitien mit P. Pius

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Die Berufung des Samuel

(1 Samuel 3, 1 - 21)

Samuel war eine herausragende Führergestalt des Volkes Israel, eine charismatische Persönlichkeit voll Kraft und Glauben.

  • Das Buch der Psalmen bekennt: „Mose und Aaron sind unter seinen Priestern, Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen; sie riefen zum Herrn und er hat sie erhört.“ (Ps 99,6)

  • Bei Jesus Sirach kommt sein politischer Einsatz zur Sprache: „Auf Gottes Wort führte er das Königtum ein und salbte Fürsten für das Volk.“ (Sir 46,13)

Samuel wurde zum Richter in Israel berufen. Er durfte Saul zum ersten König salben und nach dessen Versagen den großen König David.

 

1.   Vorgeschichte: Dem Herrn geweiht

Die Berufungsgeschichte des Samuel ist eng verbunden mit seiner Kindheitsgeschichte. – Sein Vater war Elkana. Er lebte in Rama und hatte zwei Frauen, Hanna und Peninna. Peninna hatte Kinder, Hanna keine. Sie war darum dem ständigen Spott der Peninna ausgesetzt. Das Ausbleiben des Kindersegens belastete sie ungemein.

Die Familie machte Jahr für Jahr eine Wallfahrt nach Schilo. Schilo, südlich von Sichem gelegen, war damals ein überregionales Kultzentrum. Wir können es vergleichen mit einem zentralen, großen Wallfahrtsort wie vielleicht Altötting oder Einsiedeln. In diesem Heiligtum befand sich unter der Obhut des Priesters Eli die Bundeslade.

In ihrem Gram betete Hanna dort innigst um einen Sohn und gelobte dem Herrn, wenn er ihr geschenkt würde, ihn für sein ganzes Leben lang dem Herrn zu weihen und dem Dienst am Heiligtum zu überlassen. – Ihre Bitte wurde erfüllt, wie es Eli der trauernden und weinenden Hanna zugesagt hatte.

 

Als der Knabe Samuel so herangewachsen war, dass er dem Dienst am Heiligtum übergeben werden konnte, brachte Hanna ihn zu Eli, dem Priester am Heiligtum. Damit verbunden brachte Hanna ein Opfer dar und sang ein Loblied, das Hannalied.

 

Samuel, dem Herrn geweiht, bleibt in Schilo und unternimmt unter der Aufsicht Elis Dienste im Heiligtum.

Gott segnete Hanna mit weiterer Schwangerschaft: Noch drei Söhne und zwei Töchter brachte sie zur Welt.

Da, wo nichts ist – die Unfruchtbarkeit Hannas - erweckt Gott sich seine Boten. Gott setzt gern im Leeren an. So ist es ganz sein Werk.

 

Weiter erfahren wir in der Vorgeschichte zur Berufung des Samuel etwas über die Söhne Elis. Es heißt: „waren nichtsnutzige Menschen. Sie kümmerten sich nicht um den Herrn“ (2,12).

Sie beachteten den Opferritus nicht mehr und bereicherten sich schamlos an den Opfergaben der Gläubigen.

Schon kam die Drohwarnung eines Gottesmannes zu Eli: Gottes Gericht sei nahe: Elis Söhne sollten an einem Tag dahingerafft werden und in seinem Geschlecht sollte es nie mehr einen alten Mann geben. Alle Männer würden in der Lebensmitte sterben müssen. - Es ist als wanderte Gottes Segen weg vom dortigen Priestergeschlecht.

Mit Samuel schafft Gott einen neuen Anfang. Mit ihm entsteht eine neue Epoche, eine neue Nähe zwischen Volk und Gott: „Ganz Israel“ (3,20) „von Dan bis Beerscheba erkannte, dass Samuel als Prophet Jahwes beglaubigt war.“

 

2.   Die Situation: Gottferne

Doch wir sind weit vorausgeeilt. Wir befinden uns bei der Kindheits- und Berufungsgeschichte des Samuel. Samuel ist noch ein kleiner Junge im Dienst des Herrn am Heiligtum von Schilo.

Die Situation, in der Samuel in den Dienst des Herrn hinein­wächst, hat nichts Erneuerndes, Lebendiges, nichts Strahlendes und kraftvoll Begeisterndes. Sie ist eher kläglich und schmählich, eher traurig und deprimierend.

