Exerzitien mit P. Pius

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Der Geist weht, wo er will

(26. Sonntag - Lesejahr B, Num 11, 25 - 29 / Mk 9, 38 - 43. 45. 47 - 48)

 

Ich schaue gern Karikaturen an. Sie sagen mit wenigen Strichen oft mehr als ein langer Vortrag oder eine wortreiche Predigt.

Ein Cartoon mit sechs kleinen Bildern hat mich besonders angesprochen. Ich finde ihn sehr treffend und vielsagend:

 

 

 

 

Bild 1: Über einer begeisterten und jubelnden Menschenmenge schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube.

 

 

 

 

 

 

Bild 2: Die Taube flattert noch immer über den Menschen, doch diese sind inzwischen still geworden und schauen gespannt auf eine Figur, die am rechten Bildrand auftaucht. Es handelt sich um einen Kirchenmann, wie an der Kleidung zu erkennen ist. Er trägt eine Stange und geht damit auf die Taube zu.

 

 

 

 

 

 

Bild 3: Die Stange entpuppt sich als Netz, das man zum Fangen von Schmetterlingen benutzt. Mit diesem Netz hat der Kirchenmann die Taube gefangen und trägt sie zufrieden davon. Zwei aus der Menge schauen ihm erschrocken und bekümmert nach.

 

 

 

 

 

 

Bild 4: Ein riesiger Vogelkäfig in Form einer Kirche. Die Taube darf in diesem Käfig wieder fliegen. Der Kirchenmann schaut ihr interessiert zu.

 

 

 

 

 

 

 

Bild 5: Der Kirchenmann spielt Dompteur. Er knallt mit der Peitsche. Und die Taube muss auf einem Trapez andressierte Übungen ausführen.

 

 

 

 

 

 

 

Bild 6: Der Dompteur steht einsam in seiner Vogelkäfig-Kirche. Er hat die Peitsche sinken lassen und schaut fassungslos der Taube nach, die ihrem Gefängnis entwichen ist und gerade am Bildrand verschwindet.

 

 

 

 

 

Ein frecher Cartoon, nicht wahr?

„Der Geist weht, wo er will“ – steht als Überschrift darüber.

 

Ist dieser Cartoon nicht eine geniale Predigt zur ersten Lesung des heutigen Sonntages (Num 11,25-29)?

Da wird berichtet, dass Gott nicht nur 70 Älteste begeistert und befähigt hat, Mose bei der Leitung des Volkes zu helfen, sondern auch zwei Männer, die gar nicht zum Offenbarungszelt gekommen waren.

Josua fordert daraufhin Mose auf, den beiden Abständigen und Weggebliebenen zu verbieten, prophetisch zu reden.

Doch er muss sich sagen lassen: Der Geist weht, wo er will.

Er ergreift nicht nur diejenigen, die offiziell beauftragt sind.

„Wenn doch alle im Volk so begeisterte Propheten würden wie die beiden“, wünscht sich Mose.

 

Ist dieser Cartoon nicht auch eine hervorragende Auslegung der kleinen Szene, die wir am Anfang des heutigen Evangeliums gehört haben (Mk 9,38-41)?

Da wirkt ein Mann unter Berufung auf Jesus Wunder. Er treibt im Namen Jesu Dämonen aus. Aber er ist von Jesus gar nicht in die Nachfolge gerufen worden. Er gehört gar nicht zum Jüngerkreis.

 

Johannes will den Mann an seinem Tun hindern, es ihm verbieten. Doch auch er muss sich von seinem Meister sagen lassen: Der Geist weht, wo er will.

„Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“, sagt Jesus.

Auch außerhalb des Kreises der zwölf Apostel und außerhalb der Jüngergemeinde kann Gutes geschehen im Sinne Jesu und im Sinne des Reiches Gott.

 

Josua und Johannes kommen mir vor wie zwei erfolglose Geist-Dompteure, zwei Vertreter eines Käfig-Denkens, eines Denkens, das mit Offenheit und Freiheit seine Probleme hat.

Mose und Jesus hingegen sind zwei Kontrastfiguren. Diese beiden haben innere Größe und Weite. Sie zeigen sich weitherzig, souverän, mit Gespür für das großzügige und grenzenlose Wirken Gottes, mit Gespür für seinen „unbändigen“ Geist.

 

Freut euch doch – so sagen uns Mose und Jesus – wenn der Geist Gottes auch anderswo am Werk ist!

Freut euch doch, wenn auch außerhalb der Kirche Gutes geschieht und Menschen Liebe üben!

Freut euch über jeden guten Gedanken, über jede gute Tat, über jede Tugend, auch wenn Menschen nicht euer Parteibuch oder euer Gesangbuch haben!

 

Der hl. Augustinus hat das Wort geprägt:

„Viele sind drinnen, die draußen sind und viele sind draußen, die drinnen sind.“

Ich verstehe das so:

Jemand, der sich Christ nennt und sich zur Kirche gehörig zählt, kann „draußen“ sein, wenn er nur fromme Worte macht, ansonsten aber hartherzig und gnadenlos ist.

Und jemand der nicht Christ ist und kein Kirchenmitglied, kann „drinnen“ sein, wenn er hilfsbereit ist, sich einsetzt für Arme und Schwache, wenn er bereit ist zu teilen, zu dienen und zu lieben, wenn er sein Herz nicht vor der Not des Mitmenschen verschließt.

Vielleicht ist so jemand mehr als einer, der „drinnen“ ist, ein lebendiger Zeuge des Erbarmens und der Güte Gottes, auch wenn er sich dessen gar nicht bewusst ist.

Nicht von ungefähr hat Karl Rahner einmal das Wort vom „anonymen Christen“ geprägt.

 

„Der Geist weht, wo er will.“

Weht er nicht auch in vielen Menschen, die nicht zur Kerngemeinde in der Pfarrei zählen?

Weht er nicht auch bei Menschen, die anders fromm und anders gläubig sind als wir?

Weht er nicht auch bei Menschen in anderen Konfessionen und Religionen?

Kann es nicht sogar sein, das Gott in Menschen, die ungläubig sind, am Werk ist?

Gott ist größer als unser Herz, das manchmal so kleinkariert ist, die Grenzen so eng zieht, schwarz-weiß malt und die Menschen in Schubladen steckt.

 

Die Predigt unseres Geist-Cartoons könnte uns heilen von einem allzu engen Schubladendenken, von der Angst vor der Freiheit, von unserer Neigung zu meinen, den Geist Gottes gepachtet zu haben.

Und sie könnte uns anregen, uns über die Vielfalt der Geistesgaben zu freuen und dankbar zu sein für die vielen „Sympathisanten“, die im Geiste Jesu Gutes tun.

 

(Den Cartoon sowie Gedanken und Formulierungen zu den 6 Bildern des Cartoons verdanke ich einer Predigtvorlage von Wolfgang Raible)

 

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