Exerzitien mit P. Pius

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Sich profilieren in der Nachfolge Jesu

(29. Sonntag im Lesejahr B; Mk 10, 35 - 45)

„Sich positionieren“ und „sich profilieren“ sind Worte, die ich seit einiger Zeit immer wieder höre.

Wer sich nicht positioniert und profiliert, wer nicht selbstbewusst auftritt und sich ins rechte Licht rückt, wer nicht glänzt und hervorragt, fällt durch das Leistungsraster. Er oder sie kommt nicht weiter, man/frau bringt´s zu nichts, sie oder er bleibt in der grauen Alltagsmasse stecken.

 

Auch das heutige Evangelium berichtet von einem Versuch, sich zu positionieren und zu profilieren.

Es handelt sich um Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Sie gehören zusammen mit Petrus und Andreas, dem anderen Brüderpaar, zu den Ersten, die Jesus in seine Nachfolge gerufen hat (Mk 1,19-20).

Zusammen mit Petrus gehören Jakobus und Johannes auch zu den drei Aposteln, die Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten mehr als die anderen mit sich nahm und näher an sich heranließ, z.B. bei der Erweckung der Tochter des Jairus (Mk 5, 37), bei der Verklärung auf dem Berg (Mk 9,2) oder im Garten von Getsamini (Mk 14,33).

Jesus gab den beiden auch den Beinamen „Donnersöhne“ (Mk 3,17). Es müssen wohl besonders temperamentvolle und draufgängerische, vielleicht auch hitzköpfige Typen gewesen sein.

Bei der Berufung am See von Galiläa sind die beiden sofort bereit, diesem Jesus nachzufolgen und den Vater im Boot zurückzulassen. Und als man Jesus und die Seinen in einem samaritischen Dorf nicht aufnehmen will, möchten sie Feuer vom Himmel fallen lassen.

 

Die Situation im heutigen Evangelium ist folgende:

Jesu Einzug in Jerusalem steht bevor. Seine Jünger rechnen damit, dass dann die Stunde des großen Triumphes schlägt, die Stunde, in der Jesus in Macht und Herrlichkeit erscheint, seine Königsherrschaft antritt und das Reich Gottes anbricht.

Und da wollen die beiden Brüder sich schon mal die besten Plätze, die einflussreichsten Posten, sichern. Ihr sehnlichster Wunsch: im Königreich Jesu die Ehrenplätze rechts und links von ihm einnehmen zu dürfen.

 

Anders als in der Fassung des Matthäus, wo sich die Mutter bittend für ihre Söhne einsetzt, tragen im Evangelium heute Jakobus und Johannes ihr kühnes Anliegen selber vor Jesus.

 

Kann man den beiden böse sein? Ist es nicht legitim nach vorne zu streben? Ist der Wille zur Macht nicht ein Urtrieb des Menschen? Wer sitzt nicht gerne in der ersten Reihe?

Wer versucht nicht, Einfluss zu gewinnen, nach oben zu kommen und die Nase vorn zu haben? Wer möchte nicht top sein, spitze?

Wer freut sich in Büros und Verwaltungen, in Firmen und Betrieben nicht, wenn er das Ohr des Chefs, Einfluss und was zu sagen hat? Wer wünscht sich nicht befördert zu werden und auf der Karriereleiter bzw. Gehaltsstufe ein Stück hinaufzusteigen?

 

Auch das Verhalten der anderen Jünger ist verständlich.

Sie sind sauer auf die beiden Brüder. Deren forscher Drang, sich in Position zu bringen, ärgert sie gewaltig.

Wer kennt das von uns nicht? Reagieren wir nicht oft ähnlich?

 

Wahrscheinlich erwarten sie auch von Jesus ein Machtwort, eine Zurechtweisung der beiden Wichtigtuer und Vordrängler, vor allem auch deswegen, weil sie in ihnen Konkurrenten sehen, die ihnen wegschnappen, was sie für sich selbst gern reserviert und gesichert hätten. Sie sind ja nicht weniger ehrgeizig wie die beiden Brüder, nicht weniger geltungssüchtig und machtgierig.

 

Übertriebener Ehrgeiz, Geltungsdrang und Machtstreben einerseits – Missgunst, Neid und Eifersucht andererseits.

Wie menschlich es doch schon bei denen zuging, die wir als Apostel, Märtyrer und große Heilige verehren!

 

Und Jesus? Wie reagiert der Meister auf das Erfolgsstreben und Karrieredenken seiner Jünger?

Wenn einer Grund hätte, ärgerlich zu sein, dann er.

Wie oft musste er sich fragen, ob denn seine Botschaft bei seinen engsten Freunden gar nicht ankommt. Wie oft musste er schmerzlich erfahren, dass die Seinen wie blind sind für seine messianische Sendung, nichts verstehen und nichts begreifen!

