Exerzitien mit P. Pius

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"Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr"

(Liedtext im alten Gotteslob 621)

Nicht immer sind wir gut drauf; nicht immer super aufgelegt und froh gestimmt; nicht immer ist uns nach Halleluja und Jubel zumute. – In solchen Phasen und Stunden kommen uns auch fromme Gebete nur schwer über die Lippen, weil es in uns ganz anders aussieht oder weil existentielle Sorgen und Nöte uns belasten.

Wir blicken nicht mehr durch. Wir kommen uns wie in einem Tunnel vor oder wie in ein Loch abgerutscht. Wir fühlen uns kraftlos, elend, unverstanden, einsam. Es kann sein, dass dann auch der Glaube wankt und nicht mehr trägt. Und Gott scheint so fern.

 

Auch große, bedeutende Leute sind von solchen Erfahrungen nicht verschont geblieben.

Jeremia verflucht den Tag seiner Geburt. Elija hat es satt. Er geht in die Wüste und hat nur einen Wunsch: zu sterben. Hiob hadert mit seinem Schicksal und er rechtet mit Gott. Thomas zweifelt und will nicht glauben. Selbst Jesus sind solche Erfahrungen nicht erspart geblieben. Denken wir nur an die Stunden der Angst am Ölberg und seine Gottverlassenheit am Kreuz.

 

Im „Gotteslob“, steht ein Lied, das viele solche Erfahrungen ins Wort bringt: Fragen, Klagen, Zweifel, Nöte, Ängste …

 

Dieses Lied möchte ich mit Ihnen heute anschauen, es beleuchten, es Satz für Satz und Strophe für Strophe durchgehen und versuchen zu erspüren, was darin und dahinter steckt und es mit unseren Erfahrungen heute und mit unserer Lebensrealität in Verbindung bringen.

 

Es ist vor Jahren neu ins „Gotteslob“ hineingekommen. Mittlerweile ist es aber recht bekannt. Große Lebensnähe zeichnet dieses Lied aus. Da ist nichts abgehobenes, da wird nichts fromm übertüncht. Die Glaubensnot vieler Menschen kommt zur Sprache. All dies mag dazu beigetragen haben, dass das Lied die Herzen der Gläubigen in den Kirchen und Gemeinden erobert hat und ganz gern gesungen wird.

 

Das Lied stammt von dem Holländer Huub Oosterhuis. Er hat es 1964 verfasst. Bernard Huijbers hat die Melodie dazu geschaffen. Nahezu zehn Jahre später – 1973 – hat der bekannte Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti das Lied ins Deutsche übersetzt. In dieser Übersetzung hat es Eingang ins Gotteslob gefunden.

 

Das Lied ist ein Ich-Lied. In ihm kann sich jede und jeder finden.

Es ist ein Lied mit vielen Fragen und Fragezeichen. Es ist das Gebet eines Menschen, der um seinen Glauben ringt. Er möchte glauben, aber es fällt ihm schwer.

Nöte werden benannt, Zweifel ausgesprochen, Fragen gestellt. Nichts wird vor Gott zurückgehalten, nichts kaschiert, nichts verharmlost, nichts beschönigt. Der Beter getraut sich mit allem zu Gott zu kommen und alles vor Gott auszusprechen.

 

Das macht die Dynamik dieses Liedes aus:

die Spannung von zweifelndem Fragen und vertrauensvollem Du-Sagen, die Spannung von Glaubensnot und gläubigem Bekenntnis.

 

MIT LEEREN HÄNDEN

 

Am Beginn der ersten Strophe des Liedes ist von den „leeren Händen“ die Rede.

Mit leeren Händen dastehen. Man muss das mal nachfühlen. Was heißt das? Nichts haben, nichts zu bieten haben, nichts vorzuweisen haben. Selbst wenn wir irgendwo als Gast eingeladen sind, erscheinen wir nicht gern mit leeren Händen.

Mit leeren Händen dastehen, das tut niemand gern, das ist unangenehmen. Wir wollen machen, gestalten, greifen, zugreifen, zupacken, herausholen, was herauszuholen ist. Wir wollen gewinnen, haben, festhalten.

„Alles im Griff“, lautet eine beliebte Antwort, wenn man fragt, wie es jemandem geht, was die Familie, der Beruf, die Arbeit macht. „Alles im Griff!“

 

Und doch: Wer kennt die Erfahrung der leeren Hände nicht?

