Exerzitien mit P. Pius

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Die größere Gerechtigkeit

(6. Sonntag im Lesejahr A; Mt. 5, 17 - 37)

Das eben gehörte Evangelium hat es in sich. Es hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl.

Denn die Worte Jesu klingen hart, fordernd, kompromisslos.

Wer sie hört, in dem kann sich geradezu Unwille regen und Abwehr hochkommen.

 

Ist das nicht eine Überforderung, ja eine Zumutung, was Jesus da verlangt?

Sind diese Maßstäbe nicht viel zu hoch? Wer kann das schaffen?

 

Wer hat einen anderen noch nie einen Dummkopf, Idiot, blöde Kuh oder ähnliches genannt?

Wer hat sich im Zorn noch nie gegen seinen Nachbarn oder Kollegen ereifert?

Wer hat im Ärger über einen anderen noch nie gesagt oder gedacht: „Die oder den könnte ich würgen.“

Oder: „den oder die würde ich am liebsten zum Mond schießen.“

 

Oder wenn Jesus sagt: „Wenn dein Bruder etwas gegen dich hat…“

Ich muss also gar nicht mal etwas gegen ihn haben. Es genügt, wenn er etwas gegen mich hat,

„…dann lass deine Gabe, geh und versöhn dich…!“

Müssten wir da nicht alle aufstehen, den Gottesdienst vorläufig beenden und gehen?

 

Die Frage ist: Worum geht es Jesus?

 

Ein Schlüssel zum Verständnis des ganzen Textes ist der Satz:

„Wenn eure Gerechtigkeit nicht viel größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, kommt ihr nicht in das Himmelreich.“

 

Die Schriftgelehrten und Pharisäer nahmen es mit den Geboten sehr genau. Sie fasteten und opferten. Sie waren erklärte Gegner aller Lauheit und Mittelmäßigkeit. Sie taten mehr als sie mussten.

 

Nun sagt Jesus: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht viel größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer…“

Reicht das nicht aus, was die Pharisäer tun?

Noch mehr Gebote? Sie noch genauer beachten?

Noch mehr fasten, opfern, beten?

Sind die Pharisäer und Schriftgelehrten überhaupt zu übertreffen?

Kann man die Gebote noch penibler beobachten und korrekter erfüllen?

In diesem Punkt waren die Pharisäer doch Spitze!

 

Worum geht es Jesus?

Es geht Jesus gar nicht um mehr Gesetze und einen zusätzlichen Katalog von Pflichten.

Es geht ihm auch nicht um noch mehr Perfektion in der Beobachtung.

Er will nicht noch mehr Moral einbläuen oder zusätzlich Druck machen.

 

Man könnte sagen:

Jesus will nicht quantitativ mehr, sondern qualitativ.

Reine Buchstabengerechtigkeit, rein äußerliches Tun genügt ihm nicht.

 

Jesus will etwas tiefer Gehendes, nämlich eine neue Grundhaltung.

Diese besteht darin, nicht nur einfach das Böse zu meiden und seine Pflichten zu erfüllen,

sondern aus einer wahren Leidenschaft für das Gute zu leben.

Auf eine innere Haltung also kommt es Jesus an, auf das „Herz“.

 

Die Beziehung des Menschen zu seinem Mitmenschen, des Mannes zur Frau, des Glaubenden zu Gott,

diese Beziehungen werden doch nicht erst durch die schlimmsten Untaten wie Mord, Ehebruch, Krieg, Meineid gestört und zerstört.

 

Das tägliche Leben beweist zur Genüge, wie oft Mord, Ehebruch, Krieg und Meineid nur das letzte Glied einer Kette von Taten sind, die wir verharmlosen oder als Bagatelle ansehen.

 

Wer die grobe Verletzung der Gebote Gottes vermeiden will, muss ganz vorne anfangen.

Er muss auch die vielen kleinen Schritte, die zu Mord, Ehebruch, Krieg und Meineid führen, meiden.

Es gilt, schon den Anfängen zu wehren.

 

Jesus verdeutlicht, worum es geht, an einigen Beispielen:

 

Erstens: Am Leben eines anderen vergehe ich mich nicht erst, wenn ich ihn physisch töte, sondern auch, wenn ich ihm seelisch schade, indem ich ihm zürne, ihn beschimpfe, ihn bloßstelle.

 

Während das 5. Gebot des Alten Testaments lediglich den vollendeten Mord untersagt, schärft Jesus ein:

„Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“

 

Nicht die äußere Tat macht also schuldig, sondern bereits die hassgeprägte Haltung.

Nicht erst das Schlimmste, das Menschen sich antun, Mord und Totschlag, ist verwerflich,

sondern das Böse ist bereits da, wo sich im Herzen des Menschen Feindseligkeit einnistet,

wo Menschen einander mit Hass und Neid und Missgunst begegnen.

 

Jesus verrät damit eine verblüffende Menschenkenntnis.

Einen anderen tötet nicht erst, wer ihm das Messer in den Bauch stößt,

sondern ebenso, wer ihn zum Selbstmord treibt, wer ihm das Leben verleidet,

dadurch, dass er ihn zum Versager stempelt, ihn durch Arbeit zu Tode schindet oder ihm jede Liebe entzieht.