Aber ist es nicht eine Situation, die uns gerade deswegen zu Herzen gehen und zuinnerst bewegen kann?

Vielleicht ähnelt diese Situation sogar der unsrigen in Kirche, Orden und Gemeinden. Vielleicht können wir gerade heute wieder gut nachempfinden, was die Samuel-Geschichte erzählt.

 

a. seltene Worte

Es heißt: „In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig.“ (3,1)

Es ist eine Zeit, in der Gott fern zu sein scheint, eine Epoche der „Gottesfinsternis“. Er hüllt sich in Schweigen. Er bleibt in der Verborgenheit. Er offenbart sich nicht, er zeigt sich nicht.

Gibt es Zeiten, in denen Gott weniger nah ist, Zeiten, in denen er sich den Menschen weniger offenbart?

Hat er sich gar verabschiedet? – Kann es sein, dass Gott sich entzieht? Wie kommt das nur? – Oder liegt´s an uns? Liegt es am Menschen, dass Gott ihm fern zu sein scheint? Sind wir abgestumpft? Haben wir kein Ohr mehr für seine Impulse, seine Worte? Sind Auge, Ohr und Herz nicht mehr auf die Zeichen Gottes eingestellt und wird Gott darum nicht mehr erfahren?

 

„Worte des Herrn waren damals selten u. es gab kaum Visionen.“

Ist das nicht in unserer Zeit ähnlich? Ist Gott nicht für viele Zeitgenossen in unerreichbare Ferne gerückt?

Sie erfahren ihn nicht. Sie spüren von ihm nichts. Und darum ist er auch nicht relevant für sie. Sie leben ihr Leben ohne Gott. Andererseits suchen Menschen Gott, sehnen sich nach Gottesnähe, Gottesunmittelbarkeit, möchten Gott erfahren, zu ihm finden, sehnen sich nach Gottesbegegnung und Gottes Gegenwart.

Aber wie ihn finden? Wie ihm begegnen? Wie etwas erfahren von seiner Wirklichkeit, seiner Nähe, von seiner Gegenwart ? Welche Möglichkeiten und Wege dahin gibt es? Und was braucht es vom Menschen her dazu? Was kann ich selber tun, dass meine Beziehung zu Gott wächst, sich vertieft und lebendiger wird?

Wie kann ich aufmerksam, sensibel, spürig werden für Gott in meinem Leben, für seine Zeichen und Impulse?

„Gott ist ein tägliches Abenteuer, weil er uns täglich von neuem zu entgleiten scheint und wir täglich nach ihm suchen müssen.“

 

b. noch ist die Lampe an

Doch andererseits heißt es auch: „Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“ (3,3) Noch ist die Lampe nicht aus, noch ist sie an, die Lampe Gottes.

Das klingt zwar tröstlich, aber es ist kein überwältigender Trost, eher bescheiden, schwach. Der Betrieb läuft noch, die Geräte funktionieren, noch ist die Lampe an. – Aber wie lange noch?

Der Letzte macht das Licht aus. Wann wird es dunkel, stockfinster? – Nähert sich ein bedrohliches, beängstigendes Vakuum?

 

Betriebsamkeit in der Kirche auch heute. Es läuft so manches. Aber ist nicht vieles Leerlauf? Die Räder drehen sich noch irgendwie. Aber klafft nicht mitten im Betrieb eine Leere? Jeder sieht, dass die Kirchen leerer werden, dass ein großes Vakuum entsteht oder schon entstanden ist. Priestermangel, Gläubigenmangel, Glaubensschwund, wachsender Glaubensverlust, Entchristlichung der Gesellschaft, Diasporasituation.

 

c. der Priester Eli

Der Priester Eli hält noch die Stellung am Heiligtum in Schilo.

Treu und gottergeben tut er seinen Dienst wie eh und je.

Es heißt freilich: „Seine Augen waren schwach geworden und er konnte nicht mehr sehen.“ (3,2)

 

Blickt er noch durch, was im Heiligtum läuft? Kann er die Ma­chenschaften noch erkennen, die sich um ihn abspielen? Erkennt er den Frevelweg seiner ungeratenen Söhne?