  • „Ich habe mich so bemüht“, sagt eine Mutter. Mit Güte und Strenge hat sie es probiert. Alles vergeblich! Der Sohn hat seine Sachen gepackt und ist einfach gegangen.

  • 20 Jahre sind wir nun fast verheiratet. Es war keine schlechte Ehe. Aus den Kindern ist etwas geworden. Und jetzt, nach all der Zeit, hat mein Mann eine Freundin und will weg. Er will sich scheiden lassen.

  • Ich weiß nicht, wie ich das noch schaffen soll. Ich schufte, arbeite, rackere mich ab, mach Überstunden. Immer mehr wird mir aufgehalst. Es wächst mir einfach alles über den Kopf. Ich bin total am Ende. Mir reicht es. Ich kann nicht mehr.

„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.“

Biblisch:

  • Die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.

  • Gesät und gesät. Ohne Wirkung. Alles für die Katz. Es hat nichts gebracht, nichts gefruchtet.

  • Zwei Menschen erscheinen im Gebet vor Gott. Die Hände des einen sind gefüllt mit Leistung. Die Hände des anderen sind leer.

FREMD WIE DEIN NAME SIND MIR DEINE WEGE

 

Gott hat seinen Namen im brennenden Dornbusch geoffenbart: „Ich bin da“ und „Ich werde da sein, mit euch, für euch!“

Doch davon spürt der Beter im Moment nichts.

 

Wo ist Gott, wenn das Kind vor die S-Bahn stürzt? Wo ist Gott, wenn ein Freund beim Ausweichen auf der Straße selber vor einen Baum knallt und tödlich verunglückt?

Es gibt Zeiten, da ist Gottes Nähe, seine Gegenwart keine Frage. Es ist spürbar, dass Gott da ist, Es ist erfahrbar, dass er uns nahe ist. Wir sind von seiner Güte umfangen und in seiner Liebe geborgen. Doch es gibt auch Zeiten, da scheint Gott weit weg zu sein und sein Name „Gott mit uns“ klingt so unrealistisch, so wirklichkeitsfremd. Da fällt Glauben und Beten schwer. Da ist vielleicht nur noch die Frage „Warum“? Aber es gibt keine Antwort.

 

FREMD WIE DEIN NAME SIND MIR DEINE WEGE

Nicht nur der Name, auch die Wege Gottes sind fremd, liegen im Dunkeln, sind undurchschaubar, unverständlich und geheimnisvoll. Was soll das alles? Was hat Gott mit mir, mit uns vor? Man blickt nicht mehr durch. Man versteht die Welt nicht mehr und auch Gott nicht.

 

FREMD WIE DEIN NAME SIND MIR DEINE WEGE

Weiß er den Weg für mich?

 

SEIT MENSCHEN LEBEN RUFEN SIE NACH GOTT

Da ist die Erinnerung, dass Menschen aller Zeiten nach Gott gerufen, auch mit Gott gehadert und gestritten, zu ihm geschrien und ihre Zuflucht zu ihm genommen haben. Abraham, Mose, Elija, Hiob, die Psalmenbeter, Bartimäus, die Kanaanäerin, der Schächer am Kreuz.

Da ist die Ahnung und das Wissen, dass dieses Rufen nicht ins Leere ging, dass das Rufen und Flehen nicht umsonst war. Da klingt die vage Hoffnung auf, dass doch noch etwas drinsitzt für diesen ausgeplünderten Planeten, für Afghanistan und den Sudan, für Haiti und Fukushima, aber auch für das schwer behin­derte Kind, für den krebskranken Schwager, die demente Nachbarin – und auch für mich.

 

MEIN LOS IST TOD. HAST DU NICHT ANDERN SEGEN?

 

An dieser Stelle ist zu erinnern, wofür das Lied ursprünglich gedacht war, nämlich für eine Trauerfeier, eine Totenliturgie.

 

Menschen, denen jemand im Tod genommen wird, jemand, der ihn lieb und teuer war, denen der Nächste, mit dem sie aufs engste verbunden waren, wegstirbt, solche Menschen sind (wie die Emmausjünger) oft ganz unten, am Nullpunkt der Hoffnung, am Ende, verzweifelt.