 

Wie recht Jesus hat, wenn er die neue Gesinnung des Menschen betont, bestätigt auch unsere Sprache.

Wir sagen z.B.: „Der ist für mich gestorben.“ – „Die kann ich auf den Tod nicht leiden.“ – „Den mach ich fertig.“ – „Den würde ich am liebsten zum Mond schießen.“

Da soll jemand sagen, diese Redewendungen hätten nichts mit Töten zu tun.

 

Innerlich abrüsten! Sich mit dem Bruder, der Schwester versöhnen.

Solche Versöhnung ist nicht erst dann angesagt, wenn sich in mir feindselige Gefühle regen,

sondern schon dann, wenn ich sie beim anderen vermute und wahrnehme.

Und: Solche Versöhnung, sagt Jesus, ist wichtiger als die größte Opfergabe und der feierlichste Gottesdienst.

„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“

 

Als zweites Beispiel (für die neue Gerechtigkeit) wählt Jesus die eheliche Beziehung aus.

 

Ehebruch liegt Jesus zu Folge nicht erst dort vor, wo jemand mit einem fremden Partner schläft.

Ehebruch geschieht bereits dort, wo jemand sich in Gedanken an einen anderen heranmacht, um ihn oder sie aus der bisherigen Bindung herauszulocken.

 

Darum verbietet Jesus nicht erst den vollendeten Ehebruch, sondern bereits das lüsterne Begehren.

Ehebruch beginnt bereits im Herzen.

 

Es gilt daher nicht nur die äußere Tat zu unterlassen oder sozusagen den direkten Seitensprung zu vermeiden,

sondern auch daneben und davor schon einander in der Partnerschaft zugetan, liebevoll und treu zu sein.

 

Sagen Sie es selbst:

Was wäre das für eine Ehe, wenn beide Partner unter Treue nur verstünden: Kein Ehebruch, aber alles andere ist erlaubt?

Was wäre das für eine Kümmerform ehelicher Treue?

 

Die neue Gerechtigkeit, die Gesinnung, die Jesus fordert, drängt vielmehr auf ungeteilte Liebe und Treue des Herzens.

 

Jesus greift noch ein drittes Beispiel auf: den rechten Umgang mit der Wahrheit.

 

Nicht erst der Meineid ist verwerflich.

Jedes Reden, das nicht von Lauterkeit geprägt ist, stammt vom Bösen,

jedes Ja, das kein Ja ist und jedes Nein, das kein Nein ist.

 

Deswegen will Jesus vom Schwören nichts wissen.

Wer schwört, kokettiert mit der Unwahrheit:

„In diesem Fall kannst du mir absolut vertrauen. Ich schwöre es dir.“

Aber was ist mit den anderen Fällen? Darf ich in ihnen unzuverlässig und unwahrhaftig sein?

 

Jesus will, dass wir im Innersten, im tiefsten Herzen, und immer und grundsätzlich wahrhaftig sind.

Jesus will auch hier wieder das Übel an der Wurzel treffen: im Herzen des Menschen!

 

Jesus richtet seinen Blick in die Tiefen des Menschenherzens.

Dort möchte er Ordnung schaffen. Dort möchte er dafür sorgen, dass das, was die menschlichen Verhältnisse vergiftet, ein Ende nimmt und ein anderes, ein solidarisches Zusammenleben und Miteinander unter den Menschen Platz greift und Raum hat.

„Selig, die ein reines (ein lauteres) Herz haben (ein Herz ohne Falsch), denn sie werden Gott schauen.“

 

Nun kann immer noch jemand sagen:

Aber sind das nicht doch zu hohe Maßstäbe? Ist dieser „Numerus Clausus“, den Jesus für das Reich Gottes aufstellt, nicht doch unerreichbar? Wer kann all das erfüllen?

 

Sehen Sie:

Der gleiche Gott, der diese radikalen Forderungen stellt, der uns ständig zu überfordern scheint, ist auch der barmherzige Gott, der nicht unser Verderben will, sondern unsere Rettung, nicht unseren Untergang, sondern unser Heil.

 

Er ist kein Weltpolizist, kein Staatsanwalt, kein Aufpassergott.

Gott ist vielmehr wie ein guter Vater und eine liebende Mutter.

Bei ihm gibt es immer einen Weg zurück. Bei ihm ist die Tür immer offen.

Wo Reue ist, da ist Vergebung.

 

Jesus erzählt einmal vom Gebet zweier Männer:

Der eine dankt Gott, dass er nicht wie die anderen ist, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher.

Der andere steht ganz hinten. Er schlägt an seine Brust und betet: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Dieses Gebet ist Ausdruck der neuen, der größeren Gerechtigkeit, um die es Jesus in der Bergpredigt geht.

Jesus selbst sagt von sich und seiner Sendung:

„Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu berufen, sondern Sünder.“

 

Und im 1. Johannesbrief steht der wunderbare Satz:

„Klagt uns unser Herz auch an, Gott ist größer als unser Herz. Und er weiß alles.“

Das ist einfach nur tröstlich und hoffnungsvoll.

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