Exerzitien mit P. Pius

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Das geknickte Rohr nicht brechen

(Taufe des Herrn im Lesejahr C; Jes 42, 1 - 8)

Es gibt Worte, die einen treffen. Sie gehen nicht aus dem Sinn.

Eine Zeile aus einem Lied kann einen den ganzen Tag begleiten.

 

Aber tiefer treffen Worte, die einer uns sagt – im Guten oder Bösen. Ein verletzendes Wort oder ein beglückendes Wort eines lieben Menschen, ein Abschiedswort oder Worte auf dem Sterbebett. Diese Worte gehen nach. Manchmal begleiten sie einen ein ganzes Leben lang.

 

Solche Worte gibt es auch in der Heiligen Schrift.

Ein solches Wort ist für mich ein Satz aus der ersten Lesung am Fest der Taufe Jesu.

Beim Propheten Jesaja heißt es da: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“

 

Ein Wort, das mich nicht loslässt. Es ist immer wieder da und gewinnt für mich Bedeutung bei der Begegnung mit Menschen, sei es im Sprechzimmer, im Beichtstuhl, in der geistlichen Begleitung, bei Exerzitien.

Es gibt so viele Menschen, die sich elend, schwach, erschöpft, bedrückt, ausgebrannt, kraftlos, in Schuld verstrickt oder am Ende fühlen.

 

Das geknickte Rohr brechen, den glimmenden Docht löschen.

Das sind Ausdrücke aus der Gerichtssprache. Es bedeutet immer Schuldspruch, manchmal sogar Todesurteil.

Wir kennen entsprechende Redewendungen auch in unserer Sprache. „Den Stab über jemandem brechen“. Das heißt, ihn verurteilen, ihn abschreiben, mit ihm fertig sein.

 

In der Lesung verzichtet derjenige, der die Vollmacht hat, das geknickte Rohr zu brechen und den glimmenden Docht zu löschen, auf sein Recht. Obwohl er es könnte, bricht er nicht den Stab. Er urteilt und verurteilt nicht.

Es ist der Gottesknecht, es ist der von Gott Gerufene und Erwählte, von dem Jesaja das sagt.

Das Neue Testament sieht in Jesus die eigentliche Erfüllung des verheißenen Gottesknechtes. Er macht die prophetische Heilszusage wahr. Er erfüllt, ja er übertrifft die alttestamentliche Verheißung in ungeahnter Weise.

 

Jesus Christus ist der, der nicht kam, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Er ist derjenige, der die Liebe des Vaters, die treue, ewige, schranken- und grenzenlose Liebe gegenwärtig werden lässt. Er ist der, der das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht.

 

Es gibt wohl kaum ein Wort, das so sehr auf der Linie Jesu liegt wie dieses. Es passt hundertprozentig zu ihm und seiner Sendung.

Das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. In diesem Wort ist gleichsam der Herzschlag Jesu zu hören.

 

Es gibt viele Stellen in den Evangelien, die das belegen.

Zunächst ist da die große Einladung Jesus an die Mühseligen und Beladenen, an alle Bedrückten und Bedrängten. Jesus ruft diesen Menschen zu: „Kommt alle, ihr Übermüdeten und Überbürdeten! Ich will euch erquicken, trösten, stärken. Bei mir sollt ihr Ruhe finden, aufatmen können, Zuversicht schöpfen.“

 

Weiter fallen mir die Seligpreisungen der Bergpredigt ein, in denen Jesus das Heil den Armen zusagt, denen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, den Barmherzigen und all denen, die keine Gewalt anwenden.

Besonders kommen mir in den Sinn die vielen Begegnungen Jesu mit Außenseitern der Gesellschaft, mit Ausgestoßenen und Verachteten, Gestrauchelten und Gestrandeten, Erniedrigten und Hoffnungslosen.

 

Jesus sucht ganz bewusst ihre Gemeinschaft. Und erregt damit den hellen Zorn des religiösen Establishments. Er hält sogar Mahl mit Zöllnern und Sündern. Unerhört ist das in den Augen derer, die sich für gut und fromm, für recht und untadelig halten.

 

Jesus wendet sich gerade den Menschen zu, über die andere bereits den Stab gebrochen und das Urteil gefällt haben.

„Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ rufen sie empört, als Jesus bei Zachäus einkehrt. Jesu Antwort: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren!“

Er beruft einen Zöllner in seine Jüngerschar. Seine Begründung: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Und: „Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu berufen, sondern die Sünder.“

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, sagt Jesus zu denen, die die Ehebrecherin vor ihn hinschleppen.

Als er mit der Frau allein ist, fragt er sie: „Hat dich niemand verurteilt? – Auch ich verurteile dich nicht.“

 

„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“

Das gilt auch für die Sünderin im Haus des Pharisäers Simon. Jesus rümpft nicht wie die anderen die Nase. Er lässt sie gewähren. Er schickt sie nicht fort. Er schenkt ihr den neuen Anfang.

