Exerzitien mit P. Pius

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Pfingstsonntag 2010

 

In der Lesung aus der Apostelgeschichte haben wir vorhin das Pfingstereignis gehört, wie es jedem von uns wohl bekannt ist.

Vor ein paar Tagen bin ich auf eine andere Pfingsterzählung gestoßen, eine Anti-Pfingstgeschichte. Ich möchte sie Ihnen gern vorlesen. Solch eine Gegen-Geschichte kann nämlich helfen, Vertrautes und Gewohntes einmal anders zu sehen und so das Eigentliche, das, worum es geht, neu aufleuchten zu lassen. Die Gegen-Geschichte trägt den Titel: „Und es blieb alles beim alten.“

 

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Es war ein strahlender Tag. Am Himmel regte sich kein Lüftchen. Die Jünger freuten sich über das Beisammensein. Es störte sie keiner. Sie tauschten alte Erinnerungen aus an Jesus von Nazareth. Die Fenster öffneten sie nur gelegentlich, um ein wenig zu lüften. In den Straßen der Stadt tummelten sich Leute aus aller Herren Länder. Die Jünger ließen sich dadurch nicht stören. Petrus sagte: „Liebe Freunde, inzwischen haben wir es verkraftet, dass unser Freund Jesus nicht mehr bei uns ist. Die Juden haben sich wieder beruhigt. Und so haben wir unsere Ruhe. Von Zeit zu Zeit können wir uns ja noch treffen, um das Andenken an Jesus in Ehren zu halten. Im Übrigen aber soll alles beim alten bleiben.“ Die Jünger trafen sich noch gelegentlich. Doch allmählich kamen immer weniger zu den Treffen. Mit den Jahren starben sie. So ging die Sache Jesu und die Erinnerung an ihn zu Ende.

 

Eine traurige Geschichte, nicht wahr?

Gott sei Dank war es nicht so am ersten Pfingstfest.

Pfingsten war aufregend, nicht langweilig. Da herrschte Aufbruchstimmung, nicht Resignation. Aus Stillstand wurde Bewegung. Trauer wandelte sich in Freude, Resignation in Hoffnung, Pessimismus in Optimismus, Lethargie in Begeisterung.

Pfingsten, das ist der Umschwung von der Sammlung zur Sendung, vom Sich-Einigeln und Abkapseln zum Sich-Öffnen und Hinausgehen zu allen Völkern. Statt Enge Weite, statt Verzagen Wagen. Aus Angst wird Freimut, aus Menschenfurcht erwächst Bekennermut und Glaubenskraft. Ein auffallend starkes missionarisches Bewusstsein prägte die junge Kirche.

Pfingsten, das ist nicht nur die Herabkunft des Heiligen Geistes, das ist auch – und ganz besonders – das Wirken des Heiligen Geistes.

Der Funke springt über. Menschen sind Feuer und Flamme für Jesus Christus. Sie bekennen sich zu ihrem Glauben. Sie stehen ein für ihren Glauben. 3000 lassen sich am Pfingsttag taufen. Sie geben ihrem Leben eine neue Richtung. Sie finden Sinn und Ziel und Heimat in der Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern.

 

Und wie geht es uns heute, am Pfingstfest 2010?

Sind wir innerlich nicht näher an der traurigen Anti-Pfingstgeschichte als an der Erzählung der Apostelgeschichte?

 

Viele sind mutlos geworden an der Kirche. Viele leiden an der Kirche. Was in den letzten Wochen und Monaten geschehen ist, aufgedeckt wurde und hochkam, ist erschütternd, beschämend und deprimierend. Die Kirche ist in eine schwere Krise geraten. Die Glaubwürdigkeit hat schwer gelitten. Ein großer Vertrauensverlust geht damit einher.

Schmerz und Enttäuschung ist über viele gekommen, die mit der Kirche fühlen. Ratlosigkeit, Resignation, Lähmung macht sich breit.

Ist die Kirche – zumindest in unseren Breitengraden – nicht auf dem absteigenden Ast? Geht nicht alles immer mehr den Bach hinunter?  Ist Gottes Geist ausgewandert aus der Gemeinschaft der Glaubenden?

 

Und wir, die wir der Kirche – trotz aller Übel und Vergehen, trotz auch aller klerikalen Sünden - nicht den Rücken gekehrt haben, sondern geblieben sind und auch heute da sind und miteinander Pfingsten feiern, Gottesdienst feiern:

Was gibt uns Mut? Was lässt uns hoffen und vertrauen? Setzen wir noch auf die Kraft des Heiligen Geistes? Glauben wir, dass Gottes Geist läutern, reinigen, heilen kann, dass er aus Erstarrung befreien und aufrichten kann, dass er neu Freude am Glauben schenken und einen neuen Anfang bewirken kann? Aus uns allein vermögen wir es nicht. Wir müssen darum beten. Für Gott aber ist nichts unmöglich.

