Exerzitien mit P. Pius

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Herr, lehre uns beten!

(17. Sonntag - Lesejahr C; Lk 11, 1 - 13)

 

In seiner umfangreichen Autobiographie „Junge Jahre“ erinnert sich der amerikanisch-französische Schriftsteller Julien Green an seine erste religiöse Regung im Alter von fünf Jahren.

 

Jeden Abend, wenn er zu Bett gegangen war, kam seine Mutter hinzu, um mit ihm das Nachtgebet zu sprechen. „Wir knieten nieder, ich in meinem Bett, sie auf dem Fußboden, und zwar so nahe an mir, dass unsere Gesichter sich berührten. Ich legte ihr dann die Arme um den Hals und sprach ihr alle Worte des ‚Vater unser‘ nach... Sie betete fünf oder sechs Worte vor und hielt dann inne, um mit der Fortsetzung zu warten, bis ich ihr genau nachgesprochen hatte. Es machte mir, den Kopf auf ihrer Schulter, großes Vergnügen, diese Worte zu wiederholen, deren Sinn mir dunkel war, deren Süße jedoch in die geheimsten Seelentiefen drang.“ – Wenn er so seiner Mutter die Arme um den Hals gelegt und mit ihr gebetet hatte, war ihm, als könne nichts in der Welt ihn in Ängste stürzen oder ihm Übles tun. (in: Christ in der Gegenwart 32, 9.8. 1987)

 

Auch Jesus betet. Und er ist darin Vorbild für die Seinen.

 

Die Jünger sind so sehr angetan vom Beten Jesu, ja fasziniert, dass sie bitten: „Herr, lehre uns beten!“

Jesus weigert sich nicht. Aber die Antwort, die er gibt, ist verblüffend einfach: keine Anweisung über Gebetszeiten, keine Belehrung über verschiedene Formen, Arten und Weisen des Gebetes. Keine besondere Gebetstechnik, keine Theorie, sondern Praxis. Jesus macht es vor. Er betet vor: Das Vater unser.

 

Schon der Anfang dieses Gebetes ist bedeutsam.

Jesus lehrt die Seinen „Vater“ sagen. Gott ist auch der Mächtige, der Allmächtige, er ist der Erhabene, der Herr, der König, der Höchste. Er ist der Große. Er ist ewig und heilig.

Aber Jesus lehrt die Seinen zu Gott „Vater“ sagen und dieses Vatersagen durchzuhalten in Preis und Dank, in Bitte und Schrei, in Liebe und Auflehnung, in Zweifel und Not.

 

Wenn wir mit Jesus Gott „Vater“ nennen, bedeutet das nicht, dass er nur männliche Züge hat.

Beim Propheten Jesaja steht: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“

Und beim Propheten Hosea heißt es von Gott:

„Ich war für sie da wie Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben.“

Diese Bilder zeigen an: Gott liebt auch auf mütterliche Weise.

Er liebt jeden Menschen ganz.

Oder wie Papst Johannes Paul I. einmal gesagt hat:

„Gott ist Vater, und mehr noch, er ist Mutter.“

 

Im Heimatdialekt Jesu, im Aramäischen, heißt das Wort für Vater, das Jesus gebraucht „Abba“. Das ist ganz familiär, ganz intim.

„Abba“, das heißt einfach „Papa“.

„Abba“, das ist so, wie wenn sich das Kind an die Mutter kuschelt oder den Kopf an die Brust des Vaters schmiegt.

„Und so“ sagt Jesus, „sollt ihr beten“, ganz spontan, unmittelbar, wie ein Kind, voll Vertrauen.

 

Eines Nachts brach in einem Haus ein Brand aus. Während die Flammen hervorschießen stürzen Eltern und Kinder aus dem Haus, um sich ins Freie zu retten – Plötzlich bemerken sie, dass der Jüngste fehlt. Der Fünfjährige ist auf der Flucht vor Rauch und Flammen ins obere Stockwerk gerannt. Panik und Verwirrung greift um sich. Das Haus war mittlerweile ein Glutofen. Unmöglich, sich noch einmal hineinzuwagen.

