Exerzitien mit P. Pius

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Tag um Tag

(Neujahrspredigt 2013)

In der Hauptstadt seines Landes lebte ein guter und gerechter König.

Oft verkleidete er sich und ging unerkannt durch die Straßen, um zu erfahren, wie es mit seinem Volk stand. – Eines Abends geht er vor die Tore der Stadt. Er sieht aus einer Hütte einen Lichtschein fallen und erkennt durch das Fenster: ein Mann sitzt allein an seinem zur Mahlzeit bereiteten Tisch und ist gerade dabei, den Lobpreis zu Gott über das Mahl zu singen. Als er geendet hat, klopft der König an die Tür:

„Darf ein Gast eintreten?“ „Gern“, sagte der Mann, „komm, halte mit, mein Mahl reicht für uns beide!“

Während des Mahles sprechen die beiden über dieses und jenes.

Der König  – unerkannt – fragt: „Wovon lebst du? Was ist dein Gewerbe?“ „Ich bin Flickschuster“, antwortete der Mann. „Jeden Morgen gehe ich mit meinem Handwerkskasten durch die Stadt und die Leute bringen mir ihre Schuhe zum Flicken auf die Straße.“ – Der König: „Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit bekommst? „Morgen?“ sagte der Flickschuster, „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

 

Als der Flickschuster am anderen Tag in die Stadt geht, sieht er überall angeschlagen: Befehl des Königs! In diesen Wochen ist auf den Straßen meiner Stadt jede Flickschusterei verboten! Sonderbar, denkt der Schuster. Was doch die Könige für seltsame Einfälle haben! Nun, dann werde ich heute Wasser tragen; Wasser brauchen die Leute jeden Tag.

Am Abend hatte er soviel verdient, dass es für beide zur Mahlzeit reichte. Der König, wieder zu Gast sagt: „Ich hatte schon Sorge um dich, als ich die Anschläge des Königs las. Wie hast du dennoch dein Geld verdienen können?“ Der Schuster gab Bescheid. Der König: „Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?“ „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

 

Als der Schuster am anderen Tag in die Stadt geht, um wieder Wasser zu tragen, kommen ihm Herolde entgegen, die rufen: „Befehl des Königs! Wassertragen dürfen nur solche, die eine Erlaubnis des Königs haben!“ Sonderbar, denkt der Schuster, was doch die Könige für seltsame Einfälle haben. Nun, dann werde ich Holz zerkleinern und in die Häuser bringen. Er holte seine Axt, und am Abend hatte er so viel verdient, dass das Mahl für beide wieder bereitet war. Und wieder fragt der König:

„Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?“

„Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

 

Am anderen Morgen kam dem Flickschuster in der Stadt ein Trupp Soldaten entgegen. Der Hauptmann sagte: „Du musst heute im Palasthof des Königs Wache stehen. Hier hast du ein Schwert, lass deine Axt zu Hause!“

Nun musste der Flickschuster den ganzen Tag Wache stehen und verdiente keinen Pfennig. Abends ging er zu seinem Krämer und sagte: „Heute habe ich nichts verdienen können. Aber ich habe heute Abend einen Gast. Ich gebe dir das Schwert“ – er zog es aus der Scheide – „als Pfand, gib mir, was ich für das Mahl brauche.“

Als er nach Hause kam, ging er zuerst in seine Werkstatt und fertigte ein Holzschwert, das genau in die Scheide passte. Dann bereitete er das Mahl.

Der König wunderte sich, dass auch an diesem Abend wieder das Mahl bereitet war. Der Schuster erzählte alles und zeigte dem König verschmitzt das Holzschwert.

„Und was wird morgen sein, wenn der Hauptmann die Schwerter inspiziert?“

„Morgen? Gott sei gepriesen Tag für Tag!“

 

Als der Schuster am anderen Morgen den Palasthof betritt, kommt ihm der Hauptmann entgegen, an der Hand einen gefesselten Gefangenen: „Das ist ein Mörder.

Du sollst ihn hinrichten!“ „Das kann ich nicht“, rief der Jude voll Schrecken aus.

