Exerzitien mit P. Pius

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Das  Gleichnis vom hartherzigen Schuldner

(Mt 18, 21 - 36)

Dieser Evangeliumsabschnitt (24. So. A) trifft den Kern der Botschaft Jesu. Es geht um Vergebung. Vergebung ist ein Herzstück der christlichen Heilsbotschaft.

 

Petrus fragt seinen Herrn – schon Schlimmes befürchtend:

Wie oft muss ich meinem Bruder verzeihen, wenn er mir etwas angetan hat? – Petrus versucht zuerst selbst eine Antwort: vielleicht sogar bis zu siebenmal? – Petrus hat für seine Begriffe schon sehr hoch angesetzt, kaum zu überbieten. Das Ende der Fahnenstange.

 

Jesus antwortet, nicht nur für Petrus erschreckend: siebenundsiebzig mal! Jedes Mal, immer! Ohne Ausnahme!

Petrus fragt nach einem Maßstab, nach einer oberen Grenze des Verzeihens. Jesus sagt: Es gibt keine Grenze.

 

Man muss sich das einmal vorstellen: Dem anderen den gleichen Fehler, die gleiche Verfehlung, die gleiche Charakterschwäche, die gleiche Unart, die einem nervt, seine Vergesslichkeit z.B. oder sein ständiges Zu-spät-Kommen, die immer wieder auftretende Unzuverlässigkeit jedes Mal verzeihen! Wer hat so viel Geduld? Wer hat so viel Nachsicht?

 

Ist die Forderung Jesu nicht eine Überforderung, eine Zumutung? Geht das nicht über unsere Kräfte? Bürdet uns Jesus mit dieser maßlosen Forderung nicht nur neue Schuldgefühle auf?

 

Jesus begründet die grenzenlose Vergebung, indem er ein Gleichnis erzählt. Er begründet sie letztlich mit dem Hinweis auf Gott selbst. Modell für christliches Verhalten – auch bezüglich der Bereitschaft zu vergeben – ist Gott selbst.

Ein König rechnet mit seinen Leuten ab. Er trifft auf einen, der hoffnungslos verschuldet ist. Seine Schulden gehen in die Millionen, eine astronomische Summe. Der Mann ist verloren.

Auch wenn man ihn mit seiner Familie in die Sklaverei verkauft, auch wenn man sein Privatvermögen konfisziert: das Geld, das nötig wäre, um die Schulden zu bezahlen, kann er nie und nimmer aufbringen.

Der Mann hat sein Leben verspielt. Er weiß das und geht in die Knie. Er bittet um Gnade und Barmherzigkeit.

Da geschieht das Unbegreifliche: Die Schuld wird ersatzlos gestrichen. Es ist wie ein Wunder: Der Herr verzichtet auf das, was ihm zusteht. Königliche Vergebung!

 

Kaum ist dieser Knecht, von der Last befreit, wieder draußen, da trifft er einen Kollegen, einen armen Schlucker, dem er ein paar Euro gepumpt hat, einen Kleckerbetrag, kaum der Rede wert.

Jetzt wirft sich sein Mitknecht ihm zu Füßen und bittet um Gnade und Barmherzigkeit. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser zweite dem ersten irgendwann die geringe Schuld erstatten kann ist um ein Vielfaches größer, als dass der erste dem Herrn die Millionenschuld zurückzuzahlen vermag, ein Ding der Unmöglichkeit.

 

„Ist schon gut“, hätte er sagen können. „Es ist gut“, das hatte er ja gerade selbst aus dem Mund des Königs gehört, als es um viel mehr ging. - Aber nun geschieht in diesem Gleichnis das Erstaun­liche und im Grunde Unverständliche: Er, dem die Riesenschuld gerade total gestrichen wurde, er kennt keine Gnade.

Stattdessen packt er brutal zu: „Zahle, was du schuldig bist.“

Er besteht auf seinen Forderungen auf Heller und Pfennig. Ganz grausam verfährt er mit seinem Kollegen. Er kennt kein Pardon. Aber seine Hartherzigkeit wird ihm zum Verderben.

Am Schluss der Erzählung tritt der König wieder auf: „Hättest nicht auch du Erbarmen haben müssen, wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ Und er behandelt den unbarmherzigen Knecht ebenso hart, wie der seinen Mitknecht behandelt hat.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es liegt Jesus nicht daran, dass wir uns über den Ersten empören. Es käme vielmehr alles darauf an, dass wir uns in ihm wieder finden. Es wäre wichtig, dass wir uns wirklich als Sünder vor Gott sehen, dass wir das nicht nur so daher sagen: „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld“.

