Exerzitien mit P. Pius

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Kein fauler Frieden - Entschiedenheit - Brennendes Feuer

(Lk 12, 49 - 53; 20. So. im Jahreskreis C)

Es gibt Abschnitte im Evangelium, die klingen hart; es gibt Worte Jesu, die würde man am liebsten streichen. Sie scheinen so gar nicht zu seiner Lehre und zu seinem Leben zu passen.

 

Ist Jesus nicht der, der uns den Frieden bringt? Sagt er nicht selbst zu seinen Aposteln: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“? Er ist es doch, der sich für Versöhnung einsetzt. Er ist es doch, der das Ende der Vergeltung fordert und zu grenzenloser Vergebung aufruft. Er ist es doch, der in der Bergpredigt die Friedensstifter selig preist, diejenigen, die keine Gewalt anwenden, und diejenigen, die barmherzig sind.

Seine Jünger sendet er aus mit dem Auftrag: „Wenn ihr in ein Haus kommt, sagt als erstes: „Friede diesem Haus!“ Und sagt er nicht selbst von sich: „Ich bin der gute Hirt“ und:„ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“. „Ich bin gekommen, um zu suchen, was verloren war.“

Der Apostel Paulus fasst im Epheserbrief all dies zusammen in dem wunderbaren Wort: „Er (Christus) ist unser Friede.“

 

Und hier heißt es im Evangelium: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Nein, ich sage euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.“

Was für Töne! Ganz andere! So kennen wir Jesus gar nicht: Jesus als Störenfried, als Unruhestifter, als Spaltpilz, der Verwandte gegeneinander aufwiegelt und Familien entzweit? Ganz ungewohnt und provozierend, ja schockierend!

 

Wie geht das zusammen: Frieden und Unfrieden? Schließt sich das nicht gegenseitig aus: Frieden bringen und Streit entfachen, sich als sanftmütig bezeichnen und Spaltung verursachen?

Spricht Jesus mal so, mal so? - Was soll man dann glauben?

Hat Jesus zwei Gesichter? - Welches ist dann das wahre?

 

Oder liegt der Fehler bei uns, dass wir nur das hören, was wir hören wollen, was uns an den Worten Jesu gefällt? Nehmen wir nur selektiv das wahr, was uns zusagt? Wählen wir bewusst oder unbewusst aus, was uns passt? Verdrängen wir Seiten an Jesus, die . unserem Bild von ihm nicht entsprechen oder unser Bedürfnis nach Harmonie und Ruhe stören? Sind wir erblindet für den ganzen Jesus? Sehen wir nur den „lieben Heiland“, der allen wohl und niemand weh tut?

Doch die Sache, um die es Jesus geht, ist alles andere als harmlos und idyllisch. Seine Worte sind alles andere als beschwichtigend, saft- und kraftlos, unverbindlich. Nein, sie können scharf sein wie ein Schwert, provozierend, herausfordernd, anspruchsvoll.

Jesus ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. An ihm, an seinen Taten und Worten, entscheiden sich die Geister.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Jesus sagt uns heute ganz unmissverständlich, dass seine Botschaft Konflikte heraufbeschwört, die bis in die Familie reichen. Er sieht voraus, dass es um seinetwillen zu Auseinandersetzungen kommen wird zwischen Menschen, die im gleichen Haus wohnen, zur Konfrontation und Spaltung zwischen den nächsten Verwandten.

 

Verwundern kann uns, dass diese so sehr fordernden und ernsten Worte im Lukasevangelium stehen. Denn gerade in diesem Evangelium offenbart sich Jesus als die Güte Gottes. Gerade in diesem Evangelium verkündet er die Liebe des Vaters zum Verlorenen, die Liebe, deren „zweiter Name“ - wie Papst Johannes Paul II. einmal sagte - „Barmherzigkeit“ ist. Es ist die Liebe, die den verlorenen Sohn nicht aufgibt, sondern ihm die Tür zur Rückkehr ins Vaterhaus offen hält, ja ihm sogar entgegeneilt, als er heimkehrt. (auch: verlorenes Schaf, Zachäus, Sünderin...)

Woher kommt dann auf einmal der harte Ton Jesu? Woher die Radikalität in seinen Worten heute?

