Exerzitien mit P. Pius

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"Lasst beides wachsen bis zur Ernte!"

(16. Sonntag im Lesejahr A)

„Unkraut vergeht nicht!“

Wenn Sie zu Hause einen Garten haben oder von einem Bauernhof abstammen, dann wissen Sie, dass das stimmt. Und dann handeln Sie ganz bestimmt auch ganz anders als es das Evangelium heute nahe legt.

 

Von wegen, das Unkraut wachsen lassen!

Sobald es sich zeigt, rücken wir ihm zu Leibe.

Wir setzen alles dran, es zu entfernen oder zu vernichten.

 

Bekanntlich wächst das Unkraut auch ziemlich schnell.

Wenn man nichts dagegen tut, nimmt es überhand.

Es überwuchert und erstickt die gute Saat.

Und zu ernten gäbe es nicht viel.

 

Ganz anders verhält sich der Gutsherr im heutigen Gleichnis.

Er verbietet seinen Knechten ausdrücklich, gegen das Unkraut vorzugehen.

Unkraut und Weizen sollen zusammenwachsen bis zur Ernte.

 

Natürlich geht es in diesem Gleichnis nicht um landwirtschaftliche Einsichten.

Es entstammt auch nicht einem Lehrbuch für Hobbygärtner.

Es handelt sich vielmehr um eines der zahlreichen Reich-Gottes-Gleichnisse, die immer einen springenden Punkt haben und nie ein zu eins aus der Lebenswirklichkeit von damals in unsere heutige Situation übertragen werden können.

 

Und trotzdem stellt sich die Frage:

Warum duldet der Gutsherr das Unkraut in der guten Saat?

Warum lässt er die Knechte nicht gewähren, die zu einer Säuberungsaktion bereit sind?

 

Gleichen wir nicht auch bisweilen diesen Knechten?

Bereit und willig, einzugreifen, dazwischen zu fahren, aufzuräumen, Ordnung zu schaffen, sauberen Tisch zu machen?

Und hätten wir nicht auch manchmal gern, dass Gott eingreift, durchgreift, dazwischen fährt, für klare Verhältnisse sorgt, vielleicht sogar mal dreinschlägt und zeigt, was Sache ist, wer Herr ist im Haus?

 

Fragen wir nicht auch manchmal,

warum Gott so vieles, was verkehrt läuft, duldet,

warum er so vielem Schlimmen, Üblen und Bösen, das es in der Welt gibt, nicht energisch entgegentritt,

warum er es in seiner Allmacht nicht verhindert, sondern es zulässt?

Warum lässt er beides wachsen: das Unkraut und den Weizen?

 

Beides wachsen lassen,

heißt das nicht, alles laufen lassen und sich mit dem Bösen abfinden?

Wird das Böse nicht sogar unterstützt und gefördert, wenn man nichts dagegen unternimmt?

 

Die Hände in den Schoß legen, zulassen, wachsen lassen,

heißt das nicht sogar, das Böse billigen und gutheißen?

Man kann doch unmöglich alles richtig und gut finden?

 

Gibt es nicht auch eine übertriebene Laschheit, eine Laxheit, der alles egal ist?

Gibt es nicht auch eine falsche Toleranz?

Soll man immer zu allem Ja und Amen sagen?

Wo kommen wir denn hin, wenn jeder tun und lassen kann, was er will?

 

Gälte es nicht vielmehr, schon den Anfängen zu wehren?

Das Böse bereits im Keim zu ersticken? Und wenn möglich, wo immer es sich zeigt, mit Stumpf und Stiel auszurotten?

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Gleichnis will uns nicht zu einer falschen Toleranz und zu einer verkehrten Laschheit aufrufen.

Das Gleichnis will uns vor allem einen Maßstab für unser Handeln mitgeben.

Und dieser Maßstab ist die Liebe zum Weizen, die Liebe zu dem, was an Gutem in uns gesät ist und wächst.

 

Es geht nicht darum, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen.

Natürlich gilt es, aufmerksam zu sein für das, was unser Leben vergiften kann!