 

Wie egoistisch können wir denken und handeln! Wie können unsere Leidenschaften und Triebe uns fortreißen! Wie sehr können wir anderen weh tun! Wie viel Gutes hätten wir tun können und haben es nicht getan! - Wie oft weichen wir dem Anspruch Gottes aus! Wie wenig nehmen wir seinen Willen ernst!

Sind wir bereit und sind wir fähig zu sehen, dass das Böse auch in unserem Herzen wohnt?

 

Nur wenn wir uns da nichts vormachen, können wir uns in der Vergebung als Beschenkte erfahren. Wenn wir das aber nicht sehen, wenn wir uns nicht bewusst sind, dass wir angewiesen sind auf Gottes Erbarmen, dass wir seine Vergebung immer wieder nötig haben, dann erleben wir auch das Beglückende nicht mehr, dass wir nämlich von der Liebe Gottes, von seinem Verzeihen leben. Wir stumpfen ab. Wir sind nicht dankbar. Wir vergessen die Konsequenzen zu ziehen, die aus der Vergebung Gottes, die uns selbst immer wieder so überreich zuteil wird, erwachsen.

 

Wenn uns das aufgeht, wie überraschend, wie unwahrscheinlich großzügig Gott handelt, wenn uns einleuchtet, wie wir selbst ständig davon leben, dass Gott uns aufrichtig und von Herzen verzeiht, nur dann können wir begreifen, was es heißt:

 

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ und:

„Wie ich euch vergeben habe, so vergebt auch ihr!“ oder:

„Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“

 

Eine akrobatisch hohe Summe, wird dem Knecht einfach erlassen. Alles erscheint übertrieben an dieser Geschichte.

Aber gerade dadurch will Jesus sagen: So überraschend handelt Gott, so unwahrscheinlich großzügig ist Gott.

 

Hier könnte freilich ein Irrtum entstehen:

Als ob Gott die Schuld des Menschen nicht ernst nimmt, als ob er sie im Grunde als eine Bagatelle ansieht.

So meint Jesus das nicht! Sondern: Hier steht ein Mensch vor Gott, der sich der ganzen Tragweite und Aussichtslosigkeit seiner Schuld bewusst ist, der seine Schuld vor Gott zugibt, der vor Gott einfach kapituliert, der nicht mehr weiter kann und nun das über­raschende und befreiende Wort hören darf: Deine ganze Schuld ist dir vergeben!

Wie das Herz Gottes lauteres Erbarmen ist, absolute Großmut, so soll auch unsere Haltung sein. Wie Gott unendlich langmütig, barmherzig und gnädig ist, so soll auch der Mensch nicht nur mit den Lippen, sondern mit seinem Herzen, also ganz aufrichtig langmütig sein, barmherzig, bereit zu verzeihen.

 

Gottes Liebe ruft unsere Liebe. Sein Herz ruft unser Herz.

Eine wesentliche Bitte am Herz-Jesu-Freitag lautet:

„Bilde unser Herz nach deinem Herzen!“

Gertrud von le Fort hat das Wort: „In der Verzeihung des Unverzeihlichen ist der Mensch der göttlichen Liebe am nächsten.“

Wo Gott so großzügig ist, wie kann ich da hart und unversöhnlich bleiben? - Wo Gottes Vergebung so bedingungslos und grenzenlos ist, wie können wir da unsere Vergebung an Bedingungen knüpfen? Oder ihr Schranken setzen? Oder sie von Umständen abhängig machen?

Jesus sagt in der Bergpredigt: „Mit dem Maß mit dem ihr messt, wird auch euch gemessen werden!“ Ein ernstes Wort, das in die Verantwortung ruft.

Jesus sagt ganz unmissverständlich: Gott zieht seine Vergebung zurück, wenn bei euch der Wille zur Vergebung fehlt, wenn ihr nicht, ein jeder, dem Bruder, der Schwester verzeiht, und zwar von Herzen.

Man kann nicht das Vaterunser beten und darin auch die Bitte an Gott richten um Vergebung der Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und gleichzeitig die Faust in der Tasche ge­ballt haben.

Von Herzen verzeihen, auch dort, wo´s schwer fällt, auch dort, wo ich gar nicht schuld bin. Gar nicht so leicht!

