Exerzitien mit P. Pius

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Katharina von Siena

(29. April)

1970 hat Papst Paul VI. Katharina von Siena in den Rang einer Kirchenlehrerin erhoben. Kurz zuvor wurde diese Ehrung Theresia von Avila zuteil. Bis dahin hatten diese Auszeichnung nur Männer erhalten.

Wie kommt es, dass eine Frau, die nicht die Gelehrsamkeit einer Hildegard von Bingen oder Edith Stein besaß, zur Kirchenlehrerin erklärt wurde. Katharina von Siena hat nie eine Schule besucht noch sonst eine Ausbildung erhalten. Erst sehr spät hat sie ein wenig lesen und schreiben gelernt.

War es der literarische Schwung ihrer Briefe, die sie diktierte, gerichtet an Könige und Päpste, Fürsten und Kardinäle und die zur klassischen italienischen Literatur zählen?

Oder war es der Inhalt, der von der Liebe zu Gott, der Liebe zur Kirche und der Liebe zum Mitmenschen spricht?

Wer war überhaupt diese Frau, die es fertig brachte, verstockte Sünder zu bekehren, verfeindete Städte zu versöhnen, den Papst aus der Abhängigkeit des Königs von Frankreich zu befreien und ihn von Avignon nach Rom zurückzuholen?

 

Katharina wurde 1347 als 24. von 25 Kindern der Wollfärberfamilie Benincasa bei Siena geboren. Ihre Zwillingsschwester Johanna starb kurz nach ihrer Geburt. Bereits ein Jahr später verwüstete die Pest Europa. In Siena wurde fast die halbe Stadt hinweggerafft. Auch die meisten der Geschwister Katharinas starben an der Pest. Ihr Vater war bescheiden und fromm, die Mutter ganz eine toskanische Mamma: laut, heftig, energisch, dominant, temperamentvoll, aber auch bodenständig und realistisch.

Von beiden erbte die kleine Katharina etwas. Tiefe Frömmigkeit und selbstbewusster Eigenwille paarten sich bei ihr.

 

Katharina wurde nicht anders erzogen als die anderen Kinder in dem großen Haushalt auch. Das Nesthäkchen wurde nicht verwöhnt. Man nahm es früh mit zur Kirche. Die tägliche Messfeier gehörte selbstverständlich dazu.

 

Bereits als siebenjähriges Kind hat Katharina ihre erste Vision, ihre erste mystische Christusbegegnung. Jesus lächelt ihr liebevoll zu und segnet sie. Seit dieser Gnadenstunde wollte Katharina mit dieser Freude an Jesus nichts anderes mehr eintauschen. Sie beschließt, ihr Leben ganz Gott zu weihen. Christus allein will sie gehören, ihm allein nachfolgen. In einem privaten Gelübde verspricht sie „Braut Christi“ zu werden und ist sich der Bedeutung dieses Vorhabens voll bewusst.

 

Als Katharina zwölf Jahre alt ist, bemühen sich ihre Eltern – wie damals in Italien üblich – Ihre Tochter zu verheiraten.

Katharina weigert sie sich. Um den Heiratsplänen ihrer Mutter zu widerstehen schneidet sie sich die Haare ab. Die Eltern sehen darin Trotz, den es zu brechen, Flausen, die es auszutreiben gilt und versuchen ihre Tochter mit allen Mitteln zur Vernunft zu bringen. Man behandelt sie in den folgenden Jahren wie eine Magd. Sie wird in den großen Geschäftshaushalt gesteckt, um ihr Raum und Zeit für das Gebet zu nehmen. Sie sollte möglichst nie allein und immer beschäftigt sein. Katharina fügt sich, schafft und arbeitet tagsüber in Haus und Hof, in Küche und Keller, nachts betet sie. Katharina erträgt alle Schikanen, allen Spott, gibt aber ganz klar zu verstehen, dass eine Ehe für sie nicht in Frage kommt. Unbedingt und mit einer Festigkeit sondergleichen hört sie auf Gottes Ruf.