Da öffnet sich oben ein Fenster. Das Kind schreit um Hilfe. Der Vater sieht es und ruft ihm zu: „Spring!“ Das Kind sieht nur Rauch und Flammen. Es hört aber die Stimme des Vaters. „Papa, ich seh‘ dich nicht!“ – „Aber ich seh‘ dich“ ruft der Vater. „Spring!“

Das Kind sprang und sein Vater fing es auf. Der Junge fand sich heil und geborgen in den Armen des Vaters.

 

„Abba“ hat Jesus zu seinem Vater selbst noch am Ölberg gesagt, als er von seinem Vater nichts mehr sah, als der Vater scheinbar weit weg war. – „Vater“, das ist ein Wort, das Jesus erprobt hat mit seinem Leben, erprobt auch in seinen schwersten und letzten Stunden.

 

Seitdem, liebe Schwestern und Brüder, – sind die Worte des Vaterunsers immer wieder erprobt worden, täglich, stündlich, überall auf der Welt.

Es ist ja das zentrale Gebet der Christenheit, ein Gebet, das wir mit allen Christen gemeinsam beten, ein Gebet, das die Welt umspannt.

 

Wenn wir das Leben manchmal nicht begreifen, wenn wir Gottes Fügungen nicht verstehen, wenn Leid und Not uns die Sprache verschlagen, ein Wort bleibt uns: „Vater“

Du, Vater – Du, unser Vater

 

Gott liebt uns wie ein Vater und wie eine Mutter.

Das klingt irgendwie ganz unglaublich und ist doch so großartig und ganz wunderbar.

Vor diesem Gott brauche ich mich nicht zu fürchten, sondern kann Zuversicht haben.

Ich brauche keine Angst haben, sondern kann absolut vertrauen.

 

Am Anfang habe ich aus der Autobiographie des Schriftstellers Julien Green zitiert und ein Beispiel des Betens von Mutter und Kind gebracht.

Am Schluss noch einmal ein kurzer Auszug aus einer Autobiographie. Diesmal aus der des Pastors Friedrich von Bodelschwingh. Sie trägt den Titel: „Aus einer hellen Kinderzeit". Darin berichtet er ein Erlebnis aus seiner frühesten Kindheit, ein Beispiel kindlichen Vertrauens:

 

Eines Nachts wacht er auf und wird von einer unheimlichen Angst befallen. Seiner nur wenig älteren Schwester geht es ebenso. Es ist den beiden, als fiele alles Schwere und Traurige der Welt wie eine Welle über sie her. Schließlich wissen sie in ihrer Not keinen anderen Rat mehr, als sich zu den Eltern zu flüchten. Gepeinigt vom Spiel ihrer erregten Phantasie und zitternd vor Furcht tasten sie sich durch zwei dunkle Zimmer hindurch, um in die Wohnstube zu gelangen, wo noch Licht brennt. Endlich sind sie am Ziel.

Nun berichtet er wörtlich weiter:

„Als ich dann meinen Vater am Tisch sitzen sah... als er seinen Arm nach mir ausstreckte und mich auf seinen Schoß nahm, da war auf einmal alles wieder gut. ‚Was willst du denn, mein Junge?’ fragte er mich. Da hatte ich alle Not vergessen, da hatte ich gar keine einzelnen Wünsche mehr. ‚Vater’, sagte ich, und dicke Tränen liefen mir dabei über das Gesicht: ‚Vater, ich wollte nur zu dir.“

 

Vielleicht denken manche gerührt: eine Kindergeschichte – und lächeln dazu.

Mir scheint, dass diese Geschichte für uns alle eine gleichnishafte Bedeutung hat.

 

Beten heißt zutiefst

  • Zugeben, dass wir diesen Kindern recht ähnlich sind. Kennen wir doch alle die Erfahrung der Niedergeschlagenheit, der Angst. Wissen wir doch alle, dass das Leben manchmal übel mitspielt.

Beten heißt zum anderen

  • Dass wir tun können, was diese Kinder taten: zum Vater gehen.

Ich wünsche mir und Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, dass dieser heutige Sonntag uns wieder neu ermutigt, den Weg der Kinder zum Vater zu gehen, den Weg aus der Nacht in die Arme des Vaters. Bei ihm finden wir Trost und Heil. Bei ihm ist Geborgenheit und letzter Halt.

 

 

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