 

Wir dürfen Jesus nicht missverstehen: Es geht ihm nicht darum, Menschen gegeneinander aufzuwiegeln. Er ruft weder im Namen Gottes zu Unfrieden und Gewalt auf noch fordert er zum Familienkrach auf.

Aber er weiß - und streut da keinen Sand in die Augen - dass es bei dem, was er vertritt, nicht um irgend etwas geht, dass das keine Nebensache ist, keine Zutat zu unserem Leben. Er weiß, dass sein Weg nicht irgendein Weg ist, und dass sein Weg nicht einfach zu einem beschaulichen und konfliktfreien Leben führt.

 

Jesus schenkt klaren Wein ein: Ihm nachfolgen verträgt keine faulen Kompromisse. Jünger Jesu sein ist nicht zu Billigpreisen zu haben. Er verspricht kein sanftes Ruhekissen für ein bequemes, ungestörtes Leben. Sich ihm anschließen ist kein Leben im Schaukelstuhl, mit ihm gehen kein Spaziergang.

Wo jemand konsequent Christus nachfolgt und bestrebt ist in allem wirklich evangeliumsgemäß zu leben, da wird er Schwierigkeiten bekommen, das wird unter Umständen Ablehnung, Hass und Feindschaft zur Folge haben, eventuell sogar in der eigenen Familie.

Jesus sagt klar voraus, dass es dem Jünger nicht besser ergehen wird als dem Meister. Mit IHM gehen bedeutet, sein Schicksal zu teilen: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen.!“

Jesus fordert Eindeutigkeit und Entschiedenheit. Gleichgültigkeit, Neutralität, passives Zuschauen ist nicht vorgesehen.

Er sagt z. B.:

- „Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ – „Sucht zuerst das Reich Gottes!“

- „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Wer nicht mir sammelt, der zerstreut.“

- „Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“.

- „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein.“

Das sind Worte, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen.

Da ist es mit dem Schein-Frieden zu Ende. Da geschieht Unterscheidung, Scheidung, Spaltung.

 

Jesus war ein leidenschaftlicher und konfliktfreudiger Mensch. Auseinandersetzung hat er nicht gescheut.

 

Er selbst hat erlebt, wie sich an ihm die Geister scheiden.

Der heutige Abschnitt aus dem Lukasevangelium spiegelt die ureigene Erfahrung Jesu in seinem Leben wieder.

Schon als Zwölfjähriger, als seine Eltern ihn mit Angst und Schmerzen Tage lang gesucht haben und sie ihn fragen: „Kind, warum hast du uns das getan?“, da antwortet er: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“

Als er bei seiner Antrittspredigt im heimatlichen Nazareth sagt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“, da schlägt die zuvor freundliche Stimmung um, Empörung greift ums sich, Tumult entsteht. Aus Lokalpatriotismus und Stolz auf den berühmten Heimatsohn wird Todesfeindschaft. Sie führen ihn aus der Stadt hinaus an einen Abgrund, um ihn hinabzustürzen.

Passion und Kreuz brechen nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel erst in der Leidenswoche über Jesus herein, wie viele oft meinen. In dieser dramatischen Szene am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu werfen Passion und Kreuzestod - lange bevor sie tatsächlich geschehen - bereits ihren Schatten voraus.

 

Durch die Anhängerschaft Jesu geht schon sehr früh ein Riss, der immer größer wird. Anfänglich strömen ihm viele zu. Die Menschenmenge ist hingerissen von ihm, verehrt ihn. Viele folgen ihm ganz begeistert. Aber er stößt auch auf Unverständnis. Die Zahl der Skeptiker und Gegner wächst. Der Widerstand nimmt zu. Besonders die religiöse Führungsschicht nimmt Anstoß daran, dass er mit Sündern und Zöllnern Mahl hält. Man empört sich, weil er am Sabbat Kranke heilt. Sie finden es als ein Skandal, dass er Sünden vergibt. Das ist unerhört. Das ist Gotteslästerung. Das bringt sie zur Weißglut.

Es bewahrheitet sich, was der Greise Simeon bei der Darstellung im Tempel vorausgesagt hat: „Er wird ein Zeichen, dem widersprochen wird“.