 

In dieser Zeit macht Katharina eine wichtige Erfahrung. Sie entdeckt, dass Jesus in der „inneren Zelle“, in ihrem Herzen wohnt und dass ihr diese Christusgegenwart niemand nehmen kann. Der Rückzug in die „innere Zelle“ macht es ihr möglich, trotz aller Betriebsamkeit mit Gott allein zu sein.

Später wird Katharina an einen Ordensmann über diese Zelle schreiben: „Ich möchte, dass Ihr diese Zelle ständig mit euch tragt, überall, wohin Ihr auch geht, in jeder Beschäftigung. Ihr sollt sie nie verlassen, sondern Euch immer darin verbergen, im Chor, im Refektorium, bei Zusammenkünften und bei den verschiedenen Übungen und in allen Euren Pflichtarbeiten.“

Seit frühester Jugend ist Katharina den Dominikanern zugetan. Als sie mit 15 Jahren vorhat, sich der dominikanischen Laiengemeinschaft, den „Mantellaten“, (3. Orden des hl. Dominikus), anzuschließen, stößt sie wiederum auf häuslichen Widerstand. Als man es ihr doch erlaubt ist sie glücklich. Inzwischen zählt sie 18 Jahre.

 

In tiefer Gottverbundenheit schaut und erkennt sie, dass einem fruchtbaren caritativen Dienst die innere Einkehr, Gebet und Fasten voranzugehen haben. So zieht sich Katharina für ganze drei Jahre von der Umwelt zurück. Sie schließt sich in eine Kammer im Untergeschoß ihres Elternhauses ein, um ein strenges Leben in Gebet und Buße zu führen. Nur zum Gottesdienst in der nahen Dominikanerkirche verlässt sie ihre Zelle. Es wird ihr bewusst, dass Gott den Menschen zur Liebe berufen hat und dass der schlimmste Feind die Selbstsucht ist.

 

Diese rein mystische Periode ihrer Jugend gipfelt in der „mystischen (geistlichen) Vermählung“ mit Christus. Sie erhält dabei einen Ring an den Finger gesteckt, den zeitlebens nur sie zu sehen vermag.

Am Ende dieser Periode bekommt Katharina von Gott den Auftrag, in das tägliche Leben zurückzukehren und ein öffentliches Wirken zu beginnen. Zugleich sagt ihr Gott seine fortwährende, spürbare und sichtbare Nähe auch „in der Welt“ zu.

 

Sie hilft Armen, dient den Kranken, besucht Gefangene und pflegt Pestkranke. Im Pestjahr 1374 infiziert sie sich selbst, kann aber die Krankheit überwinden. Dank einer besonderen Gabe führt sie Menschen zu Gott zurück und stiftet Frieden zwischen verfeindeten Familien.

Man beginnt über Katharina zu staunen, als sie einen jungen Adeligen, der zum Tod verurteilt war, auf seinen letzten Weg vorbereitete und ihm beim Sterben beistand. Sie konnte ihn bewegen, die Sakramente zu empfangen und gottergeben zu sterben.

 

Katharina besitzt eine starke Ausstrahlung, die Menschen anzieht. „In ihrer Gegenwart“, schreibt Raimund von Capua, ihr Biograph, „fühlte man einen mächtigen Antrieb zum Guten und eine unbändige Freude an Gott, dass jede Spur von Traurigkeit aus dem Herzen wich.“ So scharten sich bald Anhänger und Anhängerinnen um sie, Gleichgesinnte. Es bildete sich eine lose Glaubensgemeinschaft. Katharina nannte sie „famiglia“. Es gehörten auch Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens dazu. Die Mitglieder der „famiglia“ gingen weiter ihren Berufen nach, wanderten und reisten aber auch mit Katharina durch die Lande, eine wandernde Kirche sozusagen, pilgerndes Gottesvolk. Auch dadurch kommt Katharina in Berührung mit den großen Problemen und Nöten ihrer Zeit.

 

Es gab Fehden zwischen verfeindeten Städten, kriegerische Zwistigkeiten der führenden Familien, den Kampf der Kaisertreuen gegen die Papstanhänger. Die Menschen waren gepeinigt von Epidemien.