 

Ich bin überzeugt: Alles, was geschieht hat einen Sinn. Wer weiß, was Gott mit uns vor hat? Vielleicht lässt Gott auch diese Prüfung zu, damit wir zur Einsicht kommen, damit wir umkehren, wieder mehr seine Gebote befolgen und ernsthaft seinen Willen tun. Eine Krise, so schmerzhaft sie ist, kann immer auch eine Chance sein.

 

Im Tagesgebet der Kirche heißt es heute: „Was deine Liebe am Anfang der Kirche bewirkt hat, das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich glauben.“

Das Gebet schlägt einen Bogen von damals, vom Beginn der Kirche, bis in unsere Zeit. Haben wir den Heiligen Geist heute nicht nötiger denn je? Brauchen wir ihn nicht dringender als je zuvor?

Veni sancte spiritus! Komm, heiliger Geist, erfülle uns, durchdringe uns, belebe uns, beseele uns! Komm und schaff uns neu! Komm, du Kraft von oben!

 

Doch wo beginnen?

Erneuerung beginnt nicht irgendwo, nicht anderswo, auch nicht bei denen da oben. Umkehr und Erneuerung, Heiligung und Heilung beginnt bei uns, in uns selbst. Nur Ergriffene ergreifen. Nur von Verwandelten können Verwandlungen ausgehen.

Mir gefällt das Gebet eines chinesischen Christen. Es lautet:

„Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an! Herr. baue deine Gemeinde und fange bei mir an!“ Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen und fange bei mir an! Herr, bring deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an!“

 

Es braucht unser Mittun, unsere Bereitschaft. Über unsere Köpfe hinweg tut Gott nichts. Absolut nichts. Es braucht unser Wollen. Es braucht unsere Offenheit: Er will unsere Zustimmung. Gott handelt nicht ohne uns und schon gar nicht gegen uns.

 

Pfingsten 2010 lädt uns ein zur Besinnung.

Sind wir bereit, trotz aller Widerwärtigkeiten und Missstände in der Kirche, trotz aller Affären und Skandalen dem Geist Gottes Heiligung und Heilung, Wandlung und Befreiung zuzutrauen?

Glauben wir, dass Gottes Geist in der Kirche lebendig ist und auch in jedem von uns, dass er uns erfüllt mit seiner Liebe?

Glauben wir, dass er in uns und seiner Kirche das bewirken kann, was er am Anfang, am Pfingstfest, am Geburtsfest der Kirche, bewirkt hat: Glaubensglut und Glaubensmut, Entschiedenheit und Zeugniskraft, Hoffnung und Zuversicht, Freude und Treue, Treue zur Botschaft Jesu Christi, Treue auch zur Gemeinschaft der Kirche?

Ja, auch zur Gemeinschaft der Kirche, denn ohne sie hätten wir den Pfingsttag längst vergessen. Ohne sie wäre die Kraft des Geistes nicht auf uns gekommen. Ohne sie wäre das Evangelium nicht lebendig geblieben in der Welt. Ohne sie wäre über die „Sache Jesu“ längst Gras gewachsen.

 

Eine staubige Pilgerin ist sie, die Kirche, das ist wahr. Nicht nur eine Kirche der Heiligen, sondern auch der Sünder. Aber in ihrem Herzen trägt sie unzerstörbar die Verheißung des Himmels.

 

Und noch etwas:

Jesu Wort gilt auch heute: „Die Pforten der Hölle (alles Böse der Welt, alle Übel auch im innern, alle Verfehlungen selbst der Hirten, von denen man es am wenigsten erwarten würde) werden sie nicht überwältigen.“ Und vor allem gilt Jesu Wort: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Das ist für mich Trost. Das ist für mich Hoffnung!

 

Wer sich dem Geist öffnet, wer sich von ihm leiten lässt, wer auf Jesus schaut, auf sein Wort hört und ihm folgt, der ist nicht blind für die Missstände, er wird nicht wegsehen, er wird auch nicht verharmlosen. Aber er wird nicht nur Schimpfen, Kritisieren und Lamentieren, er wird nicht beim Jammern und Klagen stehen bleiben, sondern seine Hoffnung und sein Vertrauen auf Gott setzen.

„Wo ist euer Glaube?“ fragt Jesus die Jünger auf dem sturmgepeitschten See. „Warum habt ihr solche Angst? Ihr Kleingläubigen!“

 

Der Herr ist bei uns. Der heilige Geist lebt und betet in uns. Er führt die Kirche – auch in Not und Bedrängnis – sicher durch die Zeiten hin zur Vollendung.

 

Habt keine Angst! Wir sind nicht allein. „Gott ist mit uns (auch mit seiner Kirche) am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (Dietrich Bonhoeffer).

„Wir können dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“ (Alfred Delp)

 

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