Der Widerstand, der sich gegen Jesus erhebt, die Ablehnung, die er zunehmend erfährt, erreicht im Tod am Kreuz seinen Höhepunkt.

 

Jesus selbst tritt mit einem hohen Anspruch auf.

Er sagt: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.“

Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Er sagt: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Ich bin das Brot des Lebens. Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“

Daraufhin wollen viele nichts mehr von ihm wissen. Scharenweise wenden sich die Jünger von ihm ab. Jesus nimmt aber nichts zurück. Er backt angesichts des Massenabfalls der Jünger keine kleineren Brötchen. Er fragt vielmehr auch noch die Apostel: „Wollt auch ihr gehen?“ Jesus provoziert die Entscheidung. Er will das klare Bekenntnis.

Sich ein bisschen für das Evangelium entscheiden, ist ihm zu we­nig. Ein halbherziges sich Einlassen taugt in seinen Augen nicht viel. Nicht Fisch, nicht Fleisch; nicht kalt nicht heiß; Wischiwaschi, Lauheit, Beliebigkeit, das ist kein Ernstnehmen Jesu und seiner Botschaft. Das ist eine Verharmlosung des Evangeliums.

 

Entschiedenheit aber, Leben nach Gottes Willen ohne falsche Rücksichtnahme, daran lässt Jesus keinen Zweifel, hat Konsequenzen. Sie kann zu heftigen Spannungen und Auseinandersetzungen führen bis in die Familie hinein.

 

Und tatsächlich! Schauen wir doch mal genau hin:

Was mag in der Ehefrau des Simon vorgegangen sein, als dieser  alles zurückließ, Jesus folgte und plötzlich Kephas, Petrus, genannt wurde? Ob das alles so harmlos über die Bühne ging? Ob da nicht Aggressionen hoch kamen? Ob’s da nicht Streit gab?

Wie wird wohl der Fischer Zebedäus empfunden haben, als ihn nicht nur seine beiden Söhne Jakobus und Johannes, sondern auch seine Frau mit dem Fischereibetrieb allein ließen und mit Jesus durchs Land zogen?

Und 50, 100, 200 Jahre später: Was für Entscheidungssituationen, was für Familiendramen mit all ihren Konsequenzen (bis zum Anzeigen und dem Tod Ausliefern der nächsten Verwandten) hat es in den ersten christlichen Jahrhunderten gegeben, als die Christen eine ausgegrenzte, verfolgte Minderheit waren?

 

Die Lebensbeschreibungen der hl. Felizitas, Perpetua, Agatha, Luzia, Agnes, Cäcilia, Anastasia, sprechen davon. Die Fronten liefen in diesen und vielen anderen Fällen mitten durch die Familie hindurch. Barbara wurde von ihrem eigenen Vater enthauptet.

 

Oder Anfang des 13. Jahrhunderts in Assisi: Wie mag dem Vater zumute gewesen sein, als Francesco, sein Sohn, ihm vor dem Gericht des Bischofs und versammeltem Publikum nicht nur sein Geld zurückgibt, sondern auch seine Kleider auszieht und sie ihm mit den Worten vor die Füße wirft: „Von jetzt an sage ich nicht mehr „Vater Pietro Bernadone, sondern nur noch Vater unser im Himmel“? Welch ein Konflikt! Welch ein Riss durch die Familie um Gottes willen.

 

Oder noch mal drei Jahrhunderte später, ca. 1500, in Flüeli in der Schweiz: Was mag Dorothee tief in sich gefühlt haben, als ihr Mann und Vater der zehn Kinder, wegging von der Familie, um als Einsiedler zu leben, wozu er sich unwiderstehlich von Gott gerufen fühlte? Was war das für Dorothee ein inneres Ringen und Kämpfen bis sie Ja sagen konnte und ihren Mann freigeben und loslassen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ganz ohne Wortwechsel und Auseinandersetzungen abging, dass da nicht auch mal dicke Luft im Haus war oder Funkstille herrschte bei solchen Entscheidungssituationen mit all den inneren Zerreißproben, die damit verbunden sind.