 

Doch Jesus tadelt die beiden Brüder nicht. Er macht keine Vorwürfe. Er sagt nur: „Ihr wisst nicht, worum ihr bittet.“

Dann stellt er eine Frage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke und die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“

 

Statt von Ehrenplätzen in seinem Reich, statt von Rang und Würden, spricht Jesus vom „Kelch“ und von der „Taufe“.

Im Brustton der Überzeugung beteuern Jakobus und Johannes, dass sie das können. Überaus selbstsicher antworten sie „Yes, we can“ bzw. „Wir schaffen das“.

Aber haben die beiden verstanden, was Jesus meint?

Haben die anderen Jünger verstanden, worum es Jesus geht?

 

Jesu Weg führt hinauf nach Jerusalem. Und schon dreimal hat Jesus vorausgesagt, was ihn dort erwartet.

„Kelch“ und „Taufe“ sind Inbegriff für sein bevorstehendes Todesschicksal.

Nicht mit Ehrenplätzen müssen diejenigen rechnen, die sich in die Nachfolge Jesu begeben und sich auf das Reich Gottes einlassen, sondern damit, untergetaucht zu werden wie bei der Taufe, mithineingenommen zu werden in die Passion und den Kelch des Opfers und des Leidens zu trinken, ein Bild für das Martyrium.

 

Das Profil des Christen ist nicht gekennzeichnet durch äußere Macht und Stärke. Das Profil des Christen bildet sich in der Nachfolge dessen, der für uns gelitten hat und gekreuzigt worden ist, der uns bis zum Äußersten geliebt und sein Leben für uns hingeben hat.

 

Dem Profilierungsversuch von Jakobus und Johannes schließt sich eine einschneidende und programmatische Jüngerbelehrung an. Nicht nur die Zebedäussöhne, sondern alle Zwölf werden von Jesus ins Gebet genommen. Alle bekommen eine Lektion erteilt.

Diese beginnt mit einer scharfen Absage an alle Formen des Herrschaftsstrebens und mit der Verwerfung jeglicher Gewalt:

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.“

Eine uralte Erfahrung und gleichzeitig brandaktuell! Man muss nur die Tagesschau einschalten, Nachrichten hören oder die Zeitung aufschlagen.

Und dann fordert Jesus die große Alternative, den Gegenentwurf. Er nennt in scharfem Gegensatz zur Menschenherrschaft das neue Gesetz der Gottesherrschaft: „Bei euch soll es nicht so sein!“

Wörtlich übersetzt heißt es sogar: „Bei euch aber ist es nicht so!“ Ein Kernsatz des heutigen Evangeliums!

Jesus zeigt den Seinen auf, wie es in der Welt zugeht und wie ganz anders ihr Miteinander aussehen soll.

Jesus zeichnete das Bild einer Kontrastgesellschaft.

Nicht Machtspiele, nicht Herrschsucht und Unterdrückung, wie sie in der Welt an der Tagesordnung sind, soll das Miteinander der Jünger und Jüngerinnen Jesu prägen, sondern: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erster sein will, soll der Sklave aller sein“. (Mk 10,42f.)

 

Damit tadelt Jesus nicht nur das Prestigedenken seiner Jünger, sondern gibt ihnen – und auch uns – eine Richtschnur in die Hand, einen Maßstab, woran wir unser Leben ausrichten können.

 

Jesus mahnt eine diakonische Gemeinschaft an, in der das Wohl des Anderen mehr zählt als die Angst um sich selbst, eine Liebesgesellschaft, in der man im Anderen Gottes Ebenbild sieht, einander auf Augenhöhe begegnet, einander Ansehen schenkt und dem Anderen liebend und vertrauend, heilsam und hilfreich begegnet.

 

„Wer bei euch groß sein will, der soll der Diener aller sein, und wer bei euch der Erster sein will, soll der Sklave aller sein.“

 

Diese Ermahnung hören die Jünger – und wir mit ihnen – nicht zum ersten Mal (siehe Mk 8,34f. und Mk 9,35).

Insgesamt kommt dieses Wort Jesu in den Evangelien – mit kleinen Variationen – fünf Mal vor. Ein Hinweis darauf, wie wichtig, wie zentral bereits der Urkirche diese Weisung Jesu war.

 

Und wieder ist es nicht Ziel Jesu, dass sich die Menschen klein machen um des bloßen Klein-Seins-Willen.

Vielmehr sollen die Jünger Jesu – und wir wiederum mit ihnen – bereit sein zum Dienst, so wie Jesus selbst sich als Diener verstanden hat, bereit zur Hingabe, so wie er selbst sein Leben hingegeben hat.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Profil eines Jüngers und einer Jüngerin Jesu, das Profil des Christen – und auch das einer christlichen Gemeinde bzw. Gemeinschaft – zeigt sich nicht im hohen Rang, nicht in Ehrentiteln und Machtpositionen, nicht in Ruhm und Herrschaft, sondern im Dasein für andere, im Mut zum Dienen, in Hilfsbereitschaft und Solidarität, in Fürsorge und selbstlosem Engagement zum Wohle anderer.