Der Zustand der Kirche war erbärmlich. Der Papst saß in Avignon. Die Kirche war stark verweltlicht. Es gab Pfründenschacher, Bestechlichkeit, Verkauf geistlicher Ämter…

 

Katharina leidet schwer darunter. Sie fühlt sich zum Eingreifen gerufen. Ihr großes Herzensanliegen ist Friede und Versöhnung sowie die Reform der Kirche. 25 jährig beginnt sie ein unerhörtes politisches Engagement. Was mit der Versöhnung zwischen verfeindeten Personen und Familien begonnen hat, weitet sich allmählich aus auf die Aussöhnung zwischen Städten und Republiken.

Als die Rivalitäten zweier Parteien, die in Siena um die Macht kämpften, in blutige Straßenkämpfe ausarten, tritt Katharina dazwischen. „Pace, pace“ – „Friede, Friede“ ruft sie den Hitzköpfen zu, und sie stecken ihre Degen weg.

Pace – Friede ist ein Schlüsselwort ihres Lebens. Nachdem sie es fertig gebracht hatte, in Siena die zerstrittenen Parteien zu versöhnen, wird sie gerufen, zwischen feindlichen Städten zu vermitteln: Florenz, Pisa, Neapel, Mailand, Rom. Es gelingt ihr sogar, die Kriegspartei in Florenz, die in den Kirchenstaat eingefallen war, zum Rückzug zu bewegen.

Bei einem Aufstand in Florenz kommt sie beinahe ums Leben. Sie wird von Häschern gesucht. Man findet sie schließlich betend in einem Garten. Vom Pöbel mit dem Tod bedroht, bietet sie bereitwillig ihr Leben an und bittet nur um Schonung für die, die bei ihr sind. Da weichen – wie bei der Gefangennahme Jesu im Ölberggarten – die Soldaten zurück und lassen ihre Waffen sinken.

 

Es geschieht, dass Bürgermeister, Stadtparlamente, Burgherren, der Adel, Diplomaten und Tyrannen sie als Schiedsrichterin und Friedenstifterin holen. Selbst der Papst fordert Katharina auf, im schwelenden Konflikt zwischen Städtebund und Papsttum ihren Einfluss geltend zu machen. Und wo sie nicht persönlich erscheinen kann, schreibt bzw. diktiert Katharina Briefe: an Herzöge und Söldnerführer, an Regierungen und Bischöfe, an Fürsten und Kardinäle. Mit starken, klaren Worten schaltet sie sich in die Verhältnisse ihrer Zeit ein, nimmt Stellung, mahnt und findet Gehör.

 

Sie durchschaut die Vergänglichkeit äußerer Pracht und irdischer Macht. An den Tyrannen Barnabo Visconti schreibt sie: „Viele sind, die Länder und Burgen erobern, aber nicht siegen können über ihr eigenes Selbst und ihre Sünden und somit nicht Sieger, sondern Besiegte sind.“

Katharina sagt, was sie denkt, direkt und unverblümt und manchmal fast unverschämt im Ton: „Seien Sie nicht ein ängstlicher Säugling, sondern ein Mann“, bekam der Papst zu lesen. „Bischöfe sollen Gott suchen, statt wie Schweine zu leben“, heißt es in einem Brief.

Die Gebrechen der Kardinäle, Prälaten und Priester geißelt sie mit schonungsloser Offenheit. Sie klagt über die Hirten der Kirche, die nach nichts anderem trachten als nach gutem Essen, schönen Palästen, großen Pferden und die nur ihr eigenes Wohlleben im Sinn haben. „Der schlimmste Greuel vor Gott ist der Anblick der Blumen, die aus dem mystischen Leib der Kichre sprießen und, anstatt süßen Duft zu verbreiten, nach allen Lastern stinken.“

Katharina mahnt und brandmarkt nicht nur, sie ruft zu Buße und Umkehr auf. Jeder ihrer Briefe endet mit einer Liebeserklärung an ihren himmlischen Bräutigam: Gesu dolce, Gesu amore.