 

Ein andere Beispiel: Kardinal Newman: Er hat gefragt: In welcher Kirche ist das wahre Evangelium von den Anfängen bis heute uns lebendig geblieben. Er hat gebetet, er möge nicht zur Erkenntnis kommen, dass die ununterbrochene Überlieferung der Wahrheit in der katholischen Kirche niedergelegt sei. Seine Nachforschungen über die Entwicklung der christlichen Lehre führte ihn zu Erkenntnis, dass die volle Wahrheit des Evangeliums nur in der katholischen Kirche unverfälscht erhalten sei. Darauf gebot ihm sein Gewissen den Schritt der Konversion in die wahre Kirche Jesu Christi zu tun. Dieser Übertritt bedeutete für ihn die Umstellung seines ganzen Lebensplanes, den Verlust seiner Professur in der anglikanischen Theologie, die Trennung von lieb gewordenen Freunden, mit denen er bisher vertrauten Umgang hatte und die ihm nicht folgten.

Andere Beispiele wären Thomas Morus oder Edith Stein

 

Konflikte um des Glaubens willen gibt es auch in unseren Tagen bis in die Familie hinein. Wer weiß davon nicht aus eigener schmerzlicher Erfahrung ein Lied zu singen? Wir haben ja heute einen Wertepluralismus sonders gleichen und gleichzeitig einen drastischen Werteverfall. Der Glaube muss sich heute viel mehr als früher in einer Vielzahl von Meinungen bewähren. Die private Meinung wird immer mehr zur absoluten Meinung.

 

Dazu kommt: Glauben ist nicht einfach vererbbar und machbar.

 

Da haben Eltern versucht ihren Kindern ein gutes Beispiel christlicher Lebensführung zu geben. Jetzt erleben sie wie ihr Sohn aus der Kirche austritt und ihre Tochter und der Schwiegersohn das Enkelkind nicht taufen lassen. Das tut weh, sehr weh. Die Mutter ist ganz geknickt, der Vater zornig. Von nun an geht ein schmerzlicher Riss durch die Familie, denn die Eltern können den Schritt ihrer Kinder nicht gut heißen. Sie haben ihre Kinder gern. Aber gerade deswegen ist es ihnen nicht egal, was die machen. Und weil sie ihre Kinder von Herzen lieben, kommen sie nicht darum herum, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und Konflikte zu riskieren.

Wie oft gelingt aber Überzeugungsarbeit auch nicht. Gerade in Dingen des Glaubens ist alle Anstrengung oft vergebliche Liebesmühe. Es ist, wie wenn man gegen eine Wand redet.

 

Oder folgender Fall: In einer wenig religiösen Familie äußert der einzige Sohn, der einmal das Geschäft übernehmen soll, dass er Priester werden will. Da ist Feuer unter`m Dach. Dieses Ansinnen versucht man ihm mit Zuckerbrot und Peitsche auszutreiben. Als der Sohn dann doch ins Priesterseminar geht, brechen die Eltern jede Verbindung für Jahre ab. Der Sohn ist für sie wie gestorben.

 

Ein anderer, aber ähnlich gelagerter Fall in einer Familie, die gut katholisch ist: Der Vater ist im Kirchengemeinderat und die Mutter Vorsitzende der Frauengemeinschaft. Eines Tages teilt die Tochter mit, dass sie Nonne werden will und zwar hat sie vor, bei Klarissen einzutreten, die ganz beschaulich, ganz arm und in strenger Klausur leben. Die Eltern trifft fast der Schlag. Sie reagieren mit Ablehnung. In der Kirche konnten sie bisher vollmundig antworten „Wir bitten dich erhöre uns“, wenn um Priester- und Ordensberufe gebetet wurde. Aber als dann die eigene Tochter damit ankam, als sie selbst betroffen waren, da war das wie eine kalte Dusche, da hat es geknistert im Gebälk, da hat sie das ganz, ganz viel gekostet, ihrer Tochter schlussendlich keine Steine in den Weg zu legen, sondern sie gehen zu lassen, wohin sie sich gerufen fühlt.