Die Höchstform der Liebe ist die Vergebung. Wir können auch sagen: Die Vergebung ist der Testfall der Liebe.

 

Vergebung?- Sicher, man vergibt schon mal, wenn´s hoch kommt auch ein zweites, drittes, ja sogar ein siebtes Mal. Aber dann ist Schluss, irgendwo hört`s auf. Was der mir angetan hat! Wie die mich beleidigt hat! Das kriegt er/sie zurück!

Wie du mir so ich dir! Da weiß man, wo man dran ist. Verdient hat er`s ja! Dem geschieht recht!

 

Wie oft muss ich vergeben? Alles hat ja schließlich mal seine Grenzen! - Schluss mit der Vergebung?

Wo andere Schluss machen, da fängt`s mit dem Christsein erst an, sagt Jesus. Und er hat es nicht nur gesagt. Er hat so gehandelt. Sein Wort ist durch sein Leben gedeckt. Sogar seinen Henkern hat er am Kreuz hängend die Vergebung des Vaters erbeten.

Alles hat seine Grenzen. Bei Jesus nicht. Er ist über alle Grenzen hinausgegangen; siebzigmal siebenmal ist er weitergegangen. Und er lädt uns ein, mit ihm zu gehen, er lädt uns ein zu einer neuen Gangart. Er lädt uns ein, die gewohnten Denkmuster und Verhaltensweisen aufzugeben.

Damit ist nicht gesagt: Wir lassen fünf gerade sein. Es ist ja alles gar nicht so schlimm! Wir decken es mit dem Mantel der Liebe zu. So nicht!

 

Wenn ein Kind seine Mutter belügt, wenn ein Mann seine Frau betrügt, wenn ein Mitbruder mich beleidigt, über mich bei anderen redet, mich beim Oberen schlecht macht, dann ist das schlimm, dann zerbricht etwas.

Da kann man nicht einfach sagen: „Schwamm drüber!“

Wohl aber kann die Liebe größer sein als das, was zwischen Zweien steht. Das ist Vergebung! Dazu sind wir eingeladen und ermutigt, immer von neuem, 70 x 7 mal, auch dann, wenn wir denken: „Jetzt reicht´s aber!“

 

Allerdings: Großzügigkeit, Nachsicht, Vergebungsbereitschaft heißt nicht, dass ich alles widerspruchslos hinnehme, dass ich mir immer alles gefallen lasse, alles schlucke, unter den Teppich kehre oder in mich hineinfresse. Ich soll und darf mich auch verteidigen und wehren.

Großzügig sein heißt nicht, dass ich mich nicht äußere, mich nicht zu Wort melde. Ich soll und darf meinen Standpunkt vertreten und meine Sicht der Dinge einbringen und deutlich machen, allerdings möglichst ruhig und sachlich, denn der Ton macht die Musik und wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder zurück.

Es ist anderen gegenüber sogar fair, wenn sie wissen, wie sie bei mir dran sind! Und ich bin aufrichtig, wenn ich den anderen sage, wo ich mich übergangen, zu kurz gekommen oder nicht ernst genommen fühle.

Es kann auch eine Form von Demut sein, zu sagen, was ich wünsche, wo ich etwas brauche, meine Bedürfnisse anzumelden oder auch zu signalisieren, wo ich verletzt bin.

Vergeben heißt nicht: die Wirklichkeit vernebeln. Wenn Vergeben darin besteht, unter den Teppich zu kehren, wenn es die offene Aussprache verhindert, dann bewirkt sie oft das Gegenteil, wirkt kontraproduktiv.

 

Von Herzen verzeihen: das ist etwas von Schwersten!

Wie schwer kann es sein, einen Schlussstrich zu ziehen, das erlösende Wort zu finden, den Schritt zur Versöhnung zu tun!

Jesus aber sagt:

Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben...

Wenn ihr nur die grüßt, die euch grüßen...

Was tut ihr da Besonderes?

Welchen Lohn wollt ihr dafür erwarten?

Tut Gutes, denen die euch hassen! Betet für die, die euch verfolgen. Segnet die, die euch verfluchen!

 

Wir bringen es oft nicht fertig. Wir tragen nach. Wir rühren gern in alten Töpfen. Wir tischen längst Vergangenes wieder auf und jubeln es bei passender Gelegenheit unter die Weste oder streichen es aufs Butterbrot.