 

Dass sie sich so etwas erlauben konnte, zumal als Frau, bleibt fast unerklärlich. Gelegentlich scheint es aber doch so zu sein, dass sie bei aller Furchtlosigkeit, ein wenig Angst vor der eigenen Courage hat. So erzählt sie ihrem Seelenführer, sie habe Christus vorgehalten, sie sei ja nur eine Frau, die nicht predigen und nicht mit Männern gleichberechtigt umgehen dürfe. Darauf habe er (Christus) ihr versichert, dass bei Gott nichts unmöglich sei und dass er, seiner Gewohnheit gemäß, das Starke durch das Schwache zu besiegen gedenke.

Katharina erfährt nicht nur Anerkennung, sondern auch Undank und Ablehnung. Sie lässt sich jedoch dadurch nicht beirren: „Gott hört ja wegen des Undanks auch nicht auf, den Sündern Gutes zu tun. Und Jesus hat am Kreuz die Menschen zur selben Stunde erlöst, da sie ihn beschimpften.“

 

Katharinas Auftreten, ihre öffentlichen Ansprachen, Ermahnungen, Hinweise auf Missstände, ihre scharfe Kritik gegenüber den kirchlich und politisch Verantwortlichen, ihre politischen Aktivitäten – für eine Frau in damaliger Zeit  äußerst ungewöhnlich und Aufsehen erregend – all das mag mit dazugeführt haben, dass Katharina im Jahr 1374 vor das Generalkapitel des Dominikanerordens berufen wurde. Dokumente zu dieser Befragung existieren nicht mehr. Die Forschung nimmt jedoch an, dass es bei dieser Untersuchung um den Vorwurf des Ketzertums ging. Sie muss für rechtgläubig erklärt und freigesprochen worden sein. Ihr wurde jedoch der zu diesem Zeitpunkt bereits einflussreiche Dominikaner Raimund von Capua als Beichtvater zugeteilt. Er hat Katharina ihr Leben lang als Seelenführer, Berater und Dolmetscher begleitet. Nach ihrem Tod verfasste er ihre Biographie, die „Legenda maior“.

 

Am 1. April 1375 erfolgte vor einem Kreuz in Pisa ihre Stigmatisation. Auf wunderbare Weise erschienen an ihrem Körper die Wundmale Jesu, die allerdings nur für Katharina selbst zu erkennen waren.

Katharinas Ruf verbreitete sich bald in ganz Europa und Menschen aus aller Herren Länder fragten sie um Rat – darunter selbst der Papst, den sie ihrerseits nicht schonte, sondern auch prophetisch zurechtwies. Auflehnung gegen die päpstliche Autorität war ihr jedoch fremd. „Und selbst wenn der Papst ein fleischgewordener Teufel wäre, statt eines gütigen Vaters, so müssten wir ihm dennoch gehorchen, nicht seiner Person wegen, sondern Gottes wegen. Denn Christus will, dass wir seinem Stellvertreter gehorchen.“

 

Katharinas Interesse konzentrierte sich mehr und mehr auf Papst Gregor XI. Er allein konnte den drohenden Zerfall der Kirche aufhalten und eine Erneuerung in Gang setzen.

1376 reist sie mit 20 Gleichgesinnten nach Avignon. Nicht zuletzt durch ihre Intervention entscheidet sich der Papst aus Avignon nach Rom zurückzukehren. Sieben Päpste haben über Jahrzehnte in Abhängigkeit vom französischen König in Avignon residiert.

 

Aber sein Nachfolger, Urban VI. war unklug. Bei allem guten Willen zur Kirchenreform war er „wie ein Elephant im Porzellanladen“. Er stieß die Kardinäle vor den Kopf, die infolgedessen einen Gegenpapst kürten, Klemens VII., der sich in Rom nicht halten konnte und schließlich nach Avignon ging. So begann die Zeit des großen abendländischen Schismas, der Kirchenspaltung, die die Christenheit zerreißen sollte.

 

Für Katharina, die ganz mit der Kirche lebt und mit der Kirche fühlt, ist all das mitanzusehen und zu erleben ganz schlimm und überaus schmerzlich. Es schneidet sie ins Herz. Es ist für sie wie ein Martyrium.