„Ich kann keinen Menschen töten!“ „Doch, du musst! Es ist Befehl des Königs!“

 

Inzwischen hatte sich der Palasthof mit vielen Neugieren angefüllt, die alle die Hinrichtung eines Mörders sehen wollten. Der Schuster schaute in die Augen des Gefangenen. Ist das ein Mörder? Dann warf er sich auf die Knie und mit lauter Stimme, so dass alle ihn beten hörten, rief er: „Gott, du König des Himmel und der Erde! Wenn dieser Mensch ein Mörder ist und ich ihn hinrichten soll, dann mache, dass mein Schwert aus Stahl in der Sonne blitzt! Wenn aber dieser Mensch kein Mörder ist,  dann mache, dass mein Schwert aus Holz ist!“

Alle Menschen schauten atemlos zu ihm hin. Er zog das Schwert, hielt es hoch – und siehe: es war aus Holz. Gewaltiger Jubel brach aus.

In diesem Augenblick kam der König von der Freitreppe seines Palastes, ging geradewegs auf den Flickschuster zu, gab sich zu erkennen, umarmte ihn und sagte: „Von heute an sollst du mein Ratgeber sein!“

 

Ein jüdisches Märchen aus Afghanistan.

 

 

 

Als ich es dieser Tage wieder las, dachte ich: das passt zu Neujahr!

„Gott sei gepriesen Tag für Tag!“

 

Solch eine Gläubigkeit und solch eine Gelassenheit wünsche ich mir!

Und dabei wissen: Gott handelt nicht ohne mich.

Er will mein Mitdenken und Mittun.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Mir sind beim Lesen dieser Geschichte und beim Nachdenken darüber drei Worte eingefallen. Das erste ist ein Sprichwort. Sie kennen es alle: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“

 

Bei dem Flickschuster ist längst nicht alles glatt gelaufen. Er musste immer wieder umdisponieren und sich auf Neues einlassen.  Aber er hat nie aufgegeben. Er hat sich immer zu helfen gewusst.

Er war flexibel und kreativ. War das eine nicht möglich, hat er was anderes gemacht. Er hat bei allen Hindernissen und in allen problematischen Situationen immer einen Weg gefunden.

 

Das zweite Wort stammt vom heiligen Apostel Paulus und steht im Römerbrief. Es lautet:

„Gott führt bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten.“

 

Der Flickschuster nahm die unabänderlichen Gegebenheiten seines Daseins an, wie sie waren. Und die waren beileibe nicht immer rosig.

Wie viel ist da quer gekommen! Wie sehr hätte er sich manchmal grün und blau ärgern können! Wie sehr hätte er verbittert sein können!

Oder über den König schimpfen, ihn zum Teufel wünschen!

Oder auch jammern und sich selbst bemitleiden!

 

Aber er bleibt ruhig. Er bleibt gelassen. Er ist auf niemanden böse. Über manches wundert er sich nur. Er steckt nie den Kopf in den Sand. Er überwindet alle Widrigkeiten. Aus allem macht er das Beste.

 

Das dritte Wort ist ein Psalmvers. Er lautet:

„Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertrau ihm! Er wird es fügen.“

 

Der Flickschuster war ein gläubiger Mensch. Gott ist für ihn eine Wirklichkeit in seinem Leben. Er ist sich der Gegenwart Gottes bewusst. Er rechnet mit Gott. Zu ihm betet er. Auf ihn vertraut er. Ihm stellt er sich und seine Zukunft anheim. Darum macht er sich keine unnötigen Sorgen, sondern lebt ganz im Heute.

Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

 

Er vertraut darauf, dass Gott, egal was kommt und geschieht, ihn nicht im Stich lässt. Der Flickschuster weiß sich in Gottes Hand.

 

Gott ist da. Gott führt und leitet.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine solche Einstellung entlastet. Ich muss nicht aus purer eigener Anstrengung leben. Das lässt aufatmen. Das nimmt dem Leben die Schwere. Das richtete auf. Das macht frei und froh.

 

Am Schluss umarmt der König den Flickschuster und erwählt ihn zu seinem Ratgeber.

Das möchte ich im Neuen Jahr: Gelassenheit und Vertrauen zu meinen Ratgebern machen. Nicht Angst, Unsicherheit und Sorge, sondern engagierte Gelassenheit, Selbstvertrauen und Gottvertrauen.

 

Nach dem Motto:

„Gott kennt dein Gestern.

Gib ihm dein Heute.

Er sorgt für dein Morgen.“

 

Oder wie Dietrich Bonhoeffer beim Jahreswechsel 1944/45 schrieb:

„Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

 

Oder wie Alfred Delp, SJ meint:

„Wir können dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“

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