 

Wenn er seine Arbeit nicht zu Ende führt ist er faul, wenn ich meine Arbeit nicht abschließe, bin ich beschäftigt u. überarbeitet.

Spricht er über andere, ist er ein Klatschmaul, tue ich das gleiche, übe ich konstruktive Kritik.

Verteidigt er seine Sache, ist er dickköpfig, beharre ich auf meinem Standpunkt, bin ich ein Mann von Charakter.

Redet er nicht mit mir, ist er hochnäsig, rede ich nicht mit ihm, war ich halt mit den Gedanken nicht dabei.

Ist er freundlich, führt er was im Schilde, bin ich freundlich, ist das so meine nette Art.

 

Von Herzen verzeihen: gar nicht so einfach!

Denn es geht ja nicht bloß um Kleinigkeiten. Natürlich auch darin sind wir groß, Kleinigkeiten nachzutragen. Über was für lächerliche Dinge können sich manchmal Familien oder Nachbarn, Kollegen und Angestellte aufregen und zerstreiten. Ein Wort gibt das andere. Und dann herrscht eisiges Schweigen. Man grüßt mitunter tagelang nicht mehr und schaut sich nicht mehr an, oft wegen Bagatellen und Lappalien.

 

Von Herzen verzeihen sollen wir auch das Unrecht, das uns wirklich weh getan hat, das uns wirklich getroffen hat.

Jesus traut uns das „Siebenundsiebzigmal“ zu. Leicht wird`s nie sein, aber möglich; am ehesten möglich dann, wenn wir uns bewusst sind, dass wir selber keine weiße Weste haben, wie viel Schatten, Dunkles, Böses in uns selber steckt und wie sehr wir selber von Gott und von unseren Mitmenschen her auf Vergebung angewiesen sind.

 

Vergebung ist dann möglich, wenn wir uns vom Evangelium bewegen, vom Geist Jesu inspirieren lassen.

Vergebung ist dann möglich, wenn wir lernen, das Kreuz Jesu Christi anzuschauen.

Im Gekreuzigten sehen wir unsere Schuld. In ihm sehen wir noch mehr Gottes Liebe und Erbarmen. Im Gekreuzigten sehen wir, wie viel wir Gott wert sind!

 

Jesus meint: Wir müssten - in unserer Freude über Gottes großzügige Vergebung - selber zu großzügiger, vorbehaltloser Vergebung bereit sein.

Wer Vergebung erfahren hat, sollte der nicht auch selber vergeben können? Wer weiß, dass er „aus Gnade lebt“, kann der ungnädig sein? Wir sollen so miteinander umgehen, wie Gott mit uns umgeht.

 

Am 13. Mai 1981 geschah das schlimme Attentat auf Papst Johannes Paul II.

Als der Papst im Dezember 1983 seinen Attentäter Ali Agca im Gefängnis besuchte, ging diese Begegnung durch die Presse und alle Medien: Keine Vorwürfe, kein Nachtragen, sondern ein Treffen der Versöhnung, ein Gespräch brüderlicher, verzeihender Liebe.

„Was wir einander gesagt haben, bleibt ein Geheimnis zwischen mir und ihm. Ich habe zu ihm gesprochen wie man zu einem Bruder spricht, dem ich vergeben habe und dem ich vertraue.“

Das war alles, was Johannes Paul II. den Journalisten anschließend mitteilte.

„Ein überraschendes Drama von Verzeihung und Versöhnung“, schrieb damals die Times.

 

Es war für mich damals sehr beeindruckend als ein Journalist im Fernsehen seinen Rückblick auf das Jahr mit eben diesen Bildern der Versöhnung beendete. Noch mehr beeindruckten mich die Worte, die nachdenklich die Szene beschlossen; Worte, die das aussprachen, was letztlich uns allen und der ganzen Welt nottut: „Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

 

Gegen Ende des 2. Weltkrieges fand man im Konzentrationslager Ravensbrück folgendes Gebet auf einem Stück Packpapier:

„Herr, gedenke nicht nur der Männer und Frauen guten Willens, sondern auch der böswilligen. Gedenke nicht nur all der Leiden, die wir unter ihrem Joch zu erdulden haben, sondern gedenke auch der Früchte, die wir dank dieser Leiden hervorgebracht haben – unserer Kameradschaft, unserer Treue, unserer Demut, unserer Tapferkeit und Hochherzigkeit, der Herzensgröße, die alles inspirierte. Und wenn sie dann vor den Richter treten, lass all diese Früchte, die wir hervorgebracht haben, ihnen zur Vergeltung und zur Vergebung gereichen.“

