Exerzitien mit P. Pius

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Jesus und die Samariterin

(3. Fastensonntag - Lesejahr A; Joh 4, 5 - 42)

„Durst nach Leben“, so prangte es vor Jahren auf einer Mineralwasserreklame!

Als ob der Lebensdurst von Menschen so leicht zu löschen wäre!

Wie viele können sich alles leisten und kaufen und trocknen trotzdem innerlich aus, verdursten seelisch!

Kein Angebot der Welt erfüllt uns ganz. Keine Mahlzeit sättigt uns für immer. Kein irdisches Glück genügt uns.

In allem ist etwas zu wenig.

 

In uns allen steckt die Sehnsucht nach erfülltem Leben, nach Sinn und Ziel, nach Glück und Gelingen, nach Liebe und Leben.

Wir schauen immerfort aus nach Mehr, nach Größerem.

Oft ist diese Sehnsucht zugedeckt vom Grauschleier des Alltags.

Manchmal ist sie tief verschüttet. Oft wurde sie enttäuscht und betrogen.

Und doch: sie ist nicht klein zu kriegen, sie ist nicht tot zu kriegen.

 

Leergebrannt, enttäuscht, unerfüllt, war auch die Frau im Evangelium, die Samariterin

„Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann!“

Aber das sagt Jesus erst mehr gegen Ende des Gesprächs.

 

Die Begegnung zwischen ihm und der Frau beginnt ganz anders. Jesus kommt nicht mit einem Transparent: „Auch du brauchst Jesus“.

Nein, er selbst zeigt sich durstig, bedürftig. Er sagt: „Gib mir zu trinken!“

Mehr noch: Jesus, der Jude, bittet die Samariterin um einen Schluck Wasser.

 

Die samaritische Frau ist völlig überrascht.

Sie spürt: sie wird gebraucht. Sie fühlt sich ernst genommen. Und das setzt ein Gespräch in Gang, das immer mehr in die Tiefe geht,

vom Wasserschöpfen aus dem Brunnen hin zu ihrem tiefen Durst nach Leben,

der bisher so oft ungestillt blieb, fast immer ungestillt.

Sie beginnt zu ahnen:

Ob er vielleicht der Messias ist, der, auf den sich meine ganze Lebenshoffnung richten kann, der meinen tiefen Lebensdurst stillen kann?

 

Es ist unglaublich, wie behutsam Jesus das Gespräch führt!

Schon wie er das Gespräch beginnt:

Da steht nicht ein Jude einer Samariterin gegenüber, nicht der überlegene Mann einer unbedeutenden Frau,

sondern ein dürstender Mensch einem dürstenden Menschen.

 

Und die Frau gerät völlig aus dem Häuschen.

Im griechischen Originaltext wird das noch deutlicher, wie sie es förmlich herausstottert:

„Wie, du, ein Jude, von mir verlangst du zu trinken, einer samaritischen Frau?“

Sie spürt, da ist einer, der sie ganz und gar ernst nimmt.

 

Da, wo das Gespräch am schwersten wird,

wo sie dann doch nicht in der Lage ist, die ganze Wahrheit über ihr Leben zu sagen,

wo sie höchstens einen kleinen Zipfel davon herauslässt: „ich habe keinen Mann“,

da holt Jesus die ganze Wahrheit ans Tageslicht.

 

Er tut es ohne jeden Vorwurf.

Er will nicht in alten Wunden herumrühren.

Er möchte die Frau nicht beschämen.

Er möchte ihr zu ihrer Wahrheit verhelfen.

Sie muss dieser Wahrheit ins Auge sehen, ihren Schattenseiten, ihren Enttäuschungen, ihrer ungestillten Sehnsucht.

Leben kann nur geheilt werden, wenn Verletzungen, Enttäuschungen,

wenn das Dunkle im Menschen ans Licht gehoben, angeschaut und angenommen wird.

 

„Herr, ich sehe, du bist ein Prophet.“

Die Frau spürt: In der Nähe dieses Menschen braucht sie nichts mehr zu kaschieren.

Sie braucht ihr zwiespältiges Leben nicht mehr zu verbergen.

Sie erfährt ihre Offenheit, ihr Stehen zur Wahrheit als Befreiung.

Ein Wandlungs- und Heilungsprozess beginnt.

Und auf einmal kann der Lebensquell in ihr wieder aufbrechen und neu anfangen zu sprudeln.

 

Leider haben wir die Geschichte früher oft sehr moralisiert.

Diese Frau sei so ein richtiges Flittchen, ein Luder.

Und als Jesus sie damit zu konfrontieren beginnt, sei sie in eine unverbindliche theologische Diskussion ausgewichen:

„Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet, ihr aber sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten muss...“

 

Mir scheint das eine verhängnisvolle Fehlinterpretation zu sein. Die Frau bleibt meines Erachtens haargenau beim Thema.

Die Frage ist:

Wo finde ich Gott?

Wo finde ich eine letzte Erfüllung meines Lebens?

Wofür und für wen lohnt sich dieses Leben?

 

Und Jesus sagt ihr:

Ja, es geht um Anbetung. Es geht um eine personale Hingabe an Gott. Es geht darum, sein Herz zu verschenken.

Aber das ist nicht an einen Ort gebunden, sondern es geschieht im Geist und in der Wahrheit.

Es geschieht, wo Menschen sich Gott öffnen, Gott Raum geben, Raum geben dieser Sehnsucht nach dem lebendigen und lebenspendenden Gott.

Es geschieht, wo sie im Innern auf die Stimme dessen hören, der sagt: „Ich bin es, ich, der mit dir redet.“

 

Und da öffnet sich der Frau in der Begegnung mit Jesus eine letzte Hoffnung:

All das Unerfüllte, all die Enttäuschungen, die heimlich geweinten Tränen, die Demütigungen... Gott hat das wahrgenommen.

Er wird die ungestillte Sehnsucht erfüllen, über alles menschliche Erwarten hinaus.

 

Jesus erweist sich in dieser Erzählung als ein unglaublich sensibler Wegbegleiter.

Er zeigt sich als einer, der voller Sympathie auf ein Menschenleben sieht, in dem so viele Hoffnungen verschüttet waren.

Er bringt den Lebensquell wieder zum Sprudeln.

So geht er mit uns Menschen um, auch heute!

Und das tut einfach nur gut.

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