Er nimmt zwar wahr, wie pflichtvergessen sie sind, wie sie nur an sich selbst denken und was sie sich alles erlauben. Aber er scheint zu schwach zu sein, um ein wirkliches Machtwort zu sprechen, einzuschreiten und Einhalt zu gebieten.

 

Es ist eine gewisse Tragik um diesen alten Mann, um diesen alten Priester. - Ist sein Leben gescheitert?

„Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“

Elis Augenlicht war erloschen. Das Licht Gottes war noch nicht

erloschen. Auch für Eli nicht?

 

Im Leben Elis gibt es meines Erachtens drei große Stunden:

Die erste, wo er der kinderlosen Hanna voraussagt, dass sie schwanger werden wird. Und es geschieht.

 

Die zweite große Stunde für Eli: wo er merkt, dass der Herr den Knaben ruft, wo er erkennt: hier ist Gott am Werk, es ist Gottes Anruf! – Eli  macht Samuel aufmerksam, er bringt ihn auf die Spur und hilft ihm, Antwort zu geben: „Rede, Herr, dein Diener hört.“

 

Und dann gibt es noch eine große Stunde im Leben Elis, am Ende seines Lebens. Eine Stunde der Betroffenheit, eine Stunde der Reife, dort, wo er sagt: „Es ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt.“ (3,18)

Man muss den Klang dieser Worte hören. „Es ist der Herr.“

Es ist ein letztes Bekenntnis, ein letztes Sich-IHM-Anheimstellen und sich beugen unter die mächtige Hand Gottes.

„Er tue, was ihm gefällt.“

Man muss bedenken: Eli spricht diese Worte, nachdem er das Gottesurteil aus dem Mund des jungen Samuel gehört hat.

 

3.    Offenbarung

„Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand.“

Er ruht im Heiligtum, nah bei der Bundeslade, dem Symbol der Gegenwart Gottes, dem Ort der Offenbarung. Er befindet sich in göttlicher Ruf- und Reichweite.

 

Mitten im Dunkel der Nacht geschieht, was schon lange nicht mehr geschehen ist: Gott tritt aus sich heraus und äußert sich.

Er lässt sein Wort ergehen wie einst.

Aber das Wort Gottes hat es schwer. Es hat es schwer, durchzukommen. Es vermag nicht ohne weiteres erkannt zu werden.

 

Dreimal muss Gott ansetzen.

Ob die Menschen im Tempel vergessen und verlernt haben auf die Anrede Gottes, die jederzeit möglich ist, gefasst zu sein, ja überhaupt damit zu rechnen?

 

„Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.“ (3,7)

 

Tagsüber tut er Dienst im Tempel, nachts schläft er im Tempel. Samuel lebt sozusagen in unmittelbarer Nähe zu Gott.

Und doch steht da: „Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.“ (3,7)

 

Das gibt es also! Man ist noch nicht reif für die Gotteserfahrung. Und: man ist in einer religiösen Tradition aufgewachsen, man lebt im Ritual mit Gott, man hat seine Gebete, man kennt die Gebote, man hört und liest die Hl. Schrift, man ist vertraut mit dem Got­tesdienst, man führt Glaubensgespräche, man kennt in der Sakri­stei sozusagen jede Schublade – und erfährt doch nichts von Gott und versteht nicht seine Sprache und erkennt nicht seine Stimme.

 

Doch: „Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“

Gottes Geduld wartet. Gottes Treue bleibt.

 

Ein alter Priester, blind, schwach, vergesslich und ein ahnungsloser Knabe – und Gottes Treue bleibt!

 

„Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.“ (3,7)

 

4.   Berufung

Samuel muss noch in die Schule der Erfahrung mit Gott genommen werden. Dreimal muss Gott rufen, bis er erkennt, dass die Stimme, die ihn ruft, die Stimme Gottes ist, dass dieses Rufen in der Nacht Gottes Rufen ist und ihn meint, ihn ganz persönlich.

 

Und allein, von sich aus, vermag es Samuel gar nicht. Es bedarf eines anderen, der aufmerksam macht, Rat und Hilfestellung gibt und ihm sagt, wie er reagieren und sich verhalten soll.

 

Hier ist es der alte Eli. Er hat in seinem Leben Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Aber diese Erfahrungen sind wie zugeschüttet, fast vergessen und es ist mühsam, sie freizulegen, sie aus dem Abgrund der Erinnerung heraufzuholen.