Mit einem Wort: Das Profil des Christen zeigt sich in dienender Liebe und liebender Hingabe.

 

In einem Lied, das junge Christen gern singen, heißt es:

„Der Herr  wird nicht fragen: Was hast du beherrscht, was hast du dir unterworfen? Seine Frage wird lauten: Wem hast du gedient, wen hast du umarmt um meinetwillen?“

 

An unserem Verhalten, an unserem Umgang miteinander, vor allem an unserer Liebe wird man erkennen, wes Geistes Kind wir sind, ob wir Kinder des Lichtes sind oder nicht, ob wir zu Jesus gehören oder nicht.

ER hat uns ein Beispiel gegeben, ER ist uns den Weg vorausgegangen. ER ruft uns, ihm zu folgen, IHM, „der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“.

 

Mit diesem Satz schließt unser Evangelium. Er fast alles zusammen und bringt sowohl das Selbstverständnis Jesu als auch sein Sendungsbewusstsein für alle Zeiten gültig zum Ausdruck.

Er, der wie kein anderer der „Kyrios“ ist, der Herr, er, der wie kein anderer Grund hätte, sich bedienen zu lassen, er ist wie niemand sonst zum Diener geworden.

Das Johannesevangelium unterstreicht das durch eine erschütternde Zeichenhandlung, die Jesus den Seinen während des letzten Abendmahles tut, wenn er seinen Jüngern den Sklavendienst der Fußwaschung erweist.

 

„Wer bei euch groß sein will, der soll der Diener aller sein, und wer bei euch der Erster sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“

 

Aber bleiben wir nicht immer wieder hinter dem ungeheuren Anspruch des Evangeliums zurück? Ist diese Latte nicht viel zu hoch? Fühlen wir uns nicht immer wieder überfordert?

 

Und Mut zum Dienen?

Wirkt das nicht reichlich weltfremd?

Stellt das nicht die gängigen Werte auf den Kopf?

Geht uns das nicht immer wieder gegen den Strich?

Wie schwer fällt uns das oft!

Und wird auf den, der so lebt, nicht mitleidig herabgeschaut?

Wird so jemand nicht für dumm, einfältig oder idealistisch gehalten?

Aber hat Jesus den Seinen, die sich nicht der Welt anpassen, die nicht mitmachen, was man macht, die anders leben, Beifall, Lob und Ehre versprochen?

 

Mut zum Dienen! Ich bin überzeugt: Wer sich tief bücken will, braucht eine tiefe Verwurzelung, einen tragenden Grund. Und er muss ein Rückgrat haben.

Dienen, Lieben, Sich-Hingeben im Sinne Jesu und des Evangeliums kann nur, wer sich von Grund auf geliebt und angenommen weiß.

Dienen, Lieben, Sich-Hingeben speist sich aus der unverlierbaren Würde, die uns als geliebte Töchter und Söhne Gottes zukommt.

Dienende Liebe und liebende Hingabe ist nur dem möglich, der seine Identität aus der unbedingten Liebe Gottes bezieht, so wie es Jesus getan hat.

 

Bei allem Unvermögen aber, das wir spüren, bei aller Schwachheit, die wir erfahren, bei allem Zurückschrecken und Zurückbleiben hinter der Botschaft Jesu kann uns die zweite Lesung des heutigen Sonntags aus dem Hebräerbrief (4,14-16) Trost und Ermutigung sein:

Jesus steht uns bei. Er ist uns nahe. Er fühlt mit uns. Er weiß um unsere Schwächen und Grenzen. Er kennt unseren guten Willen und unser Versagen. Und er hat Geduld mit uns. Er erbarmt sich unser. Er nimmt uns an. Er schenkt uns jeden Tag einen neuen Anfang.

 

Möge sein Wort uns die Richtung zeigen,

möge sein Beispiel uns animieren und ermutigen,

möge sein Geist uns beleben und beseelen,

möge sein Licht uns erleuchten und seine Kraft uns stärken,

damit wir uns nicht in der Weise der Gesellschaft und der Welt positionieren und profilieren – „bei euch soll es nicht so sein“ (wie bei den Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen und andere unterdrücken) – sondern uns als Freunde Jesu, als Jünger Christi erweisen in Barmherzigkeit und Liebe, in Fürsorge und Geduld, in Hilfsbereitschaft und Güte, in dienender Liebe und liebender Hingabe.

 

Ein hohes Ziel. Nicht immer erreichen wir es. Wir sind noch auf dem Weg. Wir stoßen an Grenzen. Und Umkehr ist immer wieder notwendig.

Doch Gott sieht auf unser Bemühen. Und er vermag zu ergänzen, auszufüllen und zu vollenden, was noch fehlt.

Mit seiner Gnade und Hilfe dürfen wir zuversichtlich sein, den „Ehrenplatz“ zu erhalten, den der Vater im Himmel für uns bereithält.

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