Aber das Gleichnis will uns vor Radikalkuren warnen, die mehr kaputt machen als gut.

 

Andererseits:

Ist denn immer so eindeutig, was gut und schlecht ist, recht und verkehrt, was etwas taugt und was nicht?

Ist das immer so klar zu unterscheiden?

 

Sehen Sie:

Beim Unkraut im Gleichnis, das Jesus erzählt, ist das gar nicht so klar.

Es handelt sich nämlich um eine giftige Queckenart, den so genannten Taumellolch. Und der sieht, wenn er jung ist und heranwächst dem Weizen zum Verwechseln ähnlich.

 

Dazu kommt:

Seine Wurzeln verwachsen und verflechten sich gern mit denen des Weizens. Ein Herausreißen ist äußerst riskant und schwierig. Denn es passiert leicht, dass man auch den Weizen mit herausreißt.

Wer dran geht, vor der Ernte den Acker von diesem Unkraut zu säubern, richtet mehr Schaden an als er gut macht.

Das Böse radikal ausmerzen und ausrotten wollen, geht nicht, ohne auch das Gute zu gefährden, es zu schädigen oder gar zu zerstören. Wer weiß, wie viel Gutes man mit ausreißt?

 

Außerdem:

Probieren Sie einmal, in einem Weizenfeld zu jäten! Sie trampeln mehr kaputt als die Säuberungsaktion bringt und nutzt.

 

So gesehen macht es Sinn, dem Eifer der säuberungswilligen Knechte zu wehren und beides, den Weizen und das Unkraut, wachsen zu lassen bis zur Ernte.

Am Tag der Ernte lässt sich das Unkraut vom Weizen mühelos unterscheiden und trennen. Es wird in Bündel gebunden und verbrannt, der Weizen aber kommt in die Scheunen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Worum geht es in diesem Gleichnis?

Was will es uns sagen und zeigen?

Was ist der springende Punkt?

 

Es geht um die Langmut, um die Geduld Gottes.

Diese Geduld Gottes hat ihren Grund nicht darin, dass es ihm egal wäre, ob Weizen oder Unkraut wächst.

Gott ist nicht gleichgültig gegenüber dem Bösen.

Wenn es Zeit ist wird ganz klar unterschieden.

Dann wird Weizen Weizen genannt und Unkraut Unkraut.

Nichts wird schöngeredet, nichts eingeebnet oder verwischt.

Und dennoch: zunächst darf beides wachsen.

Das zeigt: Gott kann warten. Er lässt Zeit. Er hat einen langen Atem.

Gott ist langmütig und voll Geduld.

 

Liebe Mitchristen.!

Gott hat nicht nur Geduld.

Geduld ist nicht nur eine Eigenschaft Gottes, ein Charakterzug.

Geduld gehört zu seinem Wesen.

Weil das Wesen Gottes Liebe ist, darum ist Gott auch barmherzig und gnädig. Und er ist voll Langmut und Geduld.

Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und das geknickte Rohr zerbricht er nicht.

Den Feigenbaum will er noch ein Jahr pflegen, ob er nicht doch Frucht bringt.

 

„Gott lässt“, so sagt es Jesus in der Bergpredigt, „seine Sonne scheinen über Guten und Bösen und er lässt es regnen über Gerechten und Ungerechten.“

Und so wie Jesus in der Bergpredigt sagt:

„Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“

So sagt er uns mit dem Gleichnis heute:

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!

Mit dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch gemessen und zugeteilt werden!“

 

Wie schnell sind wir dabei zu qualifizieren und abzuqualifizieren, zu urteilen und zu verurteilen, oft auch pauschal und vorschnell.

Oder wir malen schwarz-weiß, stecken in Schubladen und brechen den Stab über andere?

Wie oft lassen wir nichts, aber auch gar nichts Gutes am Nächsten?

Verurteilen in Bausch und Bogen und verdammen in Grund und Boden!

 

Doch Gott allein schaut in die Herzen der Menschen.