 

So sehr hat sich Eli mit dem Schweigen Gottes abgefunden, dass es drei Anläufe braucht, bis er die Stimme, die den Knaben ruft, als die lange nicht mehr gehörte Stimme des Herrn verifizieren kann.

Aber immerhin: Eli lässt sich auf den jungen, noch unerfahrenen Samuel ein. Er hätte ihn auch anfahren können: „Du dummer Kerl, was quatschst du die ganze Nacht herum, was redest du für ein dummes Zeug. Lass mich gefälligst in Ruhe schlafen.“

So reagiert er nicht.

 

Er bleibt auch ehrlich und gibt sich nicht selber als Rufer aus. Zweimal hintereinander sagt er ohne Beschönigung ganz klar: „Ich habe dich nicht gerufen!“

Vor allem verdankt ihm Samuel die richtige Deutung des Rufes: „Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte.“

 

Eli kann die Erfahrung seines Lebens und seines Berufes ins Spiel bringen. Er kennt die Tradition früherer Berufungen und weiht Samuel darin ein. Er hilft Samuel, die Geister zu unterscheiden. Er lehrt und heißt ihn, für Gott ganz Ohr zu sein, gesammelte Aufmerksamkeit, ganz bereit, ganz verfügbar.

 

Elis Aufgabe ist damit erfüllt. Er hat Samuel Anleitung, Hilfestellung gegeben zum Hören auf Gottes Wort, zum Gehorsam gegenüber Gott. Jetzt fordert ein anderer, der Größere, der Allmächtige den jungen Samuel. Und Eli überlässt ihn diesem Größeren.

 

Jede Berufung hat ihre Geschichte. Am Beispiel des Samuel sehen wir, wie viel da mitspielen kann und vor allem, wie sehr sich Gott dabei oft auch der Menschen bedient, bis jemand wirklich seine Stimme erkennt und dann vom Horchenden zum Gehorchenden, vom Gerufenen zum Beauftragten und Gesandten wird.

 

Kennzeichnend für diese Erzählung ist das dreimalige Nichtver­stehen bzw. Missdeuten des Rufes Gottes durch Samuel. Dass es Gott selber sein könnte, ist ganz außerhalb seines Horizontes. Der Ruf kommt völlig unerwartet und so gar nicht außergewöhnlich, so menschlich, so sehr dem menschlichen Rufen zum Verwechseln ähnlich, dass Samuel meint, Eli habe ihn gerufen.

Allerdings, - dafür kann das dreimalige Rufen und Nichtverstehen des Rufes auch ein Hinweis sein: Berufungen lassen sich nicht einfach programmieren. Sie brauchen Zeit zur Reife, Zeit zur Prüfung, Zeit der Geduld. Samuel hat einen langen Atem. Er gibt nicht gleich auf. Er hört nicht auf, aufzustehen und zu Eli zu laufen, bis dem aufgeht, wer es ist, der den Knaben ruft

 

Kennzeichnend für diese Erzählung ist auch die Hinweis – und Deutungsfunktion Elis, die Vermittlerrolle, die er einnimmt, wobei es auch bei ihm Zeit braucht, bis es dämmert und er die Deutung zu geben weiß, die stimmig ist.

 

Manche Menschen sind heute lange auf der Suche nach der richtigen Entscheidung. Viele wissen oft nicht, ob ihnen der Ruf auch wirklich gilt. Da ist es gut, geistliche Begleitung zu haben, erfahrene Weggefährten zu kennen, die helfen, die noch undeutliche Stimme zu deuten. Es braucht Leute wie den Priester Eli, die den entscheidenden Rat geben. Dann aber auch spüren, wann ihre Aufgabe erfüllt ist, zurückzutreten vermögen, nicht festhalten, sondern loslassen, um dem Größeren, um Gott Platz zu lassen.

 

Wenn wir annehmen, dass auch heute noch Gott Menschen in seinen Dienst beruft, dann dürfen wir davon ausgehen, dass Gott auch heute – wie damals – Menschen gebraucht, die vermitteln, auf Gott hinweisen und aufmerksam machen, auf die Spur Gottes bringen, verdeutlichen, Augen öffnen, zu Gott hinführen.