Auf Wunsch Urbans VI. zieht sie nach Rom. Von dort aus kämpft sie für die Einheit der Kirche und für eine Friedenslösung im krisengeschüttelten Italien. Ihre Wohnung wird zu einem Zentrum diplomatischer Aktivität. Briefe und Boten gehen nach allen Seiten zu den Mächtigen Italiens und den Regierenden Europas, zu den Kardinälen, um ihnen Mut zuzusprechen und sie zu maßregeln, an den Papst selbst mit flehentlichen Bitten und Vorwürfen. Inzwischen ernährt sie sich nur mehr vom „Brot des Lebens“, der hl. Eucharistie und Wasser. Viele ihrer „Familie“ leben mit ihr zu­sammen.

Zu Beginn des Jahres 1380 verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand immer mehr. Trotzdem schleppt sie sich jeden Morgen nach St. Peter, um dort den ganzen Tag für die Kirche betend zu verbringen.

Voller Schmerz über die Kirchenspaltung und aufgezehrt von den vielen Reisen, Friedensbemühungen, Sorgen und Enttäuschungen, bricht die 33 Jährige eines Tages in St. Peter zusammen. Vom 26. Februar an, muss sie ständig das Bett hüten. Am 29. April 1380 stirbt Katharina im Beisein ihrer Mutter und einigen Gefährtinnen. Ihnen vertraut sie an: „Seid überzeugt, dass die einzige Ursache meines Todes die Glut für die Kirche ist, die mich verzehrt.“ Und sie verspricht, nach ihrem Tod „nützlicher“ zu sein, als sie es in ihrem Erdenleben sein konnte.

 

Nach Katharinas Heimgang geschehen zahlreiche Wunder und Heilungen. Eine große Menschenmenge strömt herbei, um ihren in der römischen Dominikanerkirche aufgebahrten Leichnam (oder wenigstens ihr Gewand) zu berühren. Schließlich müssen Eisengitter zum Schutz des Leichnams angebracht werden.

 

Drei Nächte und drei Tage dauert die Leichenfeier. Beim Begräbnis weinen die Römer so laut, dass der Prediger nicht zu Wort kommt.

Ihr Grab befindet sich in der Kirche Santa Maria sopra Minerva unter dem Hochaltar. Ihr Haupt wird 1385, noch zu Lebzeiten ihrer Mutter, nach Siena überführt und befindet sich heute in der Kirche San Dominico.

1461 wurde Katharina heiliggesprochen. Sie gilt als die Heilige, die „den Papst und die Kirche geliebt hat wie niemand zuvor“.

 

Ich habe mich zum ersten Mal ausführlich mit Katharina von Siena beschäftigt.

Mich beeindruckt, wie sie schon als Kind und junges Mädchen sich von ihrer resoluten Mutter nicht unterkriegen ließ, sondern ihren eigenen Weg ging, den Weg ihrer Berufung, den Weg, den Christus ihr zeigte. Mich beeindruckt ihr Beten, Fasten, Nachtwachen, ihr Leben in strenger Buße. Mich beeindruckt, wie sie ganz nach innen gekehrt ist und doch oder vielleicht auch gerade deswegen ganz nach außen, wie sie nach innen hört und gleichzeitig die Zeichen der Zeit erkennt, auf Gottes Ruf antwortet  und sich den Herausforderungen der Welt stellt. Ein Leben zwischen Rückzug in die beschaulichen Zelle und Zugewandtheit zur Welt, ein scheinbar gegensätzliches Leben, doch ohne Risse. Mich beeindruckt die Selbstlosigkeit, mit der sie Kranke und Aussätzige pflegt und Ausgestoßenen beisteht, auch wenn ihr Undankbarkeit entgegenschlägt. Mich beeindruckt ihr Mut, wie sie selbstbewusst auftritt, wo andere „kuschen“, wie sie ohne Menschenfurcht zwischen verfeindete Gruppen, Familien, Parteien und Städte tritt, um Frieden herzustellen und Feinde miteinander zu versöhnen. Mich beeindruckt ihre Zielstrebigkeit und Entschlossenheit, mit der sie sich für eine Sache einsetzt. Mich beeindruckt, wie sie als Frau Fürsten und Bischöfe berät, sie aber auch ermahnt und selbst dem Papst die Leviten liest. Mich beeindruckt ihr kühner Geist, mit dem sie es wagt – als Frau und ohne jedes kirchliche Amt – den Papst nach Rom zurückzuholen. Diese Frau widerlegt die Ansicht, die Frauen hätten im Mittelalter nur schweigen und aushalten müssen. Mich beeindruckt ihr Sprach- und Redetalent. Von Haus aus ungebildet diktiert sie ihr Buch „Dialog der göttlichen Vorsehung“. Thema: „Christus, die Brücke über die aufrührerische Welt.“