Und doch ist der Tod die Realität unseres Lebens. Wenn etwas sicher ist, dann der Tod. Es führt kein Weg daran vorbei. Führt einer darüber hinaus?

 

HAST DU NOCH ANDERN SEGEN? Ist der Tod das endgültige Aus? Ein Nachruf, ein Kranz und das war es dann? Oder ist da noch etwas, Licht und Leben, Segen und Heil?

 

MEIN LOS IST TOD. HAST DU NICHT ANDERN SEGEN?

Als Jakob seinem Bruder Esau den Segen Isaaks, ihres Vaters wegnahm, ja regelrecht stahl, war er ganz deprimiert und verzweifelt und fragte: „Vater, hast du nicht auch für mich noch einen Segen?“

 

HAST DU NICHT ANDERN SEGEN?

 

Es ist das erste Mal, dass nach den Ist-Aussagen eine Frage kommt. Und mit der Frage auch Hoffnung, Hoffnung, dass es doch etwas wie Segen und Verheißung geben möge trotz und inmitten aller Grenz-, Ohnmachts- und Todeserfahrungen.

 

Es schließt sich gleich die zweite Frage an:

BIST DU DER GOTT, DER ZUKUNFT MIR VERHEISST?

 

Es ist der Wunsch, dass unser Leben mehr sei als ein sinnloses Drehen im Kreis, dass es Sinn und Ziel geben möge, dass es Aussicht, Perspektiven geben möge, Wege, die keine Sackgassen sind, Wege, die weiterführen in eine gute Zukunft.

 

BIST DU DER GOTT, DER ZUKUNFT MIR VERHEISST?

ICH MÖCHTE GLAUBEN, KOMM MIR DOCH ENTGEGEN.

 

Der Beter möchte glauben. Er hat Sehnsucht glauben und vertrauen zu können. „Herr, ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ betet der Vater eines kranken Kindes in der Begegnung mit Jesus.

Und der Beter bittet, Gott möge ihm doch entgegenkommen.

Das heißt auch: Gott möge nicht fern bleiben, auf Distanz, weit weg, sondern ein Gott, der entgegenkommt, der dem Menschen nahe ist, ihm hilft und beisteht. Die Psalmisten beten oft ähnlich:

„O Gott komm mir zu Hilfe! Herr, eile mir zu helfen!“

 

In der zweiten Strophe ist von Zweifeln die Rede. Sie sind so zahlreich und heftig, dass sich der Beter davon wie übermannt fühlt. Gleichzeitig spürt er seine Ohnmacht, sein Unvermögen, in dem er sich wie gefangen vorkommt, wie eingesperrt.

 

VON ZWEIFELN IST MEIN LEBEN ÜBERMANNT.

MEIN UNVERMÖGEN HÄLT MICH GANZ GEFANGEN.

 

Der Beter sieht keinen Ausweg. Die Fragen und Sorgen türmen sich auf. Die Probleme wachsen ihm über den Kopf. Die Zweifel sind drückend, schwer, fast unerträglich. Was ihm zusetzt, was ihm zu schaffen macht, er wird nicht fertig damit, es macht ihn fertig. Es geht über seine Kräfte. Er fühlt sich total überfordert.

 

VON ZWEIFELN IST MEIN LEBEN ÜBERMANNT.

MEIN UNVERMÖGEN HÄLT MICH GANZ GEFANGEN.

 

Es ist auch das Unvermögen, all diese Dinge mit einem Gott, den man den „lieben Gott“ nennt, in Einklang zu bringen. Dieses Gottesbild scheint ihm angesichts der Realität, die er erlebt, mehr als fragwürdig zu sein.

Wenn er all das, was über ihn kommt und ihn gefangen nimmt, mit Gott in Verbindung bringt, dann tauchen sogar eine Reihe neuer Fragen auf:

 

HAST DU MIT NAMEN MICH IN DEINE HAND, IN DEIN ERBARMEN FEST MICH EINGESCHRIEBEN?

 

Dem Beter kommt das biblische Bild von der „Hand Gottes“, in den Sinn, eine Hand, von der es heißt, dass sie uns trägt und hält. Er erinnert sich an das Wort, dass Gott jeden Menschen beim Namen ruft, dass er uns gewollt und ins Leben gerufen hat, dass mein Name eingeschrieben ist in seine Hand; dass er mich kennt, um mich weiß, ja zu mir sagt, mich birgt und hält.