 

Woran mangelt es heute? Fehlen uns die Samuels oder auch die Elis? – Sind wir hellhörig für die verwirrende Unruhe, die sich in den Menschen, zumal den jungen Menschen regt? Haben wir ein offenes Ohr dafür? Wer deutet sie? Woher sollen sie wissen, dass in dem, was ihr Leben aufreißt, der Ruf des Herrn am Werk ist?

Ich glaube nicht, dass es heute zu wenig Samuels gibt. Aber wo sind die Elis?

Allerdings, wenn ich in anderen die Hörbereitschaft wecken will, muss sich fragen, wie es bei mir selber damit steht.

Oder haben wir verlernt, mit dem Anruf Gottes überhaupt zu rechnen? Wir rechnen mit vielem, auch damit? Oder rechnen wir mit allem, nur nicht damit?

 

5.   Gott ruft mitten in der Nacht

Wir kennen das Sprichwort: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ – Samuel schläft, als alles seinen Anfang nimmt. Er hat den Tag losgelassen, die Geschäfte des Tempels, die vielen Menschen, die jeden Tag kommen um zu opfern und zu beten. Jetzt ist es Nacht und Nächte sind geheimnisvoll. Denn in der Nacht kommt all das zum Zug, was tagsüber schweigen muss: das Unterbewusste, unser inneres Gefühl, das nie trügt. Im Schlaf kommt die Wahrheit auf wunderbare Weise ans Licht: unsere Angst, Sehnsucht, Liebe, unsere inneren und äußeren Konflikte. In der Nacht tauchen sie auf, ungeschminkt und wahrhaftig, weil wir uns nicht mehr verstellen.

 

So ist es auch bei Samuel. Tief in seinem Innern gibt es eine Stimme, die ihn ruft. Mitten in der Nacht. Nicht am Tag, beim priesterlichen Dienst, beim sorgfältigen Gebet. Nein, diese Stimme ruft mitten im Schlaf, wenn alle Dinge aus der Hand gegeben sind. Und diese Stimme ruft nicht den alten Eli, sondern den jungen Samuel, nicht den Lehrer, sondern den Schüler, nicht den Erfahrenen, sondern den Unerfahrenen.

Ich finde das tröstlich. Manchmal, da geschieht das Eigentliche über Nacht, ohne jedes Zutun. Manchmal, da ist Gottesstunde, einfach so. Nicht weil wir bei wachem Verstand sind, weil wir aufmerksam unsere Pflicht tun, sondern weil wir alles loslassen. Dann kommt Gott. – Und dieser Gott, so behaupte ich, schlummert auch in uns. Wenn wir uns Zeit lassen, wenn wir tief in uns gehen, wenn wir die alltäglichen Beschäftigungen einmal weglassen, dann wird auch in uns der Ruf Gottes hörbar, unerwartet, aber immer lockend und liebevoll.

Gott ruft auch uns beim Namen, wenn wir nur still werden, wenn wir nur genau hinhören.

 

6.   Beim Namen gerufen

Bevor Gott sich dem Samuel offenbart, ruft er ihn bei seinem Namen. Im Alten wie im neuen Testament gibt es viele Beispiele, wie Gott Menschen mit Namen ruft. Der doppelte Namensruf kommt im AT nur vier Male vor: bei Abraham (Gen 22,11), Jakob (Gen 46, 2) und Mose (Ex 3) und hier.

In alten Erzählungen haben Namen eine besondere Bedeutung. Den Namen von jemanden zu kennen, bedeutet Macht über ihn zu haben (Vgl. Das Märchen vom Rumpelstilzchen). Namen in der Bibel sagen in ihrer Bedeutung oft auch etwas über ihren Träger und dessen Eigenschaften, Charakteristika oder seine Lebensaufgabe aus. Mose z. B. heißt: „Der aus dem Wasser Gezogene“. Der Name Samuel bedeutet: „Der von Gott Erbetene“.

Wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde, weiß ich unmissverständlich: ich bin gemeint. Wenn jemand sich mit „hör mal“ oder „du da“ an mich wendet, kann ich so tun als gehe mich das nicht an. Ich brauche mich nicht unbedingt betroffen fühlen. Ein solcher Anruf kann auch jemanden gelten, der bei mir, vor oder hinter mir steht. Ich könnte mich schnell wegdrehen, mich abwenden und mich der Anrede entziehen. Aber wenn mich jemand mit Namen anruft, da bin ich persönlich gemeint – unverwechselbar, unausweichlich.