 

Von Werner Bergengruen stammt folgende Geschichte:

Die Frau eines Fischers hatte mit einem Matrosen die Ehe gebrochen. Nach Landessitte soll sie deshalb von einem hohen Felsen gestürzt werden. Doch in der Nacht der Vollstreckung steigt der betrogene Ehemann in die Felswand. Aus starken Seilen spannt er ein großes Netz über den Abgrund und stopft es mit Stroh und Kissen aus. Als nun am anderen Morgen das Urteil vollstreckt wird, stürzt die Frau vom Felsen herab, aber sie wird aufgefangen im Netz der Liebe ihres Mannes. Seine Liebe fängt ihre Schuld auf.

 

Überall aber, wo Menschen sich versöhnen, Unrecht vergeben, Frieden schließen, einander verzeihen, vollzieht sich auch göttliche Vergebung. Gottes Liebe fängt unsere Schuld auf. Von seinem Erbarmen leben wir. Sein Erbarmen ist größer als unsere Schuld.

 

Eine Geschichte erzählt: Ein König sollte folgendes Urteil unterschreiben: „Gnade unmöglich, im Gefängnis lassen!“

Ihm kam das Urteil zu hart vor, weil er an die Zukunft des Mannes und seiner Familie dachte. Er änderte das Urteil um: „Gnade, un­möglich im Gefängnis lassen!“

Er machte nur eine Kommaverschiebung, und das Urteil lautete auf Freispruch. Gott macht ständig bei uns solche Kommaverschiebungen. Probieren wir das doch auch mal im Umgang miteinander!

 

Über Papst Johannes XXIII. werden unzählige Anekdoten erzählt. Folgende Geschichte über ihn ist als wahr verbürgt:

Es war in der Zeit, als Johannes noch Patriarch von Venedig war. Eines Tages hörte er davon, dass einer seiner Priester in der Stadt dem Alkohol verfallen sei. Johannes machte sich zusammen mit seinem Sekretär auf, um den Mitbruder einmal aufzusuchen.

Im Pfarrhaus traf er ihn nicht an. Man verwies Johannes an das Stammlokal des Pfarrers. Johannes ging hin und schickte seinen Sekretär hinein. Der kam mit dem Pfarrer zurück. Johannes sagte zu ihm: Ich muss mit dir reden. Hast Du Zeit für mich?

Beide gingen zum nahe gelegenen Pfarrhaus. Dort sagte Johannes: Mitbruder, es ist wieder Zeit bei mir. Nimm mir bitte die Beichte ab. Und dann beichtete der Patriarch bei seinem zum Säufer gewordenen Mitbruder.

Der gab seinem Bischof die Lossprechung. Johannes dankte ihm und ging nach Hause. Den Pfarrer hat man nie wieder betrunken gesehen.

 

Johannes hat seinem Mitbruder das Trinken nicht vorgeworfen, nicht einmal erwähnt. Er hat ihn nicht kommen lassen und dann abgeurteilt. – Er ist zu ihm gegangen und hat ihn erleben lassen, dass er nicht von der Warte des Besseren auf ihn herabschaut.

Hätte er ihm die Verfehlungen um die Ohren geschlagen – er hätte dem Mann noch eine Wunde hinzugefügt zu seiner Sucht. Stattdessen hat er ihn mit seiner Güte bestürzt.

So hat er ihn nicht noch einmal verletzt und gänzlich eingesperrt in seine Schuld, sondern er hat jenem Pfarrer seine Würde als Mensch und Priester zurückgegeben. Genau das hat ihn erlöst aus seiner Verstrickung.

 

Jesus will uns mit der kleinen Petruserzählung und dem sich anschließenden Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht sagen:

1. Was Menschen einander zu verzeihen haben, ist geradezu unfassbar geringfügig im Vergleich zu dem, was Gott den Menschen verzeiht!

2. Man kann nicht von Gott für sich selber Vergebung erbitten und sie dem Mitmenschen verweigern. „Hättest nicht auch du Erbarmen haben müssen, wie ich mit dir Erbarmen hatte?“

 

Die Erfahrung lehrt: Wer seinen Nächsten verurteilt, kann irren; wer ihm aber verzeiht, irrt niemals.

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