Er kennt uns besser als wir uns selber kennen.

Wie oft täuschen wir uns auch im anderen?

Wir vergucken uns manchmal ganz gehörig und denken dann:

Mensch, das hätte ich von dem nicht gedacht!

Oder das hätte ich der gar nicht zugetraut!

Oder das hätte ich von dem oder der gar nicht für möglich gehalten! Die oder der ist gar nicht so.

 

Auf einer Spruchkarte habe ich einmal gelesen:

„Im Himmel werden wir uns über drei Dinge wundern:

Erstens, dass wir dort Menschen treffen, die wir da nie vermutet hätten.

Zweitens, Menschen dort nicht zu treffen, die wir unbedingt dort erwartet hätten.

Und drittens, dass wir selbst da sind.“ (nach Voltair)

 

Jesus mahnt:

Verzichtet auf alles Urteilen und Verurteilen. Zügelt allen Übereifer!

Bremst allen Fanatismus, der ausmerzen und ausrotten will.

Blinder Eifer schadet nur. Überlasst das letzte Urteil Gott! Er allein ist der höchste Richter.

Er wird es richten und hoffentlich auch uns selbst gegenüber ein gnädiger Richter sein.

 

Denn, liebe Schwestern und Brüder, ist nicht auch in jedem von uns Unkraut und Weizen?

Wie nahe ist oft das Schädliche dem Nützlichen?

Wie oft wächst Gutes und Böses auf gleichem Boden!

Sind es nicht die gleichen Menschen, die, einmal wahre Engel und dann reinste Teufel sein können?

 

Und: Wie schätze ich mich selber ein, wenn ich meine, ausmerzen und vernichten zu müssen?

Bin ich von meinem Gutsein so sehr überzeugt?

Habe ich immer und in allem eine weiße Weste? Kann ich meine Hände in Unschuld waschen?

Gibt es auf meinem Acker nur Weizen?

Suche ich das Unkraut immer lieber bei anderen?

Sehe ich es immer nur dort gefährlich wuchern, nicht aber bei mir?

Sehe ich zwar den Splitter im Auge des Bruders, den Balken im eigenen aber nehme ich nicht wahr?

 

Wir können gut sein wie die Engel.

Wir wissen aber auch, wie oft uns der Teufel reitet,

wie sehr das Böse in uns steckt, wie sehr Streit und Neid, Missgunst und Eifersucht, Rechthaberei und falscher Ehrgeiz, Arroganz und Selbstsucht… uns lenken und leiten.

Der Riss geht wohl durch unser eigenes Herz.

Und Gut und Bös scheinen manchmal so eng verflochten wie das Wurzelwerk von Unkraut und Weizen.

 

Liebe Schwestern und Brüder.!

Wenn wir einmal den Acker unseres eigenen Lebens und nicht immer nur den der anderen durchforsten, dann schrumpft vielleicht der Weizen zugunsten des Unkrauts mehr und mehr.

 

Ob wir dann den Herrn auch noch ungeduldig bitten, streng und unverzüglich das Unkraut vom Weizen zu trennen?

Ob wir dann nicht dankbar sind über die Langmut und die Geduld Gottes?

Ob es dann nicht unsere Chance und unser Glück ist, dass Gott nicht zu schnell ausreißt und aufräumt, abschreibt und fallen lässt?

Ob wir dann nicht darüber froh sind, dass Gott gut ist, gut auch zu den Undankbaren und Bösen?

 

Jesus jedenfalls hatte nicht nur ein Herz für die Armen und Kranken, sondern auch für die Sünder.

Er hat es für möglich gehalten, dass auch ein verpfuschtes und verkorkstes Leben anders, neu, heil und gut wird.

So kehrt er beim Oberzöllner Zachäus ein und dessen Leben wandelt sich.

Er beruft den Zöllner Levi in seine Nachfolge.