375 lehrreiche und interessante Briefe sind von ihr erhalten. Viele Gebete sind von ihr überliefert. Sie wurde zu einer Schriftstellerin von hohem Rang, eine Meisterin der italienischen Sprache.

 

Man könnte sagen: Katharina war erfolgreich.

Aber hat sie nicht bei ihren Angehörigen, bei den Kranken und auch bei ihrem politischen Einsatz Undank erfahren?

Hat sie nicht erleben müssen, dass der Friede, der eben beschworen wurde, aufs Neue gebrochen wurde?

Hat sie nach der Freude über die Rückkehr des Papstes nach Rom nicht mit Schmerz und Trauer schon ein Jahr danach das Schisma erlebt, als es plötzlich zwei Päpste gab, den zu Rom und den in Avignon? Auch ihr Bestreben, dem in ihren Augen rechtmäßigen Papst beistehen, war wenig erfolgreich.

 

Katharina hätte Enttäuschungen und Niederlagen nicht ertragen und verkraftet, wenn sie nicht einen tiefen Glauben gehabt und ein intensives Gebetsleben geführt hätte, wenn sie nicht in enger Tuchfühlung mit Gott gelebt hätte.

Alle ihre Aktivitäten haben ihre Liebe zu Christus und ihre Liebe zur Kirche als Ursache. Hinter allem steht die Liebe, die Liebe zu dem, den sie liebte und von dem sie sich geliebt wusste, die Liebe zu dem, dem sie ihr Herz und der ihr sein Herz schenkte: Gesu dolce, Gesu amore!

 

Katharina von Siena ist eine bewundernswerte, eine faszinierende Frau und eine aufregende und außergewöhnliche Heilige. Sie hat, meine ich, den Titel „Kirchenlehrerin“ wirklich verdient hat. Und nicht von ungefähr hat sie Johannes Paul II. neben Birgitta von Schweden und Edith Stein 1999 zur Mitpatronin und Schutzpatronin Europas ernannt.

Katharina gilt auch zusammen mit Franz von Assisi als Nationalheilige Italiens. Sie trug wie er die Wundmale, die aber bei ihr auf ihren ausdrücklichen Wunsch für ihre Mitmenschen unsichtbar bleiben. Sie trat wie er für Frieden und Versöhnung ein. Pace – Friede ist ein Schlüsselwort von beiden.

 

Katharina war Mystikerin. Ihr Wesen war Feuer, glühende Liebe, Leidenschaft für Gott. Und genau das ist der Grund, warum sie sich aus dem politische und kirchliche Geschehen nicht herausgehalten, sondern sich eingemischt und eingebracht hat. Ihr besonderes Charisma ist ihre große Liebe zur Kirche und ihre brennende Sorge um sie. Ihre Liebe zur Kirche hat sie fast umgebracht. Sie erkannte, dass Christus selber an den Missständen im Gottesvolk und im Klerus leidet. Er leidet, wenn es in der Kirche zum Himmel stinkt. Weil sie das verstanden hat, deshalb hat sie sich in das politische und kirchliche Gewühl ihrer Zeit geworfen. Katharina war eine von Christusliebe und Kirchenliebe Getriebene.

 

Katharina von Siena: Ihr Leben hat auch heute noch Strahlkraft und ihre Botschaft verdient es, gehört zu werden.

 

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