 

Aber gerade diese Gewissheiten sind für den Beter nicht mehr gewiss. Die Sicherheit und das feste Stehen im Glauben sind geschwunden oder zumindest ins Wanken geraten. Da sind mehr Fragen als Gewissheiten.

HAST DU MIT NAMEN MICH IN DEINE HAND, IN DEIN ERBARMEN FEST MICH EINGESCHRIEBEN?

 

Dem Beter kommt auch das Bild vom „gelobten Land“, jene Verheißung, die dem Volk Israel bei seinem Wüstenzug immer wieder – bei aller Verzagtheit, bei aller Ungeduld und Skepsis – Auftrieb gegeben und Zuversicht geschenkt hat, jenes Land jenseits der Wüste mit ihren Entbehrungen und Strapazen.

 

Der Beter denkt an die Menschen vor ihm, für die Gott keine Frage war, die im Glauben an Gottes Verheißungen ihr Leben gemeistert haben und im Frieden mit Gott gestorben sind.

 

Er hat vielleicht selbst einmal die Vertrauenslieder und Lobpsalmen gläubig und mit Inbrunst gesungen und gebetet. Aber im Augenblick vermag er es nicht. Das, was früher sicherer Glaube und tragender Grund war, ist unsicher und wankend geworden, der feste Glaube ist zusammengeschrumpft zu der bangen Frage: „Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?“

Wer so fragt, hofft auch und erwartet Antwort, Erfüllung seiner Sehnsucht: Komm mir entgegen! Nimm mich auf! Nimm mich an! Lass mich dich mit neuen Augen sehen! Nicht erst irgendwann einmal, sondern jetzt schon.

 

Nach den vielen Fragen bringt die dritte Strophe die Wende.

Die laut gewordenen Zweifel sind nicht letzte Verzweiflung. Die vielen Fragen bedeuten nicht Unglauben, sondern sind tastendes Suchen.

 

SPRICH DU DAS WORT, DAS TRÖSTET UND BEFREIT UND DAS MICH FÜHRT IN DEINEN GROSSEN FRIEDEN!

Die Philosophen können es mir nicht geben und die Dichter auch nicht, das Wort, auf das ich warte, und die moderne Wissenschaft noch weniger. – Der gleiche Gott, zu dem ich klagen kann, mit dem ich hadern und streiten kann, er ist auch der Gott, dessen Wort rettet und heilt, tröstet und befreit.

 

„Sprich du das Wort, das tröstet und befreit!“

„Wohin sollen wir gehen?“ fragt Petrus den Herrn einmal. Und dann bekennt er: „Du hast Worte ewigen Lebens.“

„Dein Wort ist Licht und Wahrheit“, heißt es in einem Antwortgesang bei der Vesper, „es leuchtet mir auf allen meinen Wegen.“ Das Wort, das aufrichtet, das tröstet und befreit, wird besonders im Sakrament der Versöhnung erfahrbar und wirkmächtig. Da spricht Gott das Wort, das tröstet und befreit und das uns Verzeihung und seinen Frieden schenkt.

 

„Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“

Dieser Friede ist mehr als Friedhofsruhe, mehr als Waffenstillstand, mehr als Komfort und eine gute Partie, mehr als eine schöne Wohnung und eine gute Rente. All das ist nicht alles, auch nicht Erfolg, Prestige, Karriere, eine gute Position. In all dem ist etwas zuwenig. Unser Hunger ist größer. Kein irdisches Glück genügt uns.

 

SCHLIESS AUF DAS LAND, DAS KEINE GRENZEN KENNT UND LASS MICH UNTER DEINEN KINDERN LEBEN!

Wir können es nicht selbst und aus eigener Macht aufschließen, das Land, das keine Grenzen kennt, das Land ohne Grenzen von Nationalität, Herkunft und Stand, das Land der Geschwisterlichkeit, des Miteinanders und des Friedens, von dem wir träumen. Gott kann es öffnen. Er hat den Schlüssel.

Darum: „Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt und lass mich unter deinen Kindern leben.“

 

SEI DU MEIN TÄGLICH BROT, SO WAR DU LEBST!