Er verzeiht der Sünderin im Haus des Pharisäers Simon

Und zur Ehebrecherin sagt er:

„Hat dich niemand verurteilt? Auch ich verurteile dich nicht!“

Mit unendlicher Geduld wartet der barmherzige Vater auf den verlorenen Sohn, eilt ihm entgegen, als er ihn kommen sieht, schließt ihn in seine Arme und nimmt ihn bedingungslos an und auf.

Auch so genannten „hoffnungslosen Fällen“ hat Jesus einen neuen Anfang ermöglicht.

Er sieht Entwicklungen und Möglichkeiten, wo wir längst einen Schlussstrich gezogen haben.

 

Seine Liebe und Güte, seine Geduld und sein Erbarmen war vielen ein Ärgernis. Sie empörten sich darüber.

Vielleicht hat Jesus deshalb einmal gesagt:

„Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt!“

Er setzte sich sogar mit Judas an einen Tisch im Abendmahlssaal.

Und als er ihn verriet, nannte er ihn „Freund“.

 

Jesus hält nichts von einer blinden Säuberungswut.

„Nie tun sich Menschen so viel Böses an, als wenn sie ungeduldig und eigenmächtig sich selbst zum Richter erheben in verfrühter Stunde.“ (J.B. Metz)

Wieviel Unheil hat blinder Eifer, übertriebener Radikalismus, Fanatismus in der Welt, z. B. im 3. Reich oder auch unter Stalin schon angerichtet. Ich nenne nur ein Stichwort: die ethnischen Säuberungen. Doch Menschen, die nicht ins Schema passen, einkerkern, verstümmeln, umbringen, das ist in vielen Ländern auch heute noch gang und gäbe.

 

Auch die Kirche war nie und ist nicht gegen die Versuchung gefeit, mit rigoroser Gewalt und Unterdrückung im Namen des Guten und sogar im Namen Gottes gegen anders Denkende vorzugehen, zu urteilen und zu verurteilen, auszugrenzen und auszumerzen.

 

Leider zogen immer wieder übereifrige Knechte aus, das vermeintliche Unkraut im Weizenfeld der Kirche unschädlich zu machen.

Die Stichworte Hexen- und Ketzerverbrennung, Inquisition und Exkommunikation mögen genügen.

Oder in unserer Zeit die Lehrverbote: Unliebsame Kirchenkritiker (wie z.B. Hans Küng, Eugen Drewermann oder Leonardo Boff) wurden verteufelt, diskriminiert, bekamen Maulkörbe verpasst, wurden mundtot gemacht und ausgeschaltet.

 

„Sollen wir hingehen und ausreißen?“

Vieles wurde schon ausgerissen im Namen der reinen Lehre der Kirche, ihrer Dogmen und Moral.

Dahinter steht der Wahn, durch die Vernichtung des Bösen könne eine gerechte Gesellschaft, eine gute Welt, ja, das Reich Gottes hergestellt werden.

Ein schlimmer Aberglaube.

 

Der Gott, den uns das Evangelium vorstellt, ist der Gott der Geduld, der Langmut, der Gelassenheit, des langen Atems, ein Gott, der Zeit lässt und warten kann.

 

Üben wir uns in der Langmut!

Lernen wir von Jesus Güte und Geduld!

Lernen wir von ihm jene Liebe, die keinen Menschen vor der Zeit abschreibt und verwirft!

Gestatten auch wir einander Zeit zum Wachsen und Reifen, ohne vorschnell zu verdammen und zu urteilen! Das steht uns ohnehin nicht zu.

Die endgültige Scheidung der Geister ist allein Gottes Sache. Er hat das letzte Wort.

Aber er lässt uns Zeit zur Besinnung, Zeit, um umzudenken, umzukehren. Er wartet in Geduld.

 

Glauben Sie mir:

Zur Geduld gehört mehr Kraft, vor allem mehr Liebe, als zum Ausreißen und Vernichten.

 

Und noch etwas. Ich muss ehrlich sagen:

Mir gefällt ein Weizenfeld, in dem auch Mohn- und Kornblumen blühen, besser als ein ganz sauberes, astreines.

Jenseits aller Kosten- und Nutzenrechnung freue ich mich über seinen Anblick.

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