 

Auf die eine oder andere Weise haben sicher schon viele von uns solche Spannungen, Zerreißproben oder sogar Situationen der Spaltung erlebt, zumal heute, wo die Familien nicht mehr so einheitlich vom Glauben und der Kirche geprägt sind wie früher.

 

In vielen Familien gibt es zermürbende Diskussionen über die religiöse Praxis. Reibungen, Konflikte, Auseinandersetzungen können beim Tischgebet anfangen, sich fortsetzen, wo’s um den sonntäglichen Kirchgang geht, neu entfachen, wo’s ums Zusammenziehen und Zusammenleben vor der Ehe geht oder ums kirchliche Heiraten und in einer konfessionsverschiedenen Ehe um die Taufe der Kinder, ob katholisch oder evangelisch und ob Taufe überhaupt. Es ist ja längst nicht mehr selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder taufen lassen. Jedenfalls, Zündstoff gibt’s genug!

Wie oft stehen da tatsächlich drei gegen zwei und zwei gegen drei, der Vater gegen den Sohn und die Mutter gegen die Tochter, die Kinder gegen die Eltern, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter.

Nicht selten müssen sogar Ehepaare, die im Großen und Ganzen recht harmonisch zusammenleben in Sachen Religion und Glaubensausübung einen schweren Konflikt aushandeln. Wenn er mit Glauben und Kirche nichts am Hut hat oder sogar all dem kritisch und ablehnend gegenübersteht, ihr aber Glaube und Kirche sehr viel bedeutet, dann ist das nicht einfach, einen Weg zu finden. Das ist oft eine Gratwanderung und erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.

Je mehr auch heute Christsein nicht mehr selbstverständlich ist, je mehr der Einfluss der Kirchen schwindet, je mehr wir in einer entchristlichten, ja atheistischen Gesellschaft leben, in einer permissiven und liberalisierten Umgebung, um so mehr bekommt die Nachfolge Christi wieder Entscheidungscharakter.

 

„Wissen Sie, da ist mir etwas passiert, über das ich mich furchtbar schäme“, bekannte mir ein Mann von der Pfälzer Weinstraße:

„Im letzten Oktober bekamen wir bei der Weinlese eine Hand voll ausländischer Arbeiter. Einer war Pole und sprach ein wenig deutsch. Als wir an einem Montag beim Mittagessen waren, fragte er jeden am Tisch: Du gestern in Kirche? Während von den Deutschen alle abwinkten und einer von ihnen sagte: Was heißt Kirche? Lass uns doch mit diesem Quatsch in Ruhe! – hätte ich etwas sagen müssen. Ich hätte aufstehen, hätte sagen sollen: Jawohl, ich war in der Kirche! Ich hätte sagen sollen, dass ich jeden Sonntag in die Kirche gehe, um Christus zu begegnen und mir Kraft für mein Leben zu holen. Aber ich wagte es nicht. Ich schwieg, weil ich Angst hatte, Angst davor ausgelacht zu werden, nicht mehr ernst genommen zu werden. - Ich kann Ihnen sagen, wie ich mich hinterher geschämt habe.“

 

In einer Kleinstadt in Ostdeutschland gingen in diesem Jahr 40 Heranwachsende zur Jugendweihe wie zu DDR-Zeiten. Nur drei entschieden sich für die Firmung bzw. Konfirmation. Aber sie entschieden sich. Sie hatten den Mut, nicht zu tun, was fast alle tun. Sie hängten ihr Fähnchen nicht in den Wind, sondern zeigten Flagge, bekannten Farbe.

Christlicher Glaube hat sich seit den Tagen der Apostel nicht ausgebreitet durch Leisetreterei, falsche Rücksichtnahme und scheue Zurückhaltung.

Wo bleibt unser Profil als Christen? Leben wir zu angepasst, zu konformistisch? Funktionieren wir zu reibungslos? Haben wir die christliche Botschaft so entschärft, dass sie höchsten Falls noch Gebrauchsreligion ist, Dekoration für Weihnachten, Hochzeit, Weißen Sonntag?