Wir dürfen bei dieser Bitte an das Brot in der Wüste denken, das Gott jeden Tag aufs Neue seinem Volk schenkte. Brot zum Leben, Kraft zum Weitergehen, war auch das Brot, das Gott durch seinen Engel dem Propheten Elija anbot, als dieser Schluss machen wollte mit seinem Leben: „Steh auf und iss! Du hast noch einen weiten Weg vor dir.“ Und in der Kraft dieser Speise wanderte Elija 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg Horeb.

 

„Sei du mein täglich Brot, so war du lebst.“

Hier dürfen wir auch an die Brotrede denken, die uns der Evange­list Johannes im 6. Kapitel seines Evangeliums überliefert hat und die in der Selbstaussage Jesu gipfelt. „Ich bin das Brot des Lebens.“ Und: „Wer von diesem Brot isst, der wird ewig leben.“ Er ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist, Brot, das lebt und Leben spendet. – Schon die Kirchenväter haben diese Rede Jesu im Blick auf die Eucharistie gedeutet. Er selbst kommt zu uns und gibt sich uns in einem kleinen Stück Brot. Er selbst wird für uns zur Speise, Kraft und Nahrung und Stärkung auf unserem Pilger­weg zu Gott.

 

Ich weiß von Priestern, Ordensleuten, aber auch Laien, wie wichtig ihnen gerade dann, wenn sie sich müde fühlen, innerlich leer und ausgebrannt, enttäuscht und resigniert, wie wichtig ihnen das Gebet vor dem Tabernakel bzw. vor dem ausgesetzten Allerheiligsten ist. Hier können sie zur Ruhe kommen, inneren Frieden finden, seine Gegenwart verspüren und wie aus einer Quelle neu schöpfen. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“

 

DU BIST MEIN ATEM, WENN ICH ZU DIR BETE.

Wir atmen, alle, jede und jeder, immerzu. Auch nachts, auch wenn wir mit allen anderen bewussten Tätigkeiten aufhören. Auch wenn unser Körper ganz ruhig ist.

Wir atmen, ein und aus, still und ruhig und regelmäßig, ohne dass wir es merken. Der Atem kommt und geht ganz von selbst, ohne dass wir etwas dazu tun. Es atmet in uns.

Doch dann gibt es auch die Stunden, wo wir „atemlos“ werden. Wenn wir in Eile sind, in Hast und Unruhe, dann geraten wir au­ßer Atem oder werden wir kurzatmig. Wir atmen fiebrig, gehetzt. Wir schnappen nach Luft. Wir müssen erst einmal tief durchatmen. Es gibt auch die Momente, wo wir den Atem anhalten, weil uns angst und bang ist. Wie gut tut uns eine Atempause, eine Verschnaufpause, eine Auszeit für Leib und Seele!

Solange wir leben atmen wir. Atem, das ist das erste Lebenszeichen eines Neugeborenen. Atemstillstand ist Anzeichen des Todes.

Atem ist Geist. Die Bibel kennt nur ein Wort für Geist und Atem: hebräisch „ruach“, griechisch „pneuma“, lateinisch „spiritus“.

 

„Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

Alle Umkehr des Menschen, aller Neubeginn, alles Aufleben ist von diesem Atem Gottes, von Gottes Leben spendendem Geist getragen.

 

Vielleicht ist Gott ja gar nicht der ganz ferne, den ich weit ab suchen muss. Vielleicht ist er mir viel näher als ich denke und meine und spüre. So nah wie die Luft, die mich umgibt, die ich atme, von der ich lebe. Ich bin mir seiner Gegenwart nur nicht bewusst.

Paulus sagt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“

Wenn das so ist, dann sind die leeren Hände gar nicht mehr so wichtig, dann sind die Grenz- und Ohnmachtserfahrungen gar nicht mehr so entscheidend. Dann spielen meine Zweifel und mein Unvermögen gar nicht mehr die Rolle. Dann kommt es letztlich nicht auf das an, was ich tue, bringe und leiste, weil ER das Entscheidende tut und in Jesus Christus schon getan hat.

Dann ist er – trotz allem, was dagegen spricht, trotz aller Einwände und aller Skepsis – „der Gott, der Zukunft mir verheißt“ und der das Wort spricht, „das tröstet und befreit“.

 

So endet das Lied mit einem kaum zu übertreffenden Vertrauen: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

 

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