Unser Name, speziell unser Vorname, begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. Er gehört uns. Er ist ein Teil von uns.

Wir haben es nicht gern, wenn unser Name verhunzt wird.

Und eine der tiefsten Niederträchtigkeiten ist es, dem Menschen seinen Namen zu entziehen und ihn nur noch mit einer Ziffernfolge zu bezeichnen, wie es immer wieder in Unrechtsregimen geschehen ist.

Ein Gotteswort beim Propheten Jesaja (43,1) lautet: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Mein bist du.“

In der Offenbarung des Johannes sagt Gott: „Niemals werde ich Eure Namen aus dem Buch des Lebens streichen.“ (vgl. 3,5)

 

Der Name ist die persönlichste Form der Anrede. Jede Handlung wird intensiver wahrgenommen, wenn der Betroffene dabei mit Namen angesprochen wird. Wenn zwei, die sich gern haben, einander umarmen, ist vielleicht ihr Herz so voll, dass sie gar kein Wort finden, sondern nur den Namen des anderen sagen. Im Aussprechen des geliebten Namens liegt alles, was das Herz bewegt und der Mund nicht sagen kann.

 

7.   Ruf und Antwort

Gott ruft. Gott erwählt. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Die Initiative geht von Gott aus.

 

Gottes Ruf sucht Antwort. Samuel zeigt uns, wie das geht.

Er sagt jenes: „Hier bin ich. Rede, Herr, dein Diener hört.“

Hier bin ich. Es ist ein großes Wort. Es öffnet einen Raum.

Hier bin ich. Es ist nicht abgesichert, dieses Wort. Es ist riskant.

Hier bin ich. Ich stehe zur Verfügung. Ohne Wenn und Aber.

Hier bin ich: Ich bin bereit. Wirke durch mich! Sende mich!

 

Was hätten wir gesagt, mitten in jener Nacht?

Vielleicht: Lass mich schlafen, Gott. Warum rufst du gerade mich? Was willst du von mir? Stör mich nicht! Lass mich doch in Ruhe!

 

Und Samuel sagt: Hier bin ich. Wenn der Anfrage Gottes, so eine Antwort folgt, dann kann es nur gut werden, nicht unbedingt leicht, kein unbeschwertes Leben, kein Spaziergang, kein Leben im Schaukelstuhl, aber gut. Hier bin ich. Gott hat Priorität, heißt das. Gott, die Realität meines Lebens. Gott tritt beherrschend in die Mitte meines Lebens. Hier bin ich. Gott hat Vorfahrt vor den tausend Dingen meines Lebens. Sein Wille soll gelten.

 

Wie wäre es, das auszuprobieren? Jeden Tag auf die innere Stimme zu hören, mit der Gott mich herausruft. Und jeden Tag sagen: Hier bin ich, Gott. Ja, ich höre dich. Und ich möchte dir Antwort geben durch mein Leben.

Hier bin ich, wenn ich arbeiten muss. Hier bin ich, wenn ich mich von der Arbeit erhole. Hier bin ich, wenn das Leben glatt geht. Hier bin ich, wenn alles schief läuft. Hier bin ich. Ich bin vor dir, Gott. Ich lebe mein Leben unter deinen Augen. Ich vertraue dir. Ich gehe den Weg, dessen Ziel du bist. Hier bin ich.

 

Es hat mit Offenheit zu tun, Offenheit auf Gott hin. Und mit Verfügbarkeit. Sich Gott zur Verfügung stellen. Gott wirken lassen bei mir, in mir, durch mich.

Die Antwort auf den Ruf Gottes, das Ja-Wort, das Ja der Bereitschaft, das ja des Glaubens und des Gehorsams muss jeder selber sprechen. Das kann einem niemand abnehmen. Diesen Schritt muss jeder selber tun. Andere – wie in unserer Erzählung Eli – können begleiten, hinführen, Impulse setzen, Hilfestellung geben. Die Schwelle muss jeder in eigener Verantwortung überschreiten. Ich bin gefragt. Die letzte Entscheidung kann mir niemand abnehmen.

Habe ich den Mut, mich ganz und vorbehaltlos auf Gott einzulassen. Das ist eine Frage auch an mein Gottvertrauen.

 

Hier bin ich. Es ist ein Wort, das uns auch frei machen kann.

Weil wir das Leben nicht mehr in unserer eigenen Hand halten müssen. Gott hält es. Er hält uns, was immer geschieht. Gott führt und leitet. Seine Liebe, seine Kraft geht alle Wege mit.

 

Alfred Delp: „Wir können dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“

Psalm 23: „Ich fürchte kein Unheil. Du bist bei mir.“

D. Bonhoeffer: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen…“

 

8.   Selig, wer schläft

Da ist noch ein Wort in der Erzählung, das wir nicht überhören sollten: „Samuel blieb bis zum Morgen liegen, dann öffnete er die Türen zum Haus des Herrn.“ (V. 15)

Kaum zu fassen: Gott hat den jungen Samuel gerufen. Und die Botschaft, die er auszurichten hat, ist nicht von Pappe.

Es kommt einiges auf ihn zu: Er soll das Gericht ankündigen.

Er soll nicht nur sagen: Macht so weiter, es ist alles okay.

Nein, er soll sagen: So kann’s nicht weitergehen.

Mit dieser Botschaft wird er sich keine Freunde machen.

Er wird anstoßen. Das alles könnte ihm schon schlaflose Nächte bereiten.

Und Samuel bleibt liegen bis zum Morgen... Ein tröstliches Wort!

Ich weiß nicht, ob Sie das „Geheimnis der Hoffnung“ von Charles Peguy kennen:

„Leute, welche nicht schlafen, mag ich nicht leiden, sagt Gott.

Der Schlaf ist des Menschen Freund.

Der Schlaf ist Gottes Freund...

Wer nicht schlafen kann, bricht der Hoffnung die Treue...

Selig, wer überlässt. Das heißt: Selig, wer hofft. Und wer schläft.“

 

Wir hoffen nicht auf uns selbst. Und darum brauchen wir nicht ans Werk zu gehen, wie jene, die keine andere Hoffnung haben als sich selbst. Gott trägt uns. Sein Ruf will uns nicht schlaflos machen. Im Gegenteil: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.“ (Ps 127,2)

 

9.   Besinnungsfragen

 Jeder hat seine Wahrheitsstimme, die Stimme seines Wesens, durch die Gott spricht.

„Ganz leise spricht ein Gott in unserer Brust,

 Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,

 Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.“  (Goethe)

 Was tue ich, dass ich diese Stimme vernehmen kann? 

  1. Ich gehe in der Erinnerung den Weg zurück durch meine Lebensgeschichte: Wo war deutlich ein Anruf Gottes? Gab es eine Lebensstunde, in der der Anruf Gottes besonders eindringlich wurde? Wie war mein Hören und Gehorchen? Mein Vorbeileben und mein Vergessen?

  2. Samuel weiß zunächst nicht, dass Gott es ist, der ruft. Manch­mal erscheinen uns die Zeichen, erscheint uns ein Anruf mehrdeutig. Was können wir tun, zur Klarheit zu kommen? (Einen Erfahrenen um Rat fragen; sehen, ob mehrere Zeichen in eine Richtung weisen; einige Zeit mit einer Deutung zu leben versuchen und sehen, wie es sich auswirkt.)

  3. Gott spricht im Wort der Offenbarung. Wie und wann kann das Wort der Offenbarung (der Bibel) mein Wort werden, Anruf an mich?

  4. Kann ich zuhören? Was beeinträchtigt bei mir die Aufmerk­samkeit? Was kann ich tun, die Kraft der Aufmerksamkeit, die Fähigkeit zum Hören zu stärken?

  5. Wie kann ich fühlig, spürig werden für Gott in meinem Leben, achtsam für seine Zeichen, Hinweise und Impulse?

  6. Wie kann ich in meiner Lebenswelt etwas von Gott erfahren, von seiner Wirklichkeit, von seiner Nähe, seiner Gegenwart? Welche Möglichkeiten sehe ich, welche nehme ich wahr?

  7. Was kann ich tun, damit meine Beziehung zu Gott sich vertieft, wächst, lebendiger wird?

  8. Das Hören lebt von der Stille. Gibt es stille Momente in meinem Alltag, Zonen der Ruhe und Sammlung, Zeiten des Schweigens und der Innerlichkeit?

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