Wie ernst nehmen wir unseren Glauben? Wie konsequent leben wir unser Christsein? - Ich glaube, dass wir gar nicht so sehr An­passungsschwierigkeiten haben an die moderne Welt und den Geist der Zeit, sondern Anpassungsschwierigkeiten dem gegenüber, auf den wir uns berufen und dessen Namen wir tragen. Nachfolge Christi heißt aber nicht „einen“ Weg gehen, sondern „seinen“ Weg gehen. Er sagt von sich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

An dem einen Punkt gibt es von Jesus her sicher keinen Zweifel: Jesus will keinen billigen oder faulen Frieden, keinen Frieden, der nur nach außen so tut, als ob, wo in Wirklichkeit aber die Konflikte nur unter den Teppich gekehrt werden. Jesus will, dass wir klare Position beziehen. Entschiedenheit ist gefordert. Unser Ja sei ein Ja und unser Nein ein Nein.

Allerdings, und darauf macht Jesus im Evangelium heute aufmerksam: die entschiedene Zugehörigkeit zu ihm, sich bekennen zu ihm, freimütig und unerschrocken Zeugnis geben für ihn, das kann einen auch in Konfliktsituationen bringen, das kann zu hefti­gen Spannungen und Auseinandersetzungen führen im engsten Familienkreis und darüber hinaus im gesellschaftlichen Leben, wo wir als Christen herausgefordert sind, Stellung zu beziehen.

Wenn wir mit Jesus zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen, geraten wir unausweichlich in Konflikte. Alles andere wäre geradezu verdächtig, alles andere würde bedeuten, dass wir kein klares Profil haben, dass wir unsere Position im Geiste Jesu nicht eindeutig genug benennen oder nicht mit ganzer Überzeugungskraft dafür eintreten.

Denken wir an den Schutz des ungeborenen Lebens, an die Versuche, mit dem beginnenden menschlichen Leben zu experimentieren, an die Wahrung der menschlichen Würde auch in Krankheit und Alter, an den Einsatz für die Rechtlosen und Benachteiligten hier bei uns und in der weiten Welt.

Welche Stellung beziehen wir Christen in der Flüchtlings- und Asylfrage? Wie stehen wir zur Globalisierung, zur Präimplantationsdiagnostik, Euthanasie, Homoehe, um nur einige der brisante Themen zu nennen, wo’s auch in christlichen Familien und Kirchengemeinden durchaus kontroverse Diskussionen und heftige Auseinandersetzungen geben kann.

Scheuen wir nicht um des lieben Friedens willen immer wider die Auseinandersetzungen und klare Stellungnahmen?

Vermeiden wir um des lieben Friedens willen nicht immer wieder Konflikte, obwohl sie da oder dort durchaus angebracht und notwendig wären?

Manchmal muss auch die Kirche ein deutliches Wort sagen, auch wenn sie damit aneckt und sie selber ins Kreuzfeuer der Kritik gerät.

Merken Sie jetzt, liebe Schwestern und Brüder!, wie aktuell die Worte Jesu sind, die zunächst so hart klingen, weil sie nicht passen, uns nicht passen und auch zu unserem Bild von Jesus nicht passen.

War er früher oft einseitig und übertrieben der strenge Richter aller Sünder und war in vergangenen Zeiten die frohe Botschaft mehr eine Drohbotschaft, die den Menschen Angst gemacht hat, so besteht heute die gegenteilige Gefahr, dass wir uns sozusagen einen Softy-Jesus, einen Kuschelgott zurechtmachen, der nur noch lieb ist, dem egal ist, was wir tun, der alles gelten lässt, bei dem jeder nach seiner Fasson selig werden kann.

Damit blenden wir entscheidende Aspekte des Lebens und der Botschaft Jesu aus. Wir vergessen, dass wir eine Verantwortung haben und einmal Rechenschaft ablegen müssen.

Das bedeutet hier und jetzt in großen und kleinen Dingen, dass ich mich immer wieder entscheiden muss. Es genügt nicht, dass meine Eltern und Paten bei der Taufe dem Bösen einmal abgesagt und den Glauben bekannt haben. Es ist jeden Tag neu von mir gefordert, zu prüfen, was der Wille Gottes ist, das Böse zu lassen und das Gute zu tun, mein Leben so auszurichten, dass es Gott gefällt.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

So richtig es ist, sich nicht gleichgültig mit eindeutigem Fehlverhalten von Angehörigen und Freunden abzufinden, so nötig ist es auch, das Tischtuch nicht sofort und dauerhaft zu zerschneiden.