 

Und noch etwas. Liebe Schwestern und Brüder, halte ich für ganz wichtig und bedeutsam:

Nie begnügt sich Jesus damit, das geknickte Rohr nicht zu brechen. Stets geht es ihm darum, den Menschen ihre verlorene Würde zurückzugeben, ihr Selbst- und Gottvertrauen zu stärken und ihnen so Kraft und Halt zu geben.

Nie begnügt sich Jesus damit, den glimmenden Docht nicht auszulöschen. Stets geht es ihm darum, das fast schon erlöschende Lebenslicht durch die Glut seines Herzens, durch seine Zuwendung, seine Liebe, sein Solidarischsein neu zu entfachen.

 

„Ich bin gekommen, um zu suchen, was verloren war und zu heilen, was verwundet ist“, so umschreibt Jesus selbst seine Sendung.

Wo Menschen sagen: verloren, da sagt er: gefunden.

Wo Menschen sagen: gerichtet, da sagt er gerettet.

Wo alle „nein“ sagen, sagt er doch „ja“.

 

Das ist Frohe Botschaft.

Denn sind wir nicht auch manchmal geknickt, bedrückt, ganz unten? Fühlen wir uns nicht auch manchmal arm und schwach, leer und ausgebrannt, wie ein Docht, der kaum noch glimmt?

 

Oft gestehen wir es nicht ein, uns selbst nicht und vor anderen gleich zweimal nicht, wie mühsam wir uns durchs Leben schleppen und wie sehr es manchmal Fassaden sind, die wir mit letzter Kraft aufrechterhalten.

 

Wie viel wird gelitten, ausgehalten, erduldet!

Wie übel spielt das Leben manchmal mit!

Wie viele Hoffnungen zerbrechen! Wie viele Beziehungen, Freundschaften, Ehen gehen in Brüche! Ganz zu schweigen von den anderen Schicksalsschlägen wie z. B. unheilbare Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes, Einsamkeit.

Und ein Unglück kommt selten allein. Manchmal kommt es knüppeldick.

 

Es gibt keine heile Welt. Weithin geht es da ganz hart zu, sehr grausam, oft gnadenlos.

Wer fällt, bekommt noch einen Schubs. Wer nicht mehr kann, wird ausrangiert. Wie schnell ist man abserviert und weg vom Fenster.

 

Gott sei Dank, ist es bei Gott anders. Er ist nicht der Halsabschneider und strenge Richter als den viele ihn sehen.

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.

Sogar zum Schächer am Kreuz sagt Jesus noch: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Er spricht Rettung zu, Erlösung und Heil bis zum letzten Atemzug.

 

Wir aber, liebe Schwestern und Brüder, sind aufgerufen, auf Jesus zuschauen, von ihm zu lernen, uns seine Gesinnung zueigen zu machen, nach seinem Beispiel zu leben und aus seinem Geist zu handeln.

 

Das geknickte Rohr nicht brechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen.

Gabe wird zur Aufgabe. Gottes Liebe ruft unsere Liebe.

Nicht „wie du mir, so ich dir“, lautet die Devise, sondern nach Jesu Wort und Beispiel: „Wie ich euch, so ihr einander“!

 

Bitten wir darum, dass wir mehr und mehr Menschen werden nach dem Bild und Gleichnis Jesu, Menschen, die das Geknickte nicht brechen und das Schwache nicht auslöschen weder bei anderen, noch bei uns selbst.

 

Das eine ist nämlich, nachsichtig, behutsam und barmherzig zu sein mit den Schwachen, einfühlend mit den Leidenden. Und wo immer wir können, aufzurichten und zu trösten, zu teilen und zu heilen, gütig zu sein und hilfsbereit, zu schützen und zu stützen.

 

Das andere ist, mit uns selbst barmherzig zu sein, mit uns selbst fürsorglich umzugehen, uns selbst nicht nieder und kaputt zu machen, sondern uns selbst anzunehmen, wie und weil Gott uns annimmt, trotz und mitsamt unserer Schwachheit, trotz und mitsamt unserer Schuld. Seine Liebe ist größer. Über unserem Leben steht ein großes Ja!

 

Wie bei der Taufe im Jordan zu Jesus, so sagt Gott auch zu uns, zu einem jeden: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter!“ – Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es!

 

Ich finde es großartig, ja fast unglaublich, dass wir armseligen Menschen von Gott als seine Kinder angenommen sind, dass wir zu ihm „Vater“ sagen dürfen.

Darum ruft der hl. Papst Leo der Große uns zu: „Christ, erkenne deine Würde!“

Wir müssen nicht nur an Gott glauben. Als Christen dürfen und sollen wir auch an uns selber glauben, an das, was wir durch die Taufe geworden sind.

Und dieses Bewusstsein, Sohn/Tochter Gottes zu sein, darf und soll uns immer mehr durchdringen. Mit diesem Bewusstsein, von Gott bedingungslos geliebt und angenommen zu sein, dürfen wir in das neue Jahr gehen, hoffnungsfroh, vertrauensvoll, mutig und zuversichtlich.

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