Jesus selbst wusste sich vom Vater nicht gesandt zu richten, sondern zu retten und zu suchen, was verloren war.

 

Religiöser Fanatismus hat schon genug Unheil angerichtet und tut es immer noch. Manch Scheiterhaufenfeuer hätte wieder gelöscht werden können, wenn Christen das Jesuswort beherzigt hätten, dem Verlorenen nachzugehen und ihm liebevoll zu begegnen.

 

Das heißt sowohl bei den nächsten Angehörigen wie beim politischen Gegner, keine Tür endgültig zuzuschlagen, selbst dann nicht, wenn das Herz noch so sehr blutet, weil z. B. der Sohn oder die Tochter Wege gehen, die man weder versteht noch gutheißen kann.

 

Im Gleichnis vom Unkraut und Weizen sagt der Gutsherr: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Gott allein darf richten. Er weiß, wie es wirklich im Herzen eines Menschen aussieht. Wie oft sehen wir auch den Splitter im Auge des Bruders und übersehen den Balken im eigenen?!

Wir sollen und dürfen unsere Sicht der Dinge deutlich machen, klar Position beziehen, nichts unter den Teppich kehren – und doch die Tür immer offen lassen und unser verwundetes Herz erst recht. Eltern sollten versuchen, ihren Kindern trotz allem nahe zu bleiben, auch wenn sie andere Entscheidungen getroffen haben als den Eltern recht ist und andere Wege gehen als ihnen lieb.

Selbst bei Fragen, wo es um Heil und Unheil und ewiges Leben geht, dürfen wir, wenn wir alles getan haben, was wir vermochten und nicht mehr weiter wissen und nicht mehr weiter können, unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen.

Einmal fragen die Apostel bestürzt und erschrocken Jesus: „Wer kann da noch gerettet werden?“ Seine Antwort: „Für Menschen ist das unmöglich, nicht aber für Gott. Bei Gott ist alles möglich.“ Gott hat noch Wege und Möglichkeiten der Rettung und des Heiles, wo wir längst an Grenzen stoßen und am Ende sind.

 

Noch etwas:

Entschiedenheit und Konsequenz schließen allerdings nicht aus, den anderen, der anders denkt und lebt, zu achten.

Sich gegenseitig annehmen und wertschätzen bei aller Unterschiedlichkeit der Standpunkte, Lebensstile, Lebensformen usw., ist nicht leicht, weder in der kontroversen gesellschaftlichen Diskussion noch innerhalb der Hausgemeinschaft.

Nur die Werbung verspricht uns ein leichtes Leben Da ist alles „easy“, alles „light“. Als wenn das wahr wäre!

 

Jesus hat uns kein leichtes Leben versprochen. Aber er hat uns versprochen, dass er unser Leben teilt, so wie es wirklich ist, mit allem, was dazugehört, auch mit allen Spannungen, Konflikten und Dunkelheiten. Er lässt uns nicht allein damit. Auf seine Zusage können wir uns verlassen!

 

 

Es gibt ein altes Gebet, das gerade von Menschen in schwierigen Lebenslagen immer wieder gebetet wurde und gebetet wird. Es ist recht kurz. Man kann es sich leicht merken. Es lautet:

„Gott, gib mir Mut, zu ändern, was ich ändern kann.

Gib mir Demut, um hinzunehmen, was ich nicht ändern kann.

Und gib mir Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

 

Ich glaube, darauf kommt es an:

Wirklich anzugehen gegen das, was in unserem Leben und Lebensbereichen (Kirche und Welt) anders werden müsste,

uns nicht die Zähne auszubeißen an dem, was unabänderlich ist,

und vor allem dies beides zu unterscheiden.

 

Ich möchte Ihnen dieses Gebet mitgeben auch als Stütze und Wegweiser in den Spannungsfeldern und Konfliktbereichen unseres Lebens:

„Gott, gib mir Mut, zu ändern, was ich ändern kann.

Gib mir Demut, um hinzunehmen, was ich nicht ändern kann.

Und